Vision des Heiligen Bernhard von Clairvaux, 1. H. 14. Jh., Museum Schnütgen, Köln (Foto: © Rheinisches Bildarchiv, Köln)

FRAUEN HINTER MAUERN

Eine Doppelausstellung in Essen und Bonn entdeckt erstmals die kreativen Leistungen mittelalterlicher Nonnen

 

TEXT: STEFANIE STADEL


Nach Freiluft-Vergnügen steht den Nonnen des Klosters Lambrecht der Sinn, das satte Grün neben der Krankenstation lockt zum Picknick. Doch der Prior lehnt ab. Er erinnert an unheilvolle Begebenheiten in biblischen Gärten und gibt sich ehrlich besorgt. Wer nur würde die Klosterfrauen dort draußen schirmen »vor der brennenden Ameise, vor der laufenden Spinne, vor dem bohrenden Erdfloh«? Deshalb gebietet der Obere: »Bleibt in euren Felsen und hinter euren Mauern wie die Turteltauben, die das Bett der Sünde nicht kennen, und sucht mehr das Trockene als das Grün.«

Über 700 Jahre liegt diese Klostergeschichte zurück. Eine lange Zeit, in der Historiker sich wenig geschert haben um das Geschehen hinter jenen allesverbergenden Mauern – im rheinland-pfälzischen Lambrecht und anderswo. Leichtfertig überging die an Männern orientierte Forschung das Wirken von Klosterfrauen und Stiftsdamen, tat es als zweitklassig ab. Erst seit rund zehn Jahren richten Wissenschaftler den Blick auf das intellektuelle wie künstlerische Leben weiblicher Religiosen – und machen erstaunliche Entdeckungen. Schon jetzt steht fest, dass die Leistungen der Frauen bei weitem unterschätzt wurden, sowohl qualitativ als auch quantitativ. Dies zu belegen, haben sich die Bonner Bundeskunsthalle und das Ruhrlandmuseum in Essen zusammengetan.

In der großen Doppelausstellung »Krone und Schleier« wollen die beiden Häuser erstmals die christlichen Frauengemeinschaften des Mittelalters gründlich beleuchten und neuere Erkenntnisse offen legen. Dazu versammeln sie rund 500 Werke, geschaffen von oder für Frauen in Klöstern oder Stiften. Es sind Reliquiare, Altarretabel und liturgische Geräte, kleine Andachtsbilder und monumentale Skulpturen. Es sind Handschriften aus klösterlichen Skriptorien und von Nonnen geschaffene Textilien, die hier erstmals eingehender gewürdigt werden. Es sind Kunstwerke mit zum Teil ganz speziellen Ausdrucksformen, Kunstwerke, die in manchmal ungewohnten ikonographischen Einfällen die Eigenart weiblicher Frömmigkeit im Mittelalter lebhaft vor Augen führen.

Seinen chronologischen Anfang nimmt das Ausstellungsprojekt in Essen. Das Ruhrlandmuseum steigt hinab in die unglaublich ferne Zeit zwischen den frühen Konventsgründungen des sechsten Jahrhunderts und der folgenreichen Kirchen- und Klosterreform im 11. und 12. Jahrhundert. Ab dem Hochmittelalter liegt der Schauplatz in Bonn, wo Ausstellungsarchitekten in der Bundeskunsthalle eine ideale Klosteranlage nachgetellt haben, mit allem, was dazu gehört: Kirche, Klausur, Zellen, Kreuzgang, Gästehaus, Sakristei… Im ausgefallenen Ambiente werden Stücke präsentiert, die das klösterliche Leben bis zur Reformation weiterverfolgen. Begleitend ist ein kleiner Reiseführer zu Frauenkonventen im Rheinland und in Westfalen erschienen.

Klöster und Stifte – in den ersten Jahrhunderten wurde dazwischen kaum unterschieden. Die Organisation, die Regeln und Grundsätze dieser Gemeinschaften variierten. Eines aber hatten sie wohl alle gemein: Den prominenten Finanzier. Denn solche Konvente gehörten einst zur Herrschaftsbildung wie später Burgen oder Herrensitze. Und ohne die immensen Aufwendungen von Adeligen oder Königen hätte wohl keine dieser Einrichtungen entstehen, geschweige denn überleben können. Den Herrschenden boten Kloster oder Stift Rückzugsmöglichkeit, Alterssitz oder Grablege. Sie übernahmen die Erziehung von Töchtern oder gewährleisteten die Versorgung überzähliger weiblicher Familienmitglieder. Vor allem aber waren sie als religiöse Dienstleister gefragt: Im Gebet sollten die frommen Frauen der Stifterfamilie gedenken, auch über den Tod des Gründers hinaus, Tag und Nacht. Denn auf die Fürbitte gottgeweihter Jungfrauen hielt man, besonders im frühen Mittelalter, große Stücke.

Für die Frauen ihrerseits boten Kloster und Stift damals durchaus attraktive, ja auch komfortable Lebensalternativen. Mit reichlicher Verpflegung: Die 816 erlassene und lange beachtete Institutio sanctimonialum sah täglich immerhin drei Pfund Brot und je nach Region bis zu drei Maß Wein für jede Nonne vor. Das ist natürlich nicht alles. Nirgends sonst hatten die Frauen so große intellektuelle und künstlerische Entfaltungsmöglichkeiten wie hinter Klostermauern. Hier konnten sie, zumindest im Früh- und Hochmittelalter, eine fundierte Bildung erwerben und sie auch anwenden: Als Autorinnen, Schreiberinnen, Malerinnen, Textilkünstlerinnen und, nicht zuletzt, als Auftraggeberinnen von herausragenden Kunstwerken. So mag das Ausstellungsprojekt in Essen und Bonn allein schon dadurch überraschen, dass es bewusst macht, welch beträchtlicher Teil an Spitzenwerken mittelalterlicher Kunst aus Frauenkonventen stammt.

So zeigt Essen etwa das Reliquiar aus dem Stift Elten, 1185 in Form einer Kreuzkuppelkirche geschaffen. Oder die im späten 10. Jahrhundert geschnitzte Goldene Madonna mit Jesuskind auf dem Schoß aus dem Essener Münster – sie gilt als älteste vollplastische Marien-Darstellung. Bonn rollt den Heininger Philosophenteppich aus und bringt die weit verstreute Ausstattung des Schweizer Dominikanerinnenklosters Sankt Katharinenthal zusammen. Dass all diese Stücke erstmals unter dem Aspekt der weiblichen Autoren- oder Auftraggeberschaft betrachtet werden, ist sicher ein wichtiges Verdienst dieses Unternehmens. Der unlängst erschienene Klosterführer bereichert das alles durch weitere Beispiele aus der Region. Zum Beispiel in Köln: Dort war die Bauform des Dreikonchenchors, wahrscheinlich nach dem Beispiel der Geburtskirche in Bethlehem, zuerst auf die Stiftskirche Sankt Maria im Kapitol übertragen worden – im Anschluss diente dieses Modell etlichen romanischen Kirchen im Rheinland als Vorbild.

Innovativ und auch selbstbewusst zeigen sich Architektur und Ausstattung vieler Frauenklöster und -stifte. Bedeutung und Verfügungsgewalt der Konventsfrauen wurden indes mehr und mehr zurückgedrängt. Die Reformen des 11. und 12. Jahrhunderts markieren den Umbruch: Wo einst verschiedene, recht frei geregelte monastische Lebensformen nebeneinander existierten, entstand bald eine Vielzahl hierarchisch organisierter, von Männern gegründeter und geprägter Orden. Die anfängliche Offenheit wich strenger Reglementierung, und die Frauen mussten sich zunehmend patriarchalischen Strukturen unterordnen. Selbst das zuvor so hochgeschätzte Gebet der Jungfrauen hatte an Gewicht verloren, gefordert wurden nun Messen, die nur ein Priester lesen konnte.

Der kirchlichen Obrigkeit war sehr daran gelegen, die weiblichen Religiosen so weit wie möglich aus dem liturgischen Raum zu verbannen. Zum eigenen Schutz, aber auch zum Schutz der Männer wurden die Nonnen in der Kirche bald strikt von den Klerikern getrennt. 1298 dann forderte Papst Bonifaz VIII. die radikale Einschließung, die vollkommene Klausur für Klosterfrauen. Weil Theologen das »schwache Geschlecht« von leichtsinniger Neugier getrieben und extrem anfällig sahen für die fleischliche Begierde, hielt man es am liebsten isoliert. Der Prior entsprach mit seinem Picknickverbot für die Lambrechter Nonnen daher ganz den Überzeugungen seiner Zeit.

Geht es in Essen vornehmlich um die Tradition, um Organisationsformen, um Aufgaben und weltliche Machtansprüche der religiösen Frauengemeinschaften bis zum 12. Jahrhundert, so behandelt Bonn die nun neu gegründeten Orden, vertieft sich dabei auch in die Lebenswelt ihrer Insassen – Klarissen, Dominikanerinnen, Reuerinnen und andere. Bilder und Visionen, so scheint es, spielten in deren eingeschlossenem Alltag eine besondere Rolle – vielleicht als Ersatz für erlebte Dinge, Räume und Personen. Dabei entwickelten die Nonnen zuweilen ganz eigene religiöse Vorstellungen und ikonographische Ideen.

Der fundierte Katalog zur Doppelschau kennzeichnet die weibliche Frömmigkeit im Mittelalter als »fundamental christozentrisch«. Visionen, Liturgie und Gebete waren auf Ereignisse in Christi Erdenleben, vor allem Geburt und Passion, konzentriert. Speziell die Körperlichkeit des Herrn hob man hervor. So beteten Frauen darum, durch die Seitenwunden in Christus einzugehen oder ihn in den eigenen Leib aufzunehmen. Sie drückten solche Sehnsüchte manchmal gar in nur erotisch zu nennenden Bildern aus, Bildern von sexueller Vereinigung, von Schwangerschaft oder vom Stillen.

Den zweiten Platz der Verehrung nahm die Gottesmutter ein. Immer wieder wurde die innige Beziehung zwischen der Jungfrau und ihrem Sohn verbildlicht – Mutter und Kind umarmen sich, schmiegen Wange an Wange. Die Bundeskunsthalle zeigt eine plastische Madonna aus dem Kloster Sankt Marienstern mit einem Hohlraum im Bauch, in dem eine kleine Jesus-Figur Platz findet. Tatsächlich, so führt der Ausstellungskatalog aus, habe sich manch eine Nonne in ihrem Verlangen nach Nähe zum Christuskind in Konkurrenz mit Maria gesehen. Verbreitet waren Wiegen und Christkindpuppen, die Klosterfrauen in der Adventszeit auf das Kommen des Heilands einstimmten. In Bonn sind Objekte zu sehen, denen die Liebkosungen der frommen Frauen deutlich anzusehen sind.

Bezeichnend für die mystische und auf Christus bezogene Vorstellungswelt der Klosterfrauen scheint auch eine in der Vita der charismatischen Nonne Elsbeth geschilderte Begebenheit. Um ihr die Hostie zu bringen, so heißt es da, musste ihr Beichtvater Konrad die Treppen vom Hochaltar zum Nonnenchor auf einer Empore hinaufsteigen. Dort fand er Elsbeth schmachtend vor. Sie hatte zwar keinen Zugang zur Messfeier am Altar, will aber mittels visionärer, spiritueller Kommunion dennoch daran teilgenommen haben. So sagte sie selbst nach Erhalt der Hostie: „Daz hab ich enpfangen von minem gemahl cristo gottes sun, und hab in ovch gesehen in himmelscher natur.“

Für eine Nonne bedeuteten Gelübde und Jungfrauenweihe den Übertritt in eine andere Sphäre. Ihr Schleier – den der Ausstellungstitel zitiert – symbolisierte die Vermählung mit Christus, die Krone verwies auf die Brautkrone. Der Kontakt nach außen war vielen dieser Bräute Christi nun nur noch durch ein Gitter erlaubt, wie es in Bonn auch gezeigt wird. Heute mag dieses Klosterleben als Gefangenschaft erscheinen. Die Nonnen damals sahen es aber eher umgekehrt: Für sie war die Welt das Gefängnis, das Kloster aber ein paradiesischer Raum von idealisierter Innerlichkeit. Eine Vorahnung des kommenden Reiches.


Ruhrlandmuseum, Essen sowie Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn. 19. März bis 3. Juli 2005. Tel.: 0201/88-45200 sowie 0228/91710. www.krone-und-schleier.de. Katalog 632 Seiten, 34 €. Begleitend erschienen ist der Reiseführer »Frauenklöster im Rheinland und Westfalen«, Verlag Schnell und Steiner; 223 Seiten; 14,90 €.

 

Kulturgeschichte
03 / 2005

FRAUEN HINTER MAUERN

Von: STEFANIE STADEL


Was? Wann? Wo?Alle wichtigen Kultur-Termine in NRW auf einen Blick:

kultur.west Gezwitscher