Nis-Momme Stockmann. Foto: Nadine Elfenbein

»WAHNSINNIG ÖFFENTLICH«

Beim Mülheimer »stücke«-Wettbewerb ist Nis-Momme Stockmann einer der sieben ausgewählten Dramatiker. Eingeladen wurde er mit »Kein Schiff wird kommen«. Der 1981 geborene Autor ist der Shootingstar der Saison. Ein Porträt.

TEXT: ELENA PHILIPP

Nis-Momme Stockmann war plötzlich da. Zumindest aus Sicht des deutschsprachigen Theaterbetriebs. Der 1981 auf der Nordseeinsel Föhr geborene Autor und gelernte Koch, der seit 2008 an der Berliner Universität der Künste Szenisches Schreiben studiert, erhielt vor einem Jahr, im Mai 2009, beim Heidelberger Stückemarkt den Jury- und den Publikumspreis.

Nur zwei Tage später wurde er für den gleichen Text, »Der Mann der die Welt aß«, beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens mit dem Werkauftrag ausgezeichnet. Ruckzuck hatte ein zuvor kaum bekannter Bühnenschriftsteller zwei der wichtigsten Preise für Neue Dramatik auf einmal gewonnen, ohne dass bis dahin ein einziges seiner Stücke inszeniert worden wäre.

Ein Jahr nach dem Senkrechtstart ist Stockmann bekannt und begehrt. Drei Stücke sind mittlerweile uraufgeführt. Der prämierte Text, »Der Mann der die Welt aß«, kam Ende 2009 in Heidelberg heraus (Regie: Dominique Schnizer). Im Januar und Februar 2010 folgten die Uraufführungen von »Das blaue blaue Meer« am Schauspiel Frankfurt (Marc Lunghuss) und »Kein Schiff wird kommen« am Staatstheater Stuttgart (Annette Pullen). Die Stücke werden von Bremen bis Ingolstadt republikweit nachgespielt. Stockmann ist allgegenwärtig. »Das blaue blaue Meer« schlug kürzlich auch bei den Autorentheatertagen in Berlin ans Ufer. »Kein Schiff wird kommen« findet beim Rahmenprogramm des Theatertreffens seinen Hafen – und Stockmann selbst ist für den Mülheimer Dramatikerpreis 2010 nominiert. Neuling in einer illustren Konkurrenz mit Elfriede Jelinek, Roland Schimmelpfennig oder Dea Loher.

Jedes der vorliegenden Stücke findet eine eigene Form, hat aber ein Thema: das Ganze im Gewöhnlichen: – »Über das Kleine erzählt sich das Große«. »Der Mann der die Welt aß« umkreist umgangssprachlich das Scheitern eines Lebensentwurfs: Ein Mann verstockt in seiner Verantwortungslosigkeit gegenüber den eigenen Kindern wie dem an Demenz erkrankten Vater. »Das blaue blaue Meer« könnte man ein Sozialdrama nennen. Eine Wohnsiedlung am Stadtrand und die Beschädigungen der Bewohner: Alkohol, Drogen, Kindesmisshandlung, Selbsttötung, Mord. Die Hauptfigur Darko reflektiert: »Und sie sagen in den Sendungen, und die Menschen, die sie sehen, denken: Leute die sowas tun, sind so stumpf. Aber ich bin nicht stumpf. Ich bin schrill und spitz. Und ich leide.« Darko leidet an diesen Vorurteilen,in kunstvoll verdichteter Sprache. Das ist gleichermaßen berührend wie intelligent erfasst. Der FAZ-Chef-Theater-Richter erklärte folglich Stockmann zum »Sanitäter, der schöne, durchaus poetengesalbte, manchmal leicht kitschgetränkte, immer aber menschenfreundliche Wortwundverbände anlege«.

Der Betrieb summt um ihn herum, doch Stockmann ficht der Hype wenig an. »Ich mache, was ich immer gemacht habe, ich interessiere mich für einen Haufen Kram und betreibe das irgendwie.« Die Bezeichnung Autor findet er »einschränkend, weil ich in meinem Beruf so viele Medien erzeuge«. Das Aufschreiben von Text sei »ja nur ein Teil davon, für den ich jetzt innerhalb kürzester Zeit wahnsinnig öffentlich gemacht wurde«.

Neben Dramen schreibt Stockmann Lyrik und Essays. Aktuell verhandelt er mit Verlagen über sein Prosadebüt. Zudem interessiert er sich für Fotografie und wurde 2005 zusammen mit dem Videokünstler Christian Prasno für »Ignorans« mit einem dänischen Kurzfilmpreis ausgezeichnet.

Dem 28-Jährigen stehen die Theatertüren offen, doch einer Betriebskarriere kann er wenig abgewinnen. Er lobt zwar die »tollen Zusammenarbeiten«, sieht sie aber auch als »überholte, erschöpfende und synthetische Art« an. »Zwei Leute werden zusammengesteckt, Regisseur und Autor, die sich nicht kennen, die sich das nicht ausgesucht haben. Das hat keine innere Notwendigkeit oder Haltung.«

Nicht Liebe treibe das Entstehen voran, sondern ein Produktionszwang, die Idee, dass am Ende eine Aufführung fertig sein müsse – und zwar möglichst publikums- und kritikerwirksam. »Das sind Zwänge, gegen die ich mich gerade mit Händen und Füßen wehre.«

Auch mit dem starren Bild vom Dramatiker, der in seinen realistischen Stücken das Große im Gewöhnlichen entdecke, kann er nichts anfangen. »Diese Stücke, die jetzt gespielt werden – das Theater ist ja ein sehr träges Medium –, habe ich vor einem Jahr geschrieben. Sie werden jetzt diskutiert, aber ich bin bereits an einen ganz anderen Ort gegangen …«

Er möchte zunehmend selbst inszenieren, vor allem zusammen mit der Truppe Herkules Manhattan. Experimentelle Formate auf Basis seiner Textflächen erarbeitet er mit Gleichgesinnten, dem Elektro-Pop-Duo Les Trucs, der Bühnenbildnerin und Mitinszenatorin Yassu Yabara und Christian Prasno. Was da kollektiv passiere, sei »ein großes Zusammenfügen, fast wie in einer Graswurzelstruktur«. Am Schauspiel Frankfurt gastiert das Ensemble mit einem literarischen Varieté unter dem Titel »Herkules Manhattans holistisches Kompendium des modernen Seins«. Chaotisch, bunt und gewitzt stellt man es sich vor, wenn »10.000 Jahre Kulturgeschichte / 10 Milliarden Jahre Universum – seefachmännisch verknotet in einem Raum!« gezeigt werden.

Nis-Momme Stockmann verficht das work in progress. »Ich entdecke gerade ein Arbeiten, das Anfang und Ende nicht klar definiert. Ein Theaterstück ist ja sehr final in seiner Form. Aber ein Prozess des Theaterwerdens besteht aus einer Mitte, aus der dann Dinge ausgekoppelt werden.« So schreibe er im Moment. »Ich entnehme Dinge und kontextualisiere sie neu, arrangiere sie mit Musik, gebe sie an Autoren, die weiter schreiben und sie wieder zurückgeben.« Die Vision vom »einen großen Text, in dem alle Formen und Genres konvergieren«. Er sei kein Formalist, sagt Stockmann: Er »möchte einfach meinen Gedanken und Gefühlen keine Limitierung mehr im Text geben, sondern dass sie sich entfalten dürfen«.

Offene Formen, frei gewählte Arbeitszusammenhänge, das Interesse am Prozess, der wichtiger ist als das Resultat: Meint er das in freundlicher Anarchie als Absage an den Theaterbetrieb, an feste Häuser und ihre Strukturen mit Spielplan und Premierenzirkus? Er werde sehr viel selbst machen, sehr viel Texte selbst inszenieren und an Theatern aktiv arbeiten. Aber die klassische Konstellation – hier Autor, dort Regisseur – schließt er nicht aus.  

Für den Vater zweier Töchter ist es nicht unerheblich, sich über Stückaufträge und Tantiemen zu finanzieren. In Frankfurt am Main etwa ist er seit der Spielzeit 2009/10 für drei Jahre als Hausautor beschäftigt und hat sich zu drei Uraufführungen verpflichtet (die zweite steht im kommenden November an). Der Mann ist gut im Geschäft, doch einkaufen lässt er sich nicht.

Stockmanns drittes Stück, »Kein Schiff wird kommen«, ist kritisches Meta-Theater. Ein Nachwuchsautor soll darüber schreiben, wie der Fall der Mauer in der Isoliertheit der Nordseeinsel Föhr aufgenommen wurde. Lange dreht sich alles um die Schreibnöte und das Vater-Verhältnis des auf seiner Heimatinsel recherchierenden Protagonisten, bis der Knoten platzt: Nicht der Mauerfall ist die Geschichte, sondern »die Wende mit meiner Mutter«, die 1989 an Alzheimer im letzten Stadium erkrankt war. Die Wendung ins Persönliche also. »Schreiben Sie doch mal was Großes«, fordert hingegen ein Theaterintendant. Mit dieser gönnerhaften Attitüde, Gespreiztheit und Eitelkeit rechnet Stockmann gehörig ab, der zum Zeitpunkt des Verfassens in der nämlichen Rolle war.

»Zum Beispiel die Intendanten«, denkt sich der Autor in dem Dramentext, »die sitzen da, stützen ihre Gesichter in ihre fetten Fäuste, haben auf nichts mehr Bock, und alles ist eine Erinnerung daran, wie leicht alles mal fiel.«

Als Nestbeschmutzer sei er deswegen schon mal gescholten worden, erzählt der Wahlberliner Nis-Momme Stockmann in seinem Kreuzberger Lieblingscafé. Aufgeführt wurde »Kein Schiff wird kommen« trotzdem – oder gerade deshalb. Intendanten-Beschimpfung als Steigerung der Publikumsbeschimpfung. Mag ihm der Erfolg an sich nicht viel bedeuten, er gibt Nis-Momme Stockmann die Möglichkeit, zu arbeiten, wie er will und im  »Fluss ohne Ufer« zu schwimmen, um es mit einem Werk von Hans Henny Jahnn zu sagen, dessen Stücke er ebenso schätzt wie Büchners »Woyzeck«. Als Dramatiker fühlt er sich sonst wohl eher allein auf der Insel.

35. Mülheimer Theatertage: »stücke«15. Mai bis 3. Juni 2010;www.stuecke.de 

Bühne
05 / 2010

»WAHNSINNIG ÖFFENTLICH«


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