Max Liebermann: Strand bei Noordwijk, 1908. Öl auf Holz, 61,5 x 69 cm. Hamburg, Körber-Stiftung.

MÖHRE STATT MADONNA

Bonn überblickt das Schaffen von Max Liebermann und will beweisen, dass dessen übliche Etikettierung als »deutscher Impressionist« zu kurz greift. In seiner Kunst und in seinem kulturpolitischen Engagement erweist der Maler sich als konsequenter Verfechter aktueller Strömungen.

TEXT: STEFANIE STADEL

Möhren, Lauch, Kohl, Kartoffeln und inmitten von all dem gewöhnlichen Gemüse ein lächelnder junger Mann mit weißer Kappe: Es ist Max Liebermann selbst, der sich 1873, am Ende seines Kunststudiums, als freundlicher Koch in Szene setzt. Das Gründerzeitpublikum dürfte dieses ausgefallene »Selbstbildnis mit Küchenstillleben« kaum goutiert haben. Denn große Gefühle waren gefragt, neckische Genrebilder und grandiose Historien. Kess tischt der damals 26 Jahre alte Liebermann stattdessen frische Feldfrüchte auf. Nicht akademisch glatt angerichtet, wie seinerzeit üblich, sondern vor der Natur studiert und unverfälscht zubereitet.

»Die gut gemalte Rübe ist ebenso gut wie die gut gemalte Madonna«, davon war er überzeugt. Das Thema darf banal sein, auf die Ausführung kommt es ihm an. Und die war bei Liebermann damals schlicht, ungeschönt, naturalistisch. Damit lag er auf der Höhe der Zeit, musste aber einige Kritik einstecken. So wurde Liebermann als »Schmutzmaler« oder »Apostel der Hässlichkeit« zum Karrierestart eher berüchtigt denn berühmt.

In der Bonner Bundeskunsthalle steht das Selbstporträt als Koch für die Anfänge eines Künstlers, der sich durch seine Werke wie auch in seinem kulturpolitischen Engagement als konsequenter Verfechter neuer künstlerischer Strömungen seiner Zeit erweist. Auch in den folgenden Jahrzehnten wird er ganz dicht dran bleiben an den Veränderungen in Kunst und Gesellschaft um 1900.

Rund 100 Gemälde und Papierarbeiten sollen in Bonn Liebermanns Weg belegen: Zuerst sind es Bilder von Arbeitern und Bauern, dann von Alten und Waisen in Amsterdam. Später kommt Liebermann immer mehr ab vom »einfachen Leben«. Es zieht ihn in die großbürgerliche Welt der Jahrhundertwende – in Bier- und Restaurantgärten etwa. Oder in den ersten Jahren des Tourismus an den Nordseestrand. Später dann in den in den lichten Park der eigenen Villa am Wannsee.

Nachdem sich der angehende Künstler mit seinem Selbstporträt zwischen Gemüse von der Weimarer Akademie verabschiedet hat, zieht es ihn zuerst einmal nach Paris, wo Monet, Pissarro, Sisley, Degas, Renoir und andere Furore machen – 1874 organisieren sie die erste impressionistische Gruppenausstellung. Die moderne Metropole und die Ideen der revolutionären Kollegen lassen den Industriellensohn aus Deutschland allerdings zunächst ziemlich kalt – der französische Impressionismus hinterlässt kaum Spuren in Liebermanns Schaffen dieser Zeit.

Viel wichtiger scheint für den 27-Jährigen der Abstecher aufs Land zu den Malern von Barbizon – jenes Künstlergrüppchen, das in den Wäldern von Fontainebleau die Malerei en plein air für sich entdeckt hat. Vor allem Jean-François Millet und dessen karge Landschaften mit hart arbeitenden Bauern haben es Liebermann angetan – Werke wie die gebeugte »Kartoffelsammlerin« auf dem Feld machen klar, was der Maler meint, wenn er vom Gefühl der »Seelenverwandtschaft« mit Millet spricht.

Seine künstlerische Heimat findet Liebermann allerdings nicht in den Wäldern der Île-de-France, sondern in Holland – in Vorbildern von Frans Hals mit ihrer frischen, spontanen Pinselschrift. Und noch mehr in alltäglichen Szenen, Themen, Stimmungen. Über 40 Jahre verbringt der Künstler fast jeden Sommer im geliebten Nachbarland. Nach Bildideen braucht er dort nicht lange zu suchen, sie kamen ihm praktisch per Zufall. Etwa wenn er Frauen bei der Wäschebleiche zuschaut.

Zur malerischen Ausbeute seiner Besuche in Holland zählt auch die »Nähschule im Amsterdamer Waisenhaus«. In seiner Unmittelbarkeit und dem Verzicht auf alles Gestellte kommt das Gemälde frühen Arbeiten von Degas nahe, an den Realisten Gustave Courbet erinnert dagegen die grau-braune Farbskala.

Während der ersten beiden Jahrzehnte scheint Liebermanns Werk durchzogen von der Idee, durch die getreue Beobachtung von Natur und Mensch die alte Vorliebe des Publikums für Historienszenen und altmeisterliche Malweise zu unterlaufen. Auf dieser Grundlage wird seine Malerei um die Jahrhundertwende dann immer freier. Liebermanns Naturalismus verwandelt sich in einen sehr eigenen Luminismus.

Seine Strand- und Badebilder liefern anschauliche Ergebnisse der Entwicklung: Bürger haben die Bauern verdrängt, an die Stelle von Alten und Waisen treten die feinere Gesellschaft und ihre Freizeitvergnügungen. Die Formate werden kleiner, und die Palette hat sich aufgehellt. Zunehmend skizzenhaft und schwungvoll durchmischt der Maler seine Farben nun und setzt sie in dicken Schichten übereinander. Immer lockerer, immer ungezwungener wirkt dabei seine Pinselführung – keineswegs ein verspäteter Abklatsch des französischen Impressionismus. Im 1908 gemalten »Strand von Noordwijk« umschreiben frei gesetzte Striche und Schwünge Frauen, spielende Kinder, Fahnen, die im Wind flattern. Schaumkronen auf dem bewegten Wasser erheben sich in pastosem Weiß. Hier kommt der Maler jenen Ausdrucksqualitäten nahe, die er bei Degas bewundert hat: Dessen Bilder erschienen ihm »entstanden, ganz zufällig – und nicht gemacht«.

Liebermanns künstlerischer Weg endet im eigenen Garten am Wannsee, den sein Alterswerk mit über 200 Bildern feiert. Dazu wartet ein netter Frühlings-Einfall auf dem Dach der Bundeskunsthalle, wo Liebermanns Park in wesentlichen Elementen nachgebaut wird.

Der Künstler hat es geschafft, steht auf dem Gipfel des Ruhmes. Auch als Porträtmaler ist er nun sehr gefragt – die Ausstellung holt eine ganze Reihe von Beispielen aus dieser Sparte nach Bonn. Als langjähriger Präsident der Berliner Secession hat Liebermann sich als ein führender Förderer der Moderne im Berlin des Kaiserreiches und der Weimarer Republik hervorgetan. Und setzt diese Arbeit 1920 fort, als er die Präsidentschaft in der Preußischen Akademie der Künste übernimmt. Doch mit den Nationalsozialisten wendet sich das Blatt. Die Berliner Gesellschaft meidet den Juden zunehmend, viele seiner Werke werden aus den Museen entfernt.

Liebermann zieht sich völlig zurück. »Jeden Tag, wenn ich die Treppe dieses Hauses hinaufgehe ..., steigt Hass in mir hoch«, so gesteht er einer der seltenen Besucherinnen. »Ich schaue nie mehr aus den Fenstern dieser Zimmer – ich will die neue Welt um mich herum nicht sehen.« Liebermanns letztes Selbstporträt – eine Leihgabe der Tate Gallery – zeigt den Maler 1934 – nicht als Koch, sondern standes- und traditionsgemäß mit Pinsel in der Hand. Er scheint resigniert, müde, aber nicht ohne Stolz. Einige Monate später starb der Meister 87-jährig in Berlin.


Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn; 21. April bis 11. September 2011. Tel. 0228/9171 200. www.bundeskunsthalle.de

Kunst
04 / 2011

MÖHRE STATT MADONNA

Von: STEFANIE STADEL


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