Tsuyoshi Ozawa: Museum of Soy Sauce, 2000; Mixed media. Collection Lambert en Avignon

KEINE GROUP OHNE BEUYS

Sie kommen aus Japan und nennen sich »The Group 1965«. In Düsseldorf feiern die sechs Künstler nun ihren ersten institutionellen Großauftritt. Nach Beben, Tsunami und Atomkatastrophe gewinnt manches ihrer oft kritischen Werke eine neue Note.

TEXT: STEFANIE STADEL

Der Baum trägt widerliche Früchte. Scheine über Scheine, wuchernde Menschenmengen, scheußliche Plattenbauten. Dazwischen ergießt sich etwas wie Erbrochenes. Und mitten drin können wir einem kessen Manga-Mädchen bei der Selbstverstümmelung zuschauen – stolz streckt sie uns ihren mehrfach aufgeschlitzten Unterarm entgegen. Verfall überall. Makoto Aida malt diese ziemlich düstere Vision der japanischen Gegenwart übergroß an die Wand der Düsseldorfer Kunsthalle.

Am Eröffnungsabend der großen Schau dort wird sein »Monument for nothing III« zur schrillen Kulisse für eine ebensolche Performance. Wie ein Berserker geht da ein Mann ganz in Leder im Verschlag aus Holzlatten und Plastikplanen herum. Es ist Hiroyuki Matsukage, der hunderte von Glasflaschen zertrümmert. Am Mischpult sitzt derweil Sumihisa Arima. Unter seinen Händen werden Knallen und Klirren verstärkt und neu abgemixt zum schwer erträglichen Soundtrack dieser Ausstellung.

So startet jener weltweit erste institutionelle Großauftritt der sechs Japaner, die sich vor 17 Jahren zur »The Group 1965« zusammengefunden haben. An diesem Abend, in jenem Raum könnte es scheinen wie ein Aufbegehren. Als wollten sie ausbrechen. Gehorsam, Pflichtbewusstsein, Ergebenheit, freundliche Zurückhaltung – all jenen Eigenheiten, die man den Japanern oft zuschreibt, tritt hier die pure Wut entgegen. Ein Furor, der nach Beben, Tsunami und Super-GAU, gewollt oder nicht, zumindest in unseren Augen und Ohren eine neue Qualität gewinnt.

Die Ausstellung ist Teil der Feierlichkeiten im 150. Jahr nach der Unterzeichnung des Friedens- und Freundschaftsvertrages zwischen Japan und Preußen. Und sie war lange vor der Katastrophe geplant. Angesichts des Leids in Japan erwog man in Düsseldorf vorübergehend eine kleinere, sparsamere Variante, entschied sich dann aber doch, bei der großen Lösung zu bleiben. Alle sechs teilnehmenden Künstler reisten eigens an, um ihre Arbeiten einzurichten. Fukushima sei dabei immer präsent gewesen, sagt Kunsthallenchef Gregor Jansen. Das habe man ihnen deutlich angemerkt.

Unter den Werken aus 15 Jahren, die »The Group 1965« in der Kunsthalle ausbreiten, überwiegen die aktuellen. Zwar erscheinen sie selten so ätzend wie das apokalyptische Wandgemälde von Makoto Aida, selten so laut wie die klirrende Performance von Hiroyuki Matsukage und Sumihisa Arima. Doch auch in den leiseren Arbeiten der Schau kommen immer wieder kritische, manchmal beißende, zumindest aber ironische Ideen zum Tragen.

Etwa in den Fotos von Matsukage, der gern schöne Frauen nach geläufigem Werbeschema in Szene setzt – verwirrend zum Beispiel sein sexy Marlboro-Girl mit Cowboyhut, Zigarette in der Hand und braunem Pferdeschweif zwischen den Pobacken. Einen ähnlichen Ton stimmt Tsuyoshi Ozawa an, wenn er sich mit seinem »Museum of Soy Sauce Art« über die Verwestlichung der japanischen Kunstwelt lustig macht. In den vier Kammern des offenen Gehäuses parodiert der Künstler Schlüsselwerke japanischer Kunst unterschiedlicher Epochen, indem er sie sämtlich mit Soja-Sauce nachempfindet. Ganz am Ende bekommen auch On Kawaras konzeptuelle Date Paintings ein paar würzige Spritzer ab.

Eigentlich, so unterstreicht man in Düsseldorf, gebe es fast nichts, was die sechs Künstler gemein hätten. Ihre Gruppe folgt keinem Programm, keinem Manifest, hat keinen echten Anführer. Nur die japanische Herkunft verbindet sie und natürlich das Geburtsjahr 1965. Damit natürlich auch eine Kindheit und Jugend in den 70er und frühen 80er Jahren, als der Wohlstand der Japaner wuchs. Als die Pop-Kultur erblühte. Das Fernsehen strahlte die ersten Mangas für Jugendliche aus, Hello Kitty wurde geboren, und der Walkman von Sony kam auf den Markt.

Mag sein, dass dieser Background jene kritisch-distanzierte Haltung begünstigt hat, die abgesehen von Herkunft und Geburtsjahr dann doch zu einem durchaus prägenden Merkmal der Gruppe wird. Eben diese Haltung baut auch eine Brücke zu Joseph Beuys. Zumindest phonetisch huldigen die sechs ihrem großen Vorbild im Untertitel der Düsseldorfer Ausstellung: »We are boys!«

Die Künstler von »The Group« waren nicht mal 20 Jahre alt und Beuys hatte längst Kultstatus erreicht beim ersten Kennenlernen: Zwei große Ausstellungen in der Galerie Watari und im Seibu-Museum in Tokio feierten damals die rheinische Künstlerlegende. Ja, Beuys’ Idee einer »Sozialen Plastik« und einer »Freien Internationalen Universität« hatten es bis in den Fernen Osten geschafft – wurde dort allerdings, nicht anders als hierzulande, ziemlich kontrovers aufgenommen. Was die zukünftigen Group-Mitglieder betrifft, kam die Begegnung mit Beuys in der japanischen Hauptstadt einer Erweckung gleich. Es war wohl nicht zuletzt der Schamane mit Hut, der sie auf die gesellschaftspolitisch engagierte Schiene gesetzt hat.

So fahren die Boys fort, bewegen sich weiter fern der marktgängigen, unter japanischen Zeitgenossen recht verbreiteten Hochglanzästhetik. Wählen dabei allerdings sehr unterschiedliche künstlerische Medien und Ausdrucksformen: Hiroyuki Matsukage ist Fotograf, Grafik-

Designer und Musiker. Sumihisa Arima macht Soundkunst am Computer. Tsuyoshi Ozawa arbeitet bevorzugt installativ wie in seinem Soja-Sauce-Museum. Makoto Aida, Schöpfer des Düsseldorfer »Monument for nothing«, malt bevorzugt. Ebenso Oscar Oiwa, der auf seinen großen Leinwänden die industrialisierte Welt in düstere Farben taucht. Parco Kinoshita schließlich ist ein recht bekannter Manga-Künstler und tritt in Performances auf, die gern mit Karaoke-Elementen spielen.

In der Kunsthalle zeigt er zwei große gemalte Wellen, die an klassische japanische Farbholzschnitte erinnern könnten. Viel näher liegen aber Gedanken an den Tsunami. Auch wenn Parco Kinoshita seine Riesenwellen lange vor dem 11. März 2011 zu Papier gebracht hat – Jahre schon sei ihm die Vorahnung des nahenden Unheils durch den Kopf gegangen.

Unmittelbare Reaktionen auf die Katastrophe sind unter den Werken in der Kunsthalle allerdings nicht zu finden, obwohl etwa Tsuyoshi Ozawa sich in seiner Kunst sehr direkt damit auseinandergesetzt hat. In einem Museum nahe Fukushima fragte er an, wie er helfen könne. Mit Kunst, lautete die Antwort.

Ozawa wurde sofort aktiv und gab seiner seit 2001 entwickelten Werkgruppe der »Vegetable Weapons« eine neue Richtung. Die ursprüngliche Idee: Statisten posieren vor der Kamera mit Waffen, die der Künstler zuvor aus ihren Lieblings-Gemüsen gebastelt hat. Anschließend werden Pilze, Lauch, Möhren lecker verkocht. In der aktuellen Fukushima-Variante nun benutzt Ozawa verstrahlte Feldfrüchte von Bauern der Region – auf das gemeinsame Mahl am Ende der Aktion muss er dabei natürlich verzichten.

In einem Vortrag zur Eröffnung stellt der Künstler in Düsseldorf sein Projekt vor. In der Schau ist aber nichts davon zu sehen. Warum Ozawa die kontaminierten Gemüse-Waffen daheim gelassen hat? Er kenne viele, die alles verloren hätten – ihre Angehörigen, ihre Habe, ihren Beruf, sagt er. Das Schicksal dieser Menschen sei zu eng mit dieser Arbeit verbunden, der Schock noch zu frisch. Ozawa muss erst Abstand gewinnen, um sie als künstlerisches Werk akzeptieren und ausstellen zu können.

Eine weniger aufwühlende Möglichkeit der Anteilnahme finden die Sechs oben in der Kunsthalle, wo sie sich, einer neben dem anderen, häuslich eingerichtet haben. Eine Großinstallation, die ihren Titel »Nagaya« von Minibehausungen für kleine Leute übernommen hat, wie man sie auf gedrängtem Raum in den engen Straßen und Gassen von Tokio oder in Osaka findet. Aneinandergereihte Wohnzellen, die oft noch nicht einmal eine eigene Toilette haben.

Aktuell finden solch spartanische Wohnformen in den japanischen Flüchtlingslagern wieder Verbreitung. Daran haben die Sechs gedacht, als sie ihre Kämmerchen ausgestattet haben. Ein jeder nach seinem Geschmack: Mit Sitzsack und Monitor, idyllischem Wandbild oder chaotischen Klängen aus dem Computer. Allen Zimmern gemeinsam sind die Bambusmatten auf dem Fußboden und das große Fenster nach hinten hinaus. Mit Blick auf jenes schwarze »Loch«, das Joseph Beuys einst in der Kunsthalle hinterlassen hat.

Kunsthalle, Düsseldorf; bis 3. Juli; Tel. 0211 / 8996240; www.kunsthalle-düsseldorf.de

Kunst
06 / 2011

KEINE GROUP OHNE BEUYS

Von: STEFANIE STADEL


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