Daniel Brenna als Tannhäuser und die Minne-Boy Group. Foto: Thomas M. Jauk

IMITATIO CHRISTI

Wagner I: »Tannhäuser« in Dortmund

 

TEXT: REGINE MÜLLER

Auf den letzten Metern des Jubiläumsjahres hatte das Dortmunder Opernhaus noch einen neuen »Tannhäuser« herausgebracht. Die Konstellation erinnert fatal an das Düsseldorfer Debakel vom Mai 2013, das als Skandal der Saison gelten kann. Denn sofort nach der Premiere wurde Burkhard C. Kosminskis plump mit Nazi-Motiven hantierende Inszenierung nach heftigem Protest umstandslos abgesetzt. Regisseur Kay Voges ist wie Kosminski Opernneuling, der vom Schauspiel kommt, auch er Theaterleiter – nebenan im Dortmunder Schauspiel. Damit hat es sich aber schon mit den Gemeinsamkeiten, sieht man davon ab, dass Voges (wie Kosminski) gewagte, sensible Aktualisierungsbezüge wählt. Doch tappt dieser Wagner-Novize nicht in die Nazi-Falle, sondern nennt den Roman »Die letzte Versuchung Christi« von Nicos Kazantzakis als Inspirationsquelle, um den Titelhelden als Spiegelung der Christusfigur zu begreifen.

Tannhäuser trägt weißes Gewand und Dornenkrone, was ihn zunächst nicht daran hindert, im Venusberg (eine kleinbürgerliche Behausung der späten 50er Jahre) vor dem Fernseher Bierdosen zu öffnen und nur widerwillig seine Liebesgöttin auf dem Küchentisch zu beglücken. Später fließt das Blut in Strömen, und man mag kaum glauben, dass Tannhäuser jemals Mitglied der prollig gestylten Minnesänger-Pop-Gruppe war, als welche sich seine alten Mitstreiter in Song-Contest-Manier aufblähen.

Wichtigster Mann im Voges-Team ist Daniel Hengst, der eine betäubende Video-Flut öffnet, die nahezu pausenlos das Geschehen (alb)-traumartig überhöht, verkitscht, comichaft  karikiert, inklusive einer Nam-June-Paik-artigen Monitorkonstruktion in Form eines Kruzifix, das der Titelheld bisweilen erklimmt. Der Sturm der Assoziationen weht auch Plattitüden auf die Szene, aber kreist letztendlich erstaunlich genau den Kern des Konflikts zwischen sinnlichem Genuss (hier eher Bequemlichkeit) und spiritueller Mission ein. Bei der Personenregie gibt es wohl Durststrecken, aber insgesamt glückt eine packend intensive Deutung.

Auch musikalisch prescht Dortmund nach vorn: Daniel Brenna als Tannhäuser singt ökonomisch und präsentiert trotz leicht aufgerauter Helden-Spuren einen höchst flexiblen Tenor, dem eine vom Wahnsinn durchbebte Rom-Erzählung gelingt, die man nicht vergisst. Christiane Kohl ist eine treffsichere, füllig aufblühende, hoch kultivierte Elisabeth; Gerardo Garciacano räumt mit seinem rhetorisch und stimmlich souveränen Wolfram-Bariton ab; Christian Sist ist ein imposanter, etwas übertouriger Landgraf, Hermine May eine sirenenhafte, höhensichere Venus. Der neue GMD Christian Feltz steuert die Philharmoniker sicher durch die Stürme der Partitur, legt rasche, fast nüchterne Tempi vor und achtet sorgsam auf Transparenz.

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Bühne
02 / 2014

IMITATIO CHRISTI

Von: REGINE MÜLLER