Fra Angelico: Predellentafel mit der Feuerprobe des hl. Franziskus vor dem Sultan, 1429, Altenburg, Lindenau-Museum Altenburg, Foto: Bernd Sinterhauf

Der heilige Franziskus und Frau Armut. Malerei (Ausschnitt) im Vierungsgewölbe der Unterkirche von S. Francesco, Assisi, um 1320 © Copyright: 1982–2010 ASSISI.DE Stefan Diller

DER ZU DEN VÖGELN SPRACH

Das Diözesanmuseum Paderborn erinnert an Franz von Assisi – sein Weg der Friedens-, Welt- und Menschenliebe wirkt auch in gottferner Zeit noch beispielhaft.


TEXT: ULRICH DEUTER


Franziskanische Armut ist in Europa heute nur noch selten zu finden; der Begriff aber, 800 Jahre nach seiner Entstehung, noch durchaus bekannt. Er meint den freiwilligen konsequenten Verzicht auf weltliche Güter und ist damit etwas völlig anderes als die derzeit landläufige Definition von Armut als Unterschreitung der Durchschnittseinkommenshälfte. Meint eine Besitzlosigkeit zudem, die höchste religiöse Ausdrucksform war: Imitatio Christi – für einen mittelalterlichen Menschen das Größte überhaupt.

Womit wir beim Begründer der franziskanischen Armut sind, Giovanni Battista Bernardone, 1181 oder 1182 in Assisi geboren, von seinem Vater, einem wohlhabenden Kaufmann, »Francesco« gerufen – und als Franziskus von Assisi demnächst Thema einer Ausstellung im Bischöflichen Diözesanmuseum in Paderborn. »Licht aus Assisi« heißt sie im Untertitel und spielt so darauf an, dass das »pazifistische«, »ökologische« und vielleicht sogar religionsübergreifende Wirken und Denken des hl. Franz bis heute so stark ausstrahlt, dass sich die Weltreligionen regelmäßig zu gemeinsamen Friedensgebeten in Assisi treffen, zuletzt im vergangenen Oktober.

Es heißt, Giovanni »Francesco« habe als Junge Ritter werden wollen – wenn dies stimmt, muss der spätere Ordensgründer schon früh mit dem Gedanken vertraut gewesen sein, sein Leben den Idealen selbstloser Dienstbereitschaft, Mildtätigkeit und Friedensstiftung zu widmen. Als Erwachsener macht Francesco dann tatsächlich auf Ritter: Im Alter von etwa 20 Jahren zieht in ein Scharmützel mit der Nachbarstadt Perugia, was für ihn allerdings nicht mit Ehre, sondern einer mehr als einjährigen Gefangenschaft und tiefer innerer Erschütterung endet.

Es folgt das, was für die reflektierte und/oder später niedergeschriebene Biografie eines Menschen jener Zeit einer der möglichen Verläufe war: die Conversio. Heißt: Man führt ein normales Leben, später als nicht gottgefällig apostrophiert; es gibt einen Vorfall, der als Eingreifen Gottes verstanden wird; danach ist alles anders. Eine radikale Richtungsänderung, für die die Wandlung vom Saulus zum Paulus den Typus abgibt: Bei Augustinus war es eine Kinderstimme, bei Luther wird es der Blitz sein, bei Franziskus ist es die Begegnung mit einem Aussätzigen, den er, der noch immer berittene Bürger, im Armenviertel Assisis »umarmt«, also mit einmal als seinesgleichen begreift – eine in einer von Standesschranken segregierten Gesellschaft revolutionäre Erfahrung, die Franz neue »Süßigkeit der Seele und des Leibes« erfahren lässt, wie er in seinem »Testament« später formuliert. Dies geschieht im Frühjahr 1206; wenig später erblickt er in einer Kapelle eine Darstellung des leidenden, also nicht überhöhten Christus und begreift endgültig, dass der Sohn Gottes eher unten als oben zu finden ist und dass Nachfolge heißt, arm zu sein.

Hier muss man wissen, dass in der christlichen Frühzeit bis ins Mittelalter die übliche Darstellung Christi die des Imperator mundi war und nicht die des Gekreuzigten, Leidenden. Franz enterbt sich selbst und beginnt ein Einsiedlerleben außerhalb der Stadt. »Die Konsequenz, mit der Franziskus seine Konversion lebt, geht über den Topos weit hinaus«, sagt Christoph Stiegemann, Kurator der Ausstellung, dazu. Nicht lange, und der Radikalchrist hat Gefährten im Geiste und in der Tat: »Die Brüder arbeiteten als Tagelöhner auf den Feldern der Bauern und in städtischen Häusern, pflegten Aussätzige und traten als Straßenkünstler auf. Sie nannten sich ›kleinere‹ oder ›geringere Brüder‹ (fratres minores), erhofften sich den Lebensunterhalt für ihre Dienste, nahmen jedoch kein Geld an«, schreibt der Katalog der Paderborner Ausstellung. Er habe nie einen Orden gründen wollen, beteuert Franziskus später; zu seinen Anhängern zählte bald auch (die später dito heilige) Klara, »deren Spiritualität heute von der Forschung ebenfalls als überragend angesehen wird«, so Stiegemann. Und: »Das hatte durchaus alles  eine erotische Qualität.«

Für die katholische Kirche haben der Franziskanerorden, dessen Anerkennung 1209 durch Papst Innozenz III. begann, sowie die vom franziskanischem Ideal inspirierten Nachfolgeorden wie die Beginen immer eine Herausforderung dargestellt, da das strikte Armutsideal das auf weltlicher Macht begründete und Prunk nicht scheuende Papsttum mit Verweis auf das so konträre Leben des Religionsstifters elementar infrage stellte. Gleicherweise ist Franz von Assisi über alle Jahrhunderte hinweg eine Sehnsuchts- und Beispielfigur geblieben: von den mächtigen sozialreformerischen Laienbewegungen des Hochmittelalters bis heute. Den einen gilt er wegen seiner Liebe zu einer beseelten Welt (»Schwester Erde, Bruder Wind«) als Vorläufer ökologischen Denkens; den andern wegen seiner Predigt vor Sultan Al-Kamil in Ägypten auf dem Kreuzzug 1219 als interkultureller Dialogiker, denn Franziskus war auf Beendigung der Kämpfe aus.

Was Wunder, das dieser Mann sofort nach seinem Tod ein Sujet der Kunstgeschichte wurde: »die nach der Gottesmutter am häufigsten perzipierte Figur« (Stiegemann). Was wiederum das Paderborner Museum in den Stand versetzt, Werke von Gewicht für seine Franziskus-Ausstellung zu versammeln, etwa Tafelbilder von Fra Angelico, Öle von Rubens, van Dyck oder Georges de la Tour, aber auch Fragmente der beim Erdbeben von 1997 beschädigten Gewölbefresken von der Hand Giottos aus der Kirche San Francesco in Assisi. Den Kunstwerken – Inkunabeln aus dem Louvre, der Vatikanischen Pinakothek oder der Biblioteca Apostolica Vaticana in Rom, darunter eine der frühesten Darstellungen des heiligen Franz von Margaritone d’Arezzo aus dem 13. Jahrhundert – stehen Darstellungen der Struktur und Geschichte der franziskanischen Gemeinschaften (wie der Kapuziner) sowie Alltagsdokumente, Kirchen- und Stadtmodelle zur Seite, alles eingebettet in den für das heutige Verständnis unabdingbaren historischen Kontext. Wir bekommen vor Augen geführt, dass ökonomische Explosion in den Städten Oberitaliens des 12./13. Jahrhunderts Reichtum für die einen und Armut für die andern bedeutete; wir erfahren, wie der Franziskanerorden sich nördlich der Alpen verbreitete und – während sein Begründer die Stadt verlassen hatte – zu einem städtischen Phänomen geriet.

1226 starb Franz von Assisi, 1255 wurde er heiliggesprochen. Ein paar Wochen vor Weihnachten mag interessant sein, dass – zumindest der Legende nach – »der zu den Vögeln predigte« der erste war, der das Weihnachtsevangelium in Form einer lebenden Krippe darstellen ließ: auch eine Form der Imitatio Christi.


9. Dez. 2011 bis 6. Mai 2012. Tel.: 05251/125-1400. www.dioezesanmuseum-paderborn.de

 

Kulturgeschichte
12 / 2011

DER ZU DEN VÖGELN SPRACH

Von: ULRICH DEUTER


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