Panamarenko: Donnariet, 2003. Courtesy DEWEER gallery, Otegem. Foto: Gerald Van Rafelghem

IKARUS, LEONARDO, DANIEL DÜSENTRIEB

Die diesjährige Art Cologne empfängt ihre Besucher im Foyer mit fünf großformatigen Werken von Panamarenko: Flugmaschinenkunstwerke wie so oft im Œuvre des Belgiers. Dass der Traum vom Fliegen momentan Thema mehrerer Ausstellungen ist – in Berlin, Friedrichshafen, Wien –, mag Zufall sein. Spiegelt aber eine immer noch anhaltende Faszination.

TEXT: KATJA BEHRENS

Die holländischen Behörden waren besorgt, wollte doch der belgische Bildhauer Panamarenko sein selbstgebautes Flugobjekt von Antwerpen bis nach Arnheim fliegen, wo gerade eine große, international besetzte Kunstausstellung stattfand. Nach vielen Monaten Vorbereitungszeit hatte Panamarenko seinen »Aeromodeller 00-PL1« (1969–1971) endlich testen wollen. Telegramme gingen hin und her, die Arnheimer Autoritäten verboten eine Landung, der Antwerp City Council untersagte den Start, sodass Panamarenko auf die Weide eines befreundeten Künstlers ausweichen musste. Aber auch dort sollte es nicht klappen mit dem ersten Testflug. Der Ballon des zeppelinförmigen Gebildes wurde mit Gas gefüllt, aber die plötzlich aufkommenden starken Winde verhinderten das Aufrichten, das 30-Meter-Ei war kaum zu halten. Der Weidenkorb zeigte Stresssymptome, die aus vielen Stücken zusammengenähte PVC-Hülle bekam Risse. Wegen der großen Gasmenge wurde es gefährlich. Da tat der Künstler das Naheliegende, griff sich eine Schere und stach die Plastikhülle des langen Ballons entzwei – und war am Ende keineswegs enttäuscht über den misslungenen Testflug im Juni 1971. Denn anders als die meisten Erfinder und Konstrukteure baut Panamarenko für eine Welt der Möglichkeit, in der die fertige Maschine als funktionierendes Endprodukt nicht mehr interessiert. Viel wichtiger scheint es ihm, Ideen und Visionen umzusetzen und ihnen Gestalt zu verleihen. Seine Flugobjekte wären ohnehin nur in einem Paralleluniversum flugtüchtig, sind allenfalls in der Lage, kleine Hopser zu machen – sofern sie sich überhaupt bewegen. Als Panamarenko bald darauf mit seinen wundersamen Objekten erfolgreich werden sollte, wurde er nicht als Ingenieur und Wissenschaftler, sondern als Künstler gefeiert.

1972 lädt ihn Harald Szeemann nach Kassel zur documenta 5 ein, die in der Abteilung »Individuelle Mythologien« den Trend zu mehr Innerlichkeit in oftmals hermetischen künstlerischen Äußerungen zusammenfasst. Hier wird auch der junge belgische Künstler Panamarenko mit seinem wieder zusammengeflickten monumentalen Luftschiff ausgestellt – und mit diesem das spektakuläre Scheitern des Flugversuchs im Jahr zuvor. Die Demonstration einer Obsession füllt den ganzen Raum aus. Der Traum vom Fliegen indes sollte den Künstler nicht mehr loslassen. »Meine Mission ist: fliegende Untertassen zu machen (…), die Sterne zu erreichen, indem ich die Möglichkeit schaffe, die Erde zu verlassen.«

Inzwischen ist nicht nur der restaurierte Aeromodeller, sondern sind auch die Automobile, Unterwasserfahrzeuge und anderen Flugmaschinen Panamarenkos im Kunstkontext angekommen. Ebenso die Flugrucksäcke,  die Roboterhühner, die Milch-Shake-Maschine oder der wundersame Unterwasserhelikopter »Donnariet«, der sich wie ein seltsamer Fisch bewegt und in dessen Innern der Künstler, so ist es im Video zu sehen, wie verrückt strampeln muss, um voran zu kommen.

Henry van Herwegen (geboren 1940) hatte sich nach einem begonnenen Design-Studium entschlossen, Künstler zu werden. Damals legte er sich das Pseudonym Panamarenko zu, einen Namen, der gleich mehrere Sehnsuchtsmotive in sich vereint: die Fluggesellschaft Pan Am; das ferne Panama (das auch eine Geschichte grandiosen Scheiterns in sich trägt, als nämlich der französische Ingenieur Ferdinand de Lesseps vor gut 100 Jahren den Traum vom Bau des Panama-Kanals aufgeben musste); eine russische Herkunft. Einige seiner großen Flugapparate, die er gerne in kyrillischen Buchstaben mit »Panama« signierte, erinnern an die berühmten Flugobjekte des sowjetrussischen Avantgardisten Vladimir Tatlin, der im frühen 20. Jahrhundert den Traum der Konstruktivisten von der Überwindung aller Gattungsgrenzen und von der Verschränkung von Kunst, Leben und Wissenschaft geträumt hatte.

Der Körper und die Flügel von Panamarenkos »Ijsvogel« sind aus einer dicken, durchsichtigen Foliegefertigt. Das Licht spiegelt sich in ihrer Oberfläche und lässt an eine bewegte Wasserfläche denken.Man erkennt die Konstruktion, die der Stabilisierung dient. Das Knochengerüst des Vogels ist Ingenieurskunst, das Gefieder aber ist Träger einer Narration: Der blau-rote Eisvogel, ein »territorialer Einzelgänger«, ist ein Vogel, der, so heißt es im Mythos, vormals grau gewesen ist. Dann hat ihn Noah derTaube nachgesandt, um zu schauen, ob das Wasser der Sintflut sich zurückgezogen habe. Der kleineVogel aber musste einem Sturm ausweichen und flog so hoch, dass seine Oberseite sich wie der Himmelfärbte, seine Unterseite aber von der Sonne rot verbrannt wurde. Er sucht noch heute die Meere nachder Arche ab.

Panamarenko: Ijsvogel, 2003. Ausstellung MKM Duisburg, 2008. Courtesy DEWEER gallery, Otegem. Foto: Georg Lukas

Und tatsächlich, diese Verknüpfung ist auch ein zentraler Aspekt im Werk des Belgiers. Seit den frühen 1970er Jahren wird Panamarenko als Erfinder und Erbauer von phantastischen Flugobjekten wahrgenommen, als Konstrukteur seltsamer Gefährte, die vom Insektenflug inspiriert sind oder von Menschenkraft angetrieben werden. Manche sind Skizze oder Modell geblieben, viele wurden realisiert und liegen oder stehen jetzt in Kunstsammlungen auf der ganzen Welt: surreale und melancholische Maschinen, deren Funktion immer irgendwie geheimnisvoll bleibt.

Die visionären, poetischen, anarchischen Ideen des mehrfachen documenta-Teilnehmers hatten schon früh besonders die Künstlerkollegen begeistert. Die Mischung aus wissenschaftlich-technischer Ernsthaftigkeit und Pop-Art-inspirierter Ungezwungenheit machten Panamarenko in den späten 1960ern zum Star der belgischen Kunstszene. Mit seinem Freund Hugo Heyrman initiiert er Happenings. Er wird bekannt, bald auch über die Grenzen Antwerpens hinaus, 1968 lädt ihn Joseph Beuys zu einer Ausstellung in die Düsseldorfer Kunstakademie ein. Hier, im Rheinland, beginnt Panamarenkos internationale Karriere. Fluxus und Happening kommen seinem Bedürfnis entgegen, die engen Grenzen des Kunstwerks zu verlassen. Mit Joseph Beuys und Marcel Broodthaers teilt er das Bedürfnis, Werke zu schaffen, die mehr anzubieten haben als die am Objekt haftende und institutionell sanktionierte Kunst.

Panamarenko bleibt zeit seines Lebens ein Einzelgänger, ein verwöhntes Einzelkind, im Haus der Eltern lebend, seinen phantastischen Ideen nachjagend, arrogant und in ständiger Auseinandersetzung mit der Mutter. Die Liebe zu allem Technischen und Elektrischen stammt, so vermutet er selbst, von seinem Vater, einem stillen, scheuen Mann, der als Elektriker in den Docks arbeitete und die Interessen seines Sohnes vermutlich mehr als seltsam fand. 2007 hat der Künstler sein Elternhaus dem MuHKA, dem Antwerpener Museum für zeitgenössische Kunst, als Stiftung überlassen.

War nicht schon Ikarus mit den selbstgebauten Flügeln seines Vaters Dädalus der Sonne zu nah gekommen? Und ist nicht auch der Mythos von Ikarus und Dädalus, dem antiken Ingenieur, die Geschichte eines genialen Scheiterns? Eines Scheiterns, dem der belgische Erfinder-Künstler Panamarenko sich möglicherweise näher fühlt als dem Erfolg all jener Heroen, deren Unternehmungen immer nur gelingen? Schon 1967 hatte er dem Ausdruck gegeben, als er schrieb: »… will zum Universum, lernen, den Flug der Vögel zu imitieren, und mit Vergnügen dahin zu gleiten.«

Heute hat Panamarenko eine Frau und sich mit 65 vom Künstlerleben verabschiedet. Seine Skizzen und die wunderbaren Objekte aber, ob sie nun tatsächlich fliegen können oder nicht, haben nichts von ihrem Charme verloren.

45. Art Cologne, 13. bis 17. April 2011. www.artcologne.de

Kunst
04 / 2011

IKARUS, LEONARDO, DANIEL DÜSENTRIEB

Von: KATJA BEHRENS


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