Am Ende auch noch eingeseift: Ferdinand und Luise in Köln. Foto: David Baltzer

KABALE IN DER KISTE

Köln: Wie man Schiller zur kritischen Masse macht 

 

TEXT: ANDREAS WILINK

Es geht um alles. Also um nichts: um Machtmissbrauch und Korruption (Luise zieht die Pofalla- und Wulff-Karte), um Arbeiter-Ausbeutung in der ersten und dritten Welt, um Waffenhandel, Chemo-Folter, Medien-Missbrauch, um Kriegsverbrechen in Russland, Prostitution, die Arabellion, Datenmissbrauch (Ferdinand ist allen Ernstes im »Snowden-Team«), natürlich um die Deutsche Bank, aber auch um das Ende der DDR und was jüngere Geschichte noch so an Unrecht im Angebot hat. Dafür wird Schiller geopfert: »Kabale und Liebe« und zum Finale sein »Don Carlos« im Verschnitt. Ist auch schon egal. Der Regisseur, dessen Name noch weniger zur Sache tut, als die in seiner Inszenierung tätigen Darsteller, situiert das bürgerliche Trauerspiel bei »Amazon« im Arbeitermilieu, das so pittoresk aussieht wie sonst nur bei Kaurismäki. Eine Lagerhalle, mal wieder im Depot 1 – was bleibt dem Kölner Schauspiel hier auch übrig. Munter hoppelt und hämmert die Musik; eine Hitler-Maske tanzt beim Techno-Beat mit, den später die Next-Top-Models hinzucken. Nach fünf Minuten hat sich die Aufführung erledigt, wenn Mutter Miller (der Vater wurde widersinnig gestrichen) und der Vorarbeiter-Kasper Wurm (vormals Sekretarius beim Präsidenten von Walter) von Billetten und Bouteillen reden, aber besser von Buletten sprächen. Erwartungsgemäß stimmt Ferdinand Popsongs auf dem Flügel an (»The power of love, cleaning my soul« – Schiller machte bessere Verse) und ist wild romantisch und sehr entgrenzt, ein Trockenschwimmer im Meer der Aktualitäten und Banalitäten und angeschmiert wie ein Mowgli als Occupy-Aktivist. Das alles ist himmelschreiend blöde und auf der nach oben hin weit offenen Skala der Dummheit und Dreistigkeit auf unserem Theater an exponierter Position. Gegenüber diesem Regisseur ist Chorführer Volker Lösch ein differenzierter Analytiker. Was aber die sozial, politisch und ästhetisch irrelevante Inszenierung zum Ärgernis, nein, viel schlimmer: zur Obszönität macht, ist der dekorative, modisch attitüdenhafte, effektversessene Clip-Stil, mit dem sie selbstgefällig ihre kritische Masse vorbringt. Die schreiende Unbedarftheit des Spiels, der Dilettantismus der Statisten und die eingeblendeten Videobilder von Tod und Vernichtung sind schlimmer als das, was man hier anzuprangern vorgibt. Eine schäbige Darbietung. Herr Intendant, Stefan Bachmann, schämen Sie sich!

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Bühne
02 / 2014

KABALE IN DER KISTE

Von: ANDREAS WILINK