Noch scheint alles gut: Andi und Claire (Max Riemelt, Teresa Palmer). Foto: MFA

Film des Monats: »Berlin Syndrom«

Die Australierin Çate Shortland interessiert sich für deutsche Geschichte. Dazu wählt sie das Genre des Psycho-Thrillers mit Max Riemelt als hochgradig beziehungsgestörtem Wiederholungstäter.

REZENSION ANDREAS WILINK 

Ankunft Kottbusser Tor. Claire ist Australierin und will sich in Berlin umsehen, will die Architektur der untergegangenen DDR fotografieren. Sie streift umher, blickt über die Dächer der Stadt, stöbert auf einem Flohmarkt und in einem Platten- und Buchladen – Petula Clark singt dazu ihre Großstadthymne »Downtown«. Das sieht aus und beginnt wie ein Film von Richard Linklater vor oder nach Sonnenuntergang oder von Sebastian Schipper. Dann trifft sie, scheinbar zufällig, auf der Straße den sportlichen, sensibel-intelligenten Englischlehrer Andi. Sie bleiben zusammen, er führt sie durch eine Schrebergarten-Anlage. Es könnte mehr passieren – am nächsten Tag sehen sie sich wieder. Er schätze, sagt er, den Moment, an dem man sich noch nicht kenne, bevor »die Hässlichkeit« des Einander-Kennens begönne. 

Andi nimmt Claire (Teresa Palmer) mit in seine Wohnung in einem heruntergekommenen, offenbar nahezu unbewohnten Hinterhaus. Sie verbringen die Nacht, haben Sex miteinander. Als Andi morgens zur Schule muss, bleibt Claire noch im Bett. Als sie fort will, ist die Wohnungstür abgeschlossen, die Fenster haben dickes Sicherheitsglas, ihre SIM-Karte fehlt. Claire ist eingesperrt. Sie wird die Gefangene von Andi. Der tickt nicht richtig, um es vorsichtig zu sagen. Reagiert phobisch auf Körperkontakte, ist hochgradig beziehungsgestört und nicht fähig zu vertrauen. Max Riemelt gibt ihm eine gefährlich glitzernde Abgründigkeit: Deutschlands bleicher Sohn. 

Die australische Regisseurin Cate Shortland hatte mit »Lore« einen märchenhaften Film über Deutschland zur Stunde Null und die Verheerungen des Kriegs in den Köpfen und Herzen aus der Augen einiger Kinder-Geschwister erzählt. »Berlin Syndrom« ist – auf verquere Weise und nach Genre-Regeln– wiederum ein Film über Deutschland: die Wunden der Teilung, das Erbe der abgeriegelten Stadt Berlin, den deutschen Wald, deutsche Weihnacht, deutsches Gemüt. 

Mehr und mehr muss man bei Shortlands Film, der sich erneut durch extreme Detail-Fotografie und manieristische Nahaufnahmen, einige Slow-Motion-Passagen und suggestiv drohende Musik stilistisch auszeichnet, an Kubricks »Shining« denken: je mehr der Wiederholungstäter Andi an der äußeren Normalität festhält, je irrer und unberechenbarer er sich verhält, während er sich in einer Parallelhandlung um seinen alten Vater (Matthias Habich) kümmert und ihn irgendwann tot in dessen Haus findet. Andi läuft mit der Axt rum, erschlägt einen Obdachlosen, den Claire auf sich aufmerksam machen konnte; dennoch hat seine amour fou eine fatale Zärtlichkeit für seine »Erwählte« Claire, der er auf die Schulter als ein Zeichen das Wort »meine« geschrieben hat. 

Als Thriller, der trotz blutiger und brutaler Momente phasenweise auf der Stelle tritt, vielleicht missglückt, als sich nicht näher erklärende oder erklärbare Psycho-Studie produktiv verstörend.

»Berlin Syndrom«; Regie: Çate Shortland; Australien 2017;  111 Min.; Start: 25. Mai 2017.

Film
05 / 2017

Film des Monats: »Berlin Syndrom«

Von: Andreas Wilink


Was? Wann? Wo?Alle wichtigen Kultur-Termine in NRW auf einen Blick:

kultur.west Gezwitscher