Wolfgang Beltracchi während eines Interviews in seinem Atelier. © Wolfgang Ennenbach / Fruitmarket Kultur und Medien

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»Beltracchi – Die Kunst der Fälschung«: Wolfgang und Helene bringen uns ihr Handwerk nahe.

 

TEXT: STEFANIE STADEL

Rembrandt, Vermeer … eigentlich könne er alles malen. »Auch Leonardo?«, fragt der erstaunte Besucher. »Natürlich, gar nicht schwierig.« Während Wolfgang Beltracchi das – anscheinend aus tiefster Überzeugung – sagt, sitzt er mit wallendem Haar und rosa Kurzarmhemd an der Staffelei und tupft ganz nebenbei etwas Farbe ins unfertige Bild. Der verurteilte »Jahrhundertfälscher« verbüßt seine sechsjährige Haftstrafe im offenen Vollzug: Nur nachts geht er hinter Gitter. Zur Arbeit fährt er jeden Morgen in sein großes lichtes Atelier nahe Köln, wo ihn an diesem Tag ein Filmteam besucht.

»Beltracchi – die Kunst der Fälschung« ist ein weiteres Kapitel in der beachtlichen Selbstvermarktungs-Kampagne, die das kriminelle Ehepaar in den vergangenen Monaten abgespult hat. Eine ausführliche Autobio-grafie gehört dazu, ein beinahe ebenso dicker Band mit Briefen, die Wolfgang und Helene in der Untersuchungshaft wechselten. Dann der fröhliche Talkshow-Auftritt beim Zeit-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Zur Krönung nun der Film. 

Wie zu erwarten verkaufen sich die beiden Hauptdarsteller auch auf der Kinoleinwand gut als verliebte Sympathieträger. Arne Birkenstock – erfolgreicher Regisseur und noch dazu Sohn des Beltracchi-Verteidigers – findet offenkundig Gefallen am schelmischen Schlawiner-Charme seines 63-jährigen Protagonisten und gibt ihm reichlich Gelegenheit für die meistens recht amüsante Eigendarstellung. Manchmal kann man sich dabei nur wundern, wie selbstsicher der Fälscher das eigene Künstlertum verficht.

Für die Nebenrollen konnte Birkenstock einige »Opfer« gewinnen, die den Beltracchis auf den Leim gegangen sind. Der Auktionator etwa, dessen Kunsthaus den schlechten Ruf nicht loswird. Oder das getäuschte und inzwischen entschädigte Sammlerpaar aus Belgien: Feixend sitzen die älteren Herrschaften auf dem Sofa und trauern nur so zum Spaß dem falschen Campendonk nach, weil er eigentlich viel schöner gewesen sei als ein Magritte-Gemälde, das nun seinen Platz an der Wohnzimmerwand einnimmt.

Der in seinem Ruf ruinierte Max-Ernst-Experte Werner Spies ist nur in Erzählungen präsent. Daneben kommt ein Kriminalist zu Worte. Und ein Journalist, der sich darüber wundert, dass zwei Leute allein es schaffen konnten, sämtliche Zentralen der deutschen Kunstwelt auszuschalten.

Wahrscheinlich gelang das so leicht, weil keiner der Beteiligten wirklich Interesse an der Entlarvung eines falschen Bildes habe, so die im Film ausgebreitete These. Verkäufer, Händler, Gutachter können nur am Original gut verdienen. Selbst dem Käufer liegt der Zweifel fern, denn seine Leidenschaft ist am besten mit Hochkarätigem zu befriedigen.

Beltracchi hat das knappe Angebot nach eigenen Angaben um die 300 Stücke reicher gemacht – Genaueres über Künstler, Motive oder Verbleib verrät er im Film leider nicht. Dafür aber werden unterhaltsame Details des betrügerischen Geschäfts dargelegt. Man wohnt etwa einem Schnellkurs im Fälscherhandwerk bei.

Diese »Kunst« ermöglichte den Beltracchis ein faules Luxusleben. Alte Fotos erzählen zwischendurch immer wieder davon. Neidisch machen könnten auch die Prachtimmobilien des Paars – Birkenstock konnte im französischen Landhaus und in der Freiburger Villa drehen, bevor die Familie dort ausziehen musste.

Wie gerne nur hätte Wolfgang sich noch einen Venezianischen Palazzo zugelegt. Doch vorher flog sein Schwindel auf. Nun muss er sehen, wie er seinen Lebensunterhalt ehrlich bestreitet. Im Atelier hängt ein gruseliges Großgemälde, das wenig Hoffnung auf eine Karriere mit eigenen Ideen macht. Vielleicht sollte Beltracchi doch beim Fälschen bleiben. Rembrandt, Vermeer, Leonardo – ganz egal. Nur die eigene Signatur müsste er vielleicht noch einüben.


»Beltracchi – die Kunst der Fälschung«; Regie: Arne Birkenstock; Darsteller: Wolfgang Beltracchi, Helene Beltracchi; Deutschland 2013; Start: 6. März 2014.

 

Film, Kunst
03 / 2014

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Von: STEFANIE STADEL


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