Merce Cunningham, »Scenario«. © Merce Cunningham Trust / Foto: Gert Weigelt

GUT GEPOLSTERT

Das Ballett am Rhein mit »b. 19« 

 

TEXT: BETTINA TROUWBORST

Das Innenleben eines PCs ist ganz schön bewegt. Hier funktionieren die Prozessoren und Platinen nicht nur, ästhetisch wohlgeordnet, mit tänzerischer Geschmeidigkeit. Zwischen den Elementen spielen sich Dramen ab. Jedenfalls in der Fantasie des jungen Choreografen Antoine Jully, der mit seiner dritten Uraufführung für das Ballett am Rhein den dreiteiligen Abend  »b. 19« in Düsseldorf eröffnet. In »Hidden Features« (etwa: Verborgene Eigenschaften) verliebt sich die bunte Grafikkarte (Marlúcia do Amaral) in das übermächtige Motherboard (Rashaen Arts), und schwarze Viren überwältigen die fleißigen Bewohner des futuristischen Technik-Kosmos. Am Ende beißt die kokette Grafikkarte in den Apfel, den das Motherboard ihr reicht. Eine sinnfällige Pointe, die in der Computerbranche neue Bedeutung gewinnt. Ohne einen Blick ins Programmheft erschließen sich die inhaltlichen Feinheiten allerdings nicht. Jully wählte für sein kurzweiliges Tanzstück nicht nur ein erfrischendes Sujet, er ist auch in seinem choreografischen Material origineller geworden. Er wechselt in der nächsten Spielzeit als Chefchoreograf an das Oldenburgische Staatstheater.

Auf den Franzosen folgen zwei Meisterchoreografen, die übrigens zu ihrer Zeit multimediale Avantgardisten waren: Merce Cunningham und Hans van Manen. Erstmals tanzt ein deutsches Ensemble Cunninghams »Szenario« von 1997. Die extravagante Ausstattung der Modeschöpferin Rei Kawakubo prägt das Werk. Die blau-weiß und grün-weiß gemusterten Kostüme sind an Rücken, Oberkörper, Hüfte oder Bauch mit Wülsten gepolstert. Das Auge ist irritiert: Trotz deformierter, behindernder Konturen bewegen sich die Tänzer leichtfüßig, Balancen stehen im Widerspruch zu den Polster-Proportionen. Der Humor des Giganten der US-Postmoderne spielt mit den Erwartungen von Makellosigkeit an das Ballett, noch dazu zu quäkendem, quietschendem Sound. Einige Besucher fanden es nicht witzig und verließen den Saal. Wer nach der Pause zurückkam, wurde mit Hans van Manens »Großer Fuge« (1971) zu Beethoven belohnt: noble Neoklassik mit anekdotischen Akzenten, wunderbar getanzt.

http://operamrhein.de

 

Bühne
05 / 2014

GUT GEPOLSTERT

Von: BETTINA TROUWBORST