»Tod und Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir« von Nis-Momme Stockmann. Foto: Katrin Ribbe

»Von den Beinen zu kurz« von Katja Brunner. Foto: Katrin Ribbe

WIE KOMMEN DIE »STÜCKE« NACH MÜLHEIM?

Ein Mitglied des fünfköpfigen Auswahlgremiums 2013 kann die Kür für den Dramatikerpreis erklären.

 

TEXT: WOLFGANG KRALICEK

Man könnte die Mülheimer Theatertage (vulgo »Stücke«) als Mischung aus Berliner Theatertreffen und Berlinale beschreiben. Mit dem Theatertreffen haben sie gemeinsam, dass sie nicht von einem Intendanten oder einer Kuratorin programmiert werden, sondern von Theaterkritikern – dem »Auswahlgremium«. Wie bei der Berlinale wird am Ende ein Preis verliehen: von einer Jury, die während des Festivals die Wettbewerbsbeiträge sichtet.

Beim Theatertreffen werden die zehn »bemerkenswertesten« Inszenierungen des Jahres gezeigt, in Mülheim die sieben bis acht besten deutschsprachigen Stücke. Das Konzept klingt einfach. In der Praxis kann es aber ganz schön kompliziert werden. Das prinzipielle Problem lässt sich schon an der Wortwahl ablesen: Das Festival heißt Mülheimer Theatertage, am Ende aber wird der Mülheimer Dramatikerpreis vergeben. Es geht also primär um Stücke, gezeigt werden aber Aufführungen. Die »Stücke« sind Autoren- und Theaterfestival zugleich. Das macht es für das Auswahlgremium nicht leichter. Es reicht nicht, die Qualität eines Stücks zu bewerten, auch die Qualität der Inszenierung ist zu berücksichtigen. Die fünf Mitglieder des Auswahlgremiums müssen also nicht nur lesen, sondern auch reisen.

100 NEUE DRAMEN WURDEN GESICHTET

Für Mülheim kommen alle deutschsprachigen Stücke in Frage, die in dem seit dem letzten »Redaktionsschluss« (meist Anfang März) vergangenen Jahr uraufgeführt wurden; für das Festival 2013 waren genau 100 Dramen im Topf. Natürlich liest nicht jeder im Auswahlgremium alle Stücke, aber jedes Stück wird von mindestens einem Kritiker begutachtet. Wird es für diskutabel befunden, lesen’s auch die anderen. Im nächsten Schritt wird dann die Aufführung besucht. Es kommt nämlich vor, dass Stücke nicht nach Mülheim eingeladen werden, weil das Auswahlgremium die Inszenierung nicht für festivalwürdig hält. Das ist für den betreffenden Autor einerseits zwar bitter, gehört andererseits aber zur Natur der Sache: Der Text allein ist noch kein Theater. Das macht das »Stücke«-Festival so lebensnah.

In diesem Jahrgang gab es keinen derartigen Härtefall. Dafür waren einige Stücke in verschiedenen Inszenierungen zu sehen, was dem Gremium die Qual der Wahl bereitete. Besonders knifflig: Elfriede Jelineks an drei Bühnen inszeniertes Stück »FaustIn and out«. Die Autorin versteht ihren Text als »Sekundärdrama« und möchte ihn nur in Zusammenhang mit Goethes »Faust« aufgeführt sehen. Die überzeugendste Lösung für diese Vorgabe hat Dusan David Parisek am Schauspielhaus Zürich gefunden. In seiner Inszenierung ist Jelineks Text sozusagen als blinder Passagier an Bord. Während auf der großen Bühne Goethes »Faust« (in einer Fassung für zwei Darsteller) gespielt wird, läuft in einem kleinen Raum im Keller »FaustIn and out«. Ungefähr zur Hälfte der Aufführung kommen die beiden Welten zusammen, die Jelinek-Zuschauer aus dem Keller übersiedeln zu Goethe ins Parkett.

JEDES JAHR EINES VON JELINEK

Keine Frage: Dieses Konzept kommt den Intentionen der Autorin am nächsten. Trotzdem wurde unter uns lange diskutiert, ob man eine Inszenierung nach Mülheim einladen kann, in der das neue Stück nur eine sekundäre Rolle spielt und die Mehrzahl der Besucher hauptsächlich Goethe sieht? Die Lösung: Der Jelinek-Teil wird in Mülheim sowohl im Rahmen der »Faust«-Inszenierung als auch separat gespielt, sodass alle Besucher die Möglichkeit haben, ihn zu sehen. Obwohl es den Anschein hat, ist das Auswahlgremium übrigens nicht verpflichtet, jedes Jahr ein Stück von Elfriede Jelinek zu nominieren. Wir machen das freiwillig! Wie die Autorin in »FaustIn and out« (ihrem 14. in Mülheim gezeigten Stück) den Goethe-Text mit dem Fall Kampusch und dem Fall Fritzl verknüpft, wie sie Heinrich Faust zum archetypischen Täter-Mann stilisiert, hat etwas Schlagendes. Und die Aufführung, die in Mülheim zum letzten Mal zu sehen sein wird, ist ein besonderes Theatererlebnis.

Sexueller Missbrauch ist das zentrale Thema in Mülheim 2013. Auch die Stücke von Katja Brunner und Franz Xaver Kroetz handeln davon. Franz Xaver Kroetz? Ja, genau der. Der bayerische Theaterstar der 70er- und 80er-Jahre hat seine Dramatiker-Laufbahn inzwischen zwar offiziell für beendet erklärt und das nach Mülheim geladene Stück »Du hast gewackelt« schon vor zehn Jahren geschrieben. Uraufgeführt aber wurde es erst jetzt. Warum das Stück, in dem er den damals aktuellen »Fall Pascal« verarbeitet, so lange niemand spielen wollte, ist schwer erklärlich. Möglicherweise sind die Theater vor einem Text zurückgeschreckt, der radikal aus Täterperspektive geschrieben ist: Fünf Männer reden ihre Verbrechen schön. Jeder Satz ist eine schamlose Verharmlosung oder eine infame Lüge. Das »Requiem für ein liebes Kind«, dies der Untertitel, ist eine einzige Apologie.

Ein Gegenstück zu »Du hast gewackelt« in der Auswahl ist »Von den Beinen zu kurz«. Die 1991 geborene Schweizerin Katja Brunner verhandelt in ihrem auch sprachlich außergewöhnlichen Debüt einen familiären Missbrauchsfall aus der Innenperspektive der Beteiligten heraus. Die Hauptstimme gehört der Tochter, die den Missbrauch allerdings schönredet und den Vater verteidigt. Brunner ist eine von fünf Frauen in Mülheim – und eine von drei »Stücke«-Debütantinnen.

Die anderen heißen Marianna Salzmann und Azar Mortazavi, beide haben migrantischen Hintergrund. Die 1985 in Wolgograd geborene,1995 nach Deutschland übersiedelte Salzmann lässt in »Muttersprache Mameloschn« drei Generationen jüdischer Frauen aufeinanderstoßen: Die Großmutter, eine KZ-Überlebende, war in der DDR überzeugte Kommunistin, ihre Tochter hat das nie verstanden, und die Enkelin hat gerade beschlossen, lesbisch zu sein und nach New York zu ziehen. Das könnte schwerer Stoff sein, wird von Salzmann aber zu einem überraschend leichten Dialogteppich verwoben.

LEILA IST DIE VIELLEICHT STÄRKSTE FIGUR

Die 1984 geborene Azar Mortazavi – ihr Vater ist Iraner – hat mit der Heldin ihres Stücks »Ich wünsch mir eins« die vielleicht stärkste Figur aller Stücke des aktuellen Jahrgangs erfunden. Die junge Leila wünscht sich so sehr ein Kind, dass sie sich mit Haut und Haar einem Mann an den Hals wirft, der definitiv die falsche Wahl ist. Genauso erfrischend direkt und geradlinig wie Leila auftritt ist auch Mortazavis Stück geschrieben.

Das im Wortsinn unmöglichste Stück der Spielzeit stammt von Nis-Momme Stockmann. »Tod und Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir« handelt von einem Banker, der das System aushebeln will und dabei zu ebenso untauglichen Mitteln greift wie Stockmann in seinem unförmigen, Hunderte Seiten langen Stück. Der tollkühne Ansatz hat das Gremium ebenso beeindruckt wie Lars-Ole Walburgs Hannoveraner Inszenierung, die Stockmanns Vorlage zu einem fünfstündigen, erstaunlich kurzweiligen Abend verdichtet.  

…UND EIN WELL MADE PLAY

Das meistgespielte neue Stück der Saison ist Moritz Rinkes an Yasmina Rezas Edelboulevardkomödien geschultes Drama »Wir lieben und wissen nichts«, in dem anlässlich einer Wohnungsübergabe zwei Paare an- und durcheinander geraten. Dem pointensicher gebauten Stück mit gesellschaftskritischen Untertönen mochten wir uns nicht verschließen; schon allein als Nachweis dafür, dass auch in Deutschland Well-made-Plays geschrieben werden können.

Wie Rinkes Tragikomödie handelt auch Felicia Zellers Farce »X-Freunde« von modernen Menschen, die sich dem Wettbewerb entweder verweigern oder sich ihm radikal ausliefern. Wobei es – eine weitere Parallele – auch bei Zeller die Frau ist, die ihre Existenz ganz der Arbeit verschrieben hat. Anne arbeitet heimlich sogar im Urlaub und kriegt am Ende vor lauter Stress nicht einmal mit, dass ihr Mann sich umgebracht hat – die letzte, schwärzeste Pointe einer im gewohnt atemlosen Zeller-Sound dahinrasenden Komödie am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Acht Stücke werden in Mülheim gezeigt. Mehr darf das Auswahlgremium nicht nominieren, und normalerweise reicht das auch. Diesmal aber hätten wir auch zehn oder elf Stücke einladen können. Es war ein gutes Jahr für das deutschsprachige Drama.

Wolfgang Kralicek ist Feuilletonredakteur bei der Wiener Wochenzeitung Falter und war von 2007 bis 2013 Mitglied im Auswahlgremium der Mülheimer Theatertage.

Mülheim, »stücke«; 11. Mai bis 31. Mai 2013. Parallel zum Dramatikerpreis-Wettbewerb und seinem Rahmenprogramm finden auch die »KInderStücke« mit Arbeiten von Martin Baltscheit, Heike Falkenberg, PeterLicht, Thilo Reffert und Heino N. Schade statt. www.stuecke.de

 

 

Bühne
05 / 2013

WIE KOMMEN DIE »STÜCKE« NACH MÜLHEIM?

Von: WOLFGANG KRALICEK


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