Caroline Nathusius: Johannes Stüttgen, Imi Knoebel und Richard Merkle nach der Ausstellungseröffnung von Ulrich Meister in der Galerie Kubinski Köln im »Grünen Eck«, 29.06.19. ZADIK, Köln, Archiv Caroline Nathusius

EINMAL KÖLN – NEW YORK UND WIEDER ZURÜCK

Caroline Nathusius erlebte die 90er zwischen zwei Kunstmarktzentren und zeichnete mit ihrer Kamera ein lebensnahes Bild der transatlantischen »Art Bridge«. Eigentlich waren die Bilder bloß fürs private Flip-Album bestimmt. Doch kürzlich übergab die Galeristin, Kuratorin, Verlegerin 4500 Fotos dem Kölner Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels, wo jetzt eine kleine Auswahl zu sehen ist.

 

TEXT: STEFANIE STADEL

Galerienparty im »GLORIA«, Ausstellungseröffnung im Projektraum am »Friesenwall 120«, die erste »Unfair«-Kunstmesse in den Ehrenfelder »Balloni Hallen«, ein rauschender Rosenmontag 1993. So lang scheint das alles noch gar nicht her. Doch ist es längst Geschichte – eine legendäre sogar. Sie spielt im Köln der späten 80er und frühen 90er Jahre. Als Künstler wie Cosima von Bonin und Michael Krebber das Parkett betraten. Als Galeristen wie Daniel Buchholz und Christian Nagel Fuß fassten in Köln. Als Kontextkunst und Institutionskritik die Runde machten und die »Unfair« als Gegenmesse zur Art Cologne Erfolge feierte.

Das alles wird wieder lebendig mit Blick auf die Fotos von Caroline Nathusius. Die Kuratorin, Galeristin, Sammlerin, Verlegerin von Editionen war fester Teil der Kölner, später der New Yorker Szene. Und sie war eine unermüdliche Chronistin. Ihre Kamera hatte Nathusius fast immer dabei – bei Eröffnungen, Partys, in Galerien und Kneipen. Um die 4.500 Bilder, die zwischen März 1991 und April 2004 entstanden sind, hatte sie 2012 dem Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels (ZADIK) vermacht. Das Archiv wandert derzeit ins Netz. Noch bevor die Bilder dort komplett zu sehen sein werden, gibt das Archiv nun in einer kleinen Ausstellung mit rund 300 Abzügen einen ersten Einblick in das Künstlertreiben des Jahrzehnts, gesehen durch Nathusius’ Objektiv.

Die Situation war sicher eine ganz besondere: Ende der 80er noch galt Köln als die europäische Kunstmetropole, doch Anfang der 90er schon startete der Zug von Künstlern und Galerien euphorisch in die neue alte Hauptstadt: Nach dem Fall der Mauer schwang Berlin sich damals auf zum neuen Kunstzentrum.

Die einen gingen, aber anderen kamen nach Köln, gaben dem Kunstgeschehen eine neue Richtung und hatten dabei nicht zuletzt den Wandel auf dem Kunstmarkt, die zunehmende Ökonomisierung der Ware Kunst im Auge. In Ausstellungen, Diskussionen, verschworenen Zirkeln und natürlich auch im künstlerischen Arbeiten kamen nun mit Nachdruck das eigene Tun als Künstler und die Mechanismen des Kunstbetriebs zur Sprache.

Vom »Epochenwechsel« gar spricht ZADIK-Leiter, Günter Herzog. Und nennt als sichtbaren Markstein in Köln die Schließung der Galerie von Paul Maenz, der in den 80ern nicht zu knapp vom »Hunger nach Bildern« profitiert hatte – mit seiner erfolgreichen Vermarktung der rechtsrheinischen Mühlheimer Freiheit und ihrer wilden Malerei. Die letzte Ausstellung in Maenz’ Kölner Räumen war Anselm Kiefer gewidmet und trug den Titel »Engel der Geschichte«.

In der neuen Geschichte, die nun für Köln begann, spielt Caroline Nathusius ab 1989 eine Rolle – als Direktorin im Kölner Ableger der Stuttgarter Galerie Kubinski, außerdem als Gründerin der Verlags »Pinguin Editionen«, der Multiples von Künstlern wie Rosemarie Trockel oder Imi Knoebel publizierte. Und natürlich als Chronistin mit der Kamera, die permanent das eigene soziale Umfeld ins Visier nahm. Sie selbst nennt es ein »sozial-demokratisches Projekt«. Denn, so Nathusius, jeder sollte dazu gehören, der das auch wollte. »Also fotografierte ich alle, gerne auch die, die ich vorher noch nie gesehen hatte.«

Allerdings nur wenn die Atmosphäre stimmte. Fehlte die »positive Energie im Raum«, sei die Kamera in der Tasche geblieben, so die Fotografin. Man sieht es ihren entspannten Schnappschüssen an. Und man glaubt Nathusius, dass sie in erster Linie für sich selbst fotografiert hat – nicht selten zwei bis drei 36er Filme an einem Abend. Oft schon am nächsten Tag ließ sie ihre Ausbeute entwickeln und steckte die Abzüge in Flip-Alben. »Das gemeinsame Anschauen mit Freunden und Bekannten oder in der Kneipe hat natürlich Spaß gemacht und mir gezeigt, dass andere die Fotos auch mögen.«  

Noch immer lassen ihre Bilder durchblicken, was die Kölner Szene damals auszeichnete: Überschaubarkeit und enge Netzwerke. Cliquen, die gemeinsam feierten, Kunst machten, oder zumindest darüber redeten – bevorzugt abends beim Kölsch in der Kneipe.

Nathusius verkehrte in Kreisen, die sich damals nicht unbedingt zum Establishment zählten. Mit dabei etwa Christian Nagel, der es eher als Auszeichnung empfand, dass die ehrwürdige Art Cologne seine Bewerbung ablehnte. Statt sich zu grämen, organisierte der Jung-Galerist gemeinsam mit Kollegen 1992 »Unfair – The Real Art Fair« mit 28 internationalen Avantgardegalerien. Die Art Cologne quittierte den spektakulären Erfolg des Unternehmens, indem sie sich bereits 1994 die Gegenveranstaltung kurzerhand einverleibte und den Abtrünnigen eine Sonderfläche herrichtete.

Die »Unfair« wanderte in die Messehallen, und Caroline Nathusius begab sich auf den Weg in die Vereinigten Staaten – auf die andere Seite der damals stark frequentierten »Art Bridge«. Dort leitete sie das

Atelier des amerikanischen Konzeptkünstlers Lawrence Weiner und eröffnete bald in einem alten Lagerhaus den Ausstellungsraum »New York Security Mini-Storage«. Dabei traf Nathusius viele deutsche Künstler wieder, die über Galerie-Kooperationen oder -Dependancen den Weg auf den US-Markt gefunden hatten – Kai Althoff etwa, von Bonin oder Krebber. Die Fotos legen Zeugnis davon ab. Auch von Begegnungen der am Rhein vertretenen Amerikaner wie Mark Dion, Andrea Fraser oder Louise Lawler.

Als Nathusius 1999 ihr amerikanisches Zwischenspiel beendete und heimkehrte, sei das »soziale Koordinatensystem« in Köln nicht wiederzuerkennen gewesen, sagt sie. »Alle waren plötzlich nett zueinander.« Ihrem fotografischen Eifer tat das zunächst keinen Abbruch. Erst in letzten Jahren zückt sie seltener den Apparat. »Aber wenn die Voraussetzungen stimmen, dann genauso gern wie früher«, so Nathusius. »Ich bin wohl Fotografin und Chronistin in eigener Mission. Aber ich teile gerne.«

Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels, Köln, bis 21. März 2014. Tel. 0221 / 2019871. www.zadik.info

 

 

Kunst
02 / 2014

EINMAL KÖLN – NEW YORK UND WIEDER ZURÜCK

Von: STEFANIE STADEL


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