Schorsch Kamerun. Foto: Markus J. Feger

Schorsch Kamerun. Foto: Markus J. Feger

Schorsch Kamerun. Foto: Markus J. Feger

DIE STUNDE NULL

Die Zerlegung einer Werbeagentur als Befreiungsakt: Am Schauspiel Köln führt Schorsch Kamerun seine Darsteller aus der Selbstverwirklichungshölle in eine ungewisse Zukunft. Und die Zuschauer durch ein begehbares Konzert. In Zeiten der »Occupy«-Bewegung ist »Der entkommene Aufstand« vielleicht das Theaterexperiment der Stunde.

 

TEXT: INGO JUKNAT

Die Revolution verzögert sich. »Wollen Sie auch zum Aufstand?«, fragt eine ältere Dame am Eingang des Kölner Expo-Lofts. Sie trägt roten Lippenstift zu komplett schwarzer Kleidung. Ihr Gegenüber, ein Mädchen mit Haarspange und freundlicher Kirchentags-Aura, nickt. Es ist 17 Uhr, in einer Stunde gehe es los. Drinnen herrscht schon Betrieb. Auf einer grell beleuchteten Bühne versuchen zwei Frauen in Aerobic-Outfits, bunte Klebezettel von der Wand zu saugen. Von Weitem betrachtet, ergeben sie drei Worte: »Der entkommene Aufstand«. Die Aerobic-Frauen umklammern den Rüssel des Staubsaugers mit vier Händen, als wollten sie eine Flagge auf Iwo Jima hissen. Die Klebezettel gehen trotzdem nicht ab. Schorsch Kamerun steigt von seinem Ausguck auf einer Leiter und zieht ein paar Post-its von Hand ab. Dann kommt der Sauger wieder drauf. Eine Fotografin hält die Szene fest, sie bildet das Plakatmotiv für Kameruns neues Stück.

Der Regisseur selbst nennt es einen »Zustand«. »Der entkommene Aufstand« hat kein Drehbuch, nur ein paar Bühnenanweisungen. Die heutige lautet: Zerstört die Kulissen. 50 Freiwillige sind gekommen, um die Büros einer fiktiven Werbeagentur zu zerlegen. Die Insignien der kreativen Klasse sind gut eingefangen: Tische mit weißen Macintosh-Rechnern, Designerstühle aus Plexiglas, To go-Kaffee aus Logobechern, Konzertposter. Selbst die unvermeidliche Spielecke der Dotcom-Hipster fehlt nicht, in diesem Falle ein begehbares Schachbrett.

In diese Kulisse sollen die Komparsen einbrechen. Ob es Mitarbeiter der Agentur sind, Kapitalismuskritiker oder schnöde Kriminelle, lässt das Stück bewusst offen. Die erste Szene spielt nachts. Die Schauspieler schleichen mit Taschenlampen durch das dunkle Büro, stöbern in Unterlagen, öffnen Schubladen. Manche der Freiwilligen tragen weite Nickipullis und übergroße Retrobrillen. Für Diebe sehen sie ein bisschen zu gestylt aus, andererseits passen sie zum Designerloft der Agentur. Am Anfang verläuft der Einbruch ruhig, später werden die Darsteller randalieren – Stühle umwerfen und iMacs von Tischen schmeißen. Die Zuschauer werden diese Szenen auf Überwachungsmonitoren sehen.

Die eigentliche Handlung spielt am zweiten Tag. Das Büro ist zerstört, die »Aufständischen« stehen vor der Frage, was jetzt passieren soll. Welche Ordnung wird auf der alten errichtet, wenn überhaupt? Wird sich ein Anführer herausbilden? Werden einige versuchen, die Lage für sich auszunutzen? Kamerun zeigt einen Zwischenzustand – einen realen und sozialen Trümmerhaufen, auf dem (vielleicht) etwas Neues entsteht. Das ist die Ausgangssituation, in die man die Zuschauer hineinführt. Die verwüsteten Agenturräume bilden die Szenerie, um sich frei darin zu bewegen. Während der Aufführung erklingt über Kopfhörer Musik. Sie kommt nicht von Band, sondern aus einem kleinen Glaskasten, in dem Kamerun und Band live spielen. Die Songtexte enthalten die Sorgen und Zukunftswünsche der Komparsen. Mehr als 50 Interviews hat Kamerun im Vorfeld geführt. Die Darsteller sollten ihre persönlichen Utopien nennen, ihre Hoffnungen auf eine bessere Welt, wenn man es pathetisch ausdrücken will. Aus den Gesprächen hat er Texte geformt, die den Soundtrack zur Inszenierung bilden.

Die Idee, das Ganze als Mischung aus Theaterstück und Konzert zu präsentieren, lag nahe. Immerhin kommt Kamerun aus der Musik. Seit mehr als 25 Jahren ist er Sänger der Politpunk-Band Die Goldenen Zitronen. Als Regisseur trat er erst in den letzten Jahren in Erscheinung. Am Schauspiel Köln mit zwei Aufführungen: »M.S. Adenauer« und »Des Kaisers neue Kleider«, einer vielgelobten Kindertheaterproduktion.

Dass »Der entkommene Aufstand« extrem aktuell wirkt, ist Kamerun fast peinlich. Tatsächlich entstand die Idee Ende letzten Jahres. Da waren der arabische Frühling und »Occupy Wall Street« noch kein Thema. Die Ereignisse der letzten Monate aber faszinieren ihn: »Ich glaube, da drückt sich eine echte Weltunzufriedenheit aus. Und ein Wunsch nach größerer Veränderung.« Die Interviews scheinen das zu bestätigen. Viele der Gesprächspartner hätten ihm von persönlichen Depressionen und Überforderungsgefühlen erzählt, sagt Kamerun. Der Grund dafür sei nicht leicht zu benennen. »Es ist komisch. So eine lange Friedensphase gab es in Zentraleuropa noch nicht; so frei hat es sich eigentlich noch nie angefühlt. Und doch stellen immer mehr Menschen dieses scheinbar funktionierende System infrage.«

Aber liegt es wirklich nur am gesellschaftlichen Rahmen? Machen wir uns den Selbstverwirklichungsdruck nicht oft selbst? Kamerun nickt. Er sehe das genauso. »Ich gehöre ja selbst zu den Kreation-und-Depression-Typen. Auch ich muss umdenken und verstehen, dass mein Expandieren aufhören, dass ich mich entschleunigen muss.«

Gleichzeitig gehe auch vom Markt, sprich: vom Wirtschaftsystem, enormer Druck aus.

Dass es zum aktuellen System derzeit kaum ausformulierte Alternativen gibt, räumt Kamerun ein. »Andererseits finde ich es auch klug, dass man noch keine Ideologien bereitstellt, sondern erst mal feststellt und Nein sagt – auch physisch.« Was dabei schief gehen kann, hat er im Kleinen schon erlebt. Bei der Bürozerstörung gab es einen Unfall. Ein Teilnehmer musste verarztet werden. »Erstaunlich, wie das ausgeartet ist. Ich dachte, die werfen erst mal mit Papier, dann flogen gleich die Stühle.« Der Darsteller ist wohlauf. Kamerun guckt ein bisschen verlegen: »Da ist anscheinend ein Bedürfnis nach Rausch.« Dass nicht jede Rebellion hehre Ziele hat, weiß er aus eigener Erfahrung. Als Jugendlicher habe er bei bestimmten Dingen auch »aus einem gewissen Thrill heraus mitgemacht. Aufstand hat immer eine Dynamik, die nicht ganz regelbar ist. Eine solche Entgrenzung scheint aber auch notwendige Basiszutat für einen ordentlichen Neustart.«

Am Ende ist Kameruns Bühnenexperiment dreifach unberechenbar. Auf der Handlungsebene, weil nicht klar ist, wohin die Rebellion führt (falls sie nicht verpufft); auf Seiten der Darsteller, weil sie kaum Regieanweisungen haben; schließlich für das Publikum, das nicht an seine Sitze gefesselt ist. Eine ganz neue Freiheit. Vielleicht.

 

»Der entkommene Aufstand«. Premiere: 3. Dez. 2011. Aufführungen: bis 21. Dez. 2011. Schauspiel Köln/Expo-XXI-Loft, Gladbacher Wall. www.schauspielkoeln.de

 

Bühne
12 / 2011

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Von: INGO JUKNAT


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