Foto: Gianluca Battista

MÜLLIS AUF EIS

Mit HA Schult unterwegs in der Arktis: Christiane Hoffmans hat den Künstler dorthin begleitet, wo »das Herz der Meere« schlägt, und ihn zu seinem Projekt »Trash People« befragt.

 

TEXT UND INTERVIEW: CHRISTIANE HOFFMANS

HA Schult ist arktisfest. Ein dicker Daunenmantel mit Fellkapuze, warme Fäustlinge und ein paar dicke Boots schützen den Künstler vor der eisigen Kälte. Das Thermometer zeigt Minus 25 Grad, als Schult aus dem Land-Cruiser steigt, um seine »Trash People« im Ewigen Eis aufzubauen. Es ist die letzte Station für die Figurengruppe aus Müll. 300 mannshohe »Müllis« hat er nach Longyearbyen gebracht, einem Dorf auf der norwegischen Inselgruppe Spitzbergen. Nach 15-jähriger Tournee feiern sie hier – 78° 13` N 15° 33` O – ihr Finale.

Schult ist sichtbar nervös. Kaum steht er im Schnee, versucht er, so schnell es die pappige Masse zulässt, seine Mitarbeiter zu erreichen. Die sitzen schon auf Schneemobilen und transportieren auf flachen Anhängern die liegenden Müllmänner. Dutzende Male flitzen sie hin und her zwischen den grünen Containern und dem Aufstellplatz. Nach sechs Stunden steht die Gruppe. Ein überwältigender Eindruck. Vor dem Naturpanorama schneebedeckter Berge wirken die bunten Figuren wie eine außerirdische Armee. Dazu setzt das nordische Licht die Gestalten dramatisch in Szene, getaucht in ein zwischen Himbeerrot, Hellblau und Pampelmusengelb wechselndes Lichtspiel.

Dann werden noch schnell Fotos gemacht. Denn hier – sieben Kilometer außerhalb von Longyearbyen – werden sicher nicht wie auf dem Roten Platz in Moskau, an den Pyramiden von Gizeh, auf der Grand Place in Brüssel, in 2800 Meter Höhe am Matterhorn oder 800 Meter Tiefe im Salzlager von Gorleben, zigtausende Menschen die Inszenierung sehen. Das Finale geschieht beinahe unter Ausschluss der Öffentlichkeit, auch weil schon in der nächsten Nacht ein heftiger Sturm einen Teil der Figuren umlegt.

K.WEST: Warum wählten Sie als letzte Station Ihrer »Trash People« die Arktis? Kaum jemand kann dorthin reisen, um Ihr Kunstwerk zu sehen. Warum dieser einsame Ort am Ende der Welt?

HA SCHULT: Hier schlägt das Herz der Meere. Und das Meer ist das größte Mülldepot unseres Planeten. Unter seiner Oberfläche treibt das Konsumzeitalter seine wildesten Blüten. Es gibt kaum einen Ort auf der Welt, an dem die Umweltzerstörung sich so unmittelbar auf die Veränderung des weltweiten Klimas auswirken wird. Hier entscheidet sich die Zukunft unseres Planeten. Der Ort war mir so wichtig, dass der Aspekt der Erreichbarkeit keine Rolle für mich spielte. Mich begleiten sehr gute Fotografen, die die Installation fotografieren. Die Bilder gehen jetzt um die Welt.

K.WEST: Als Sie Ihre Müllmänner im vergangenen Herbst von Köln nach Longyearbyen verschifften, konnte niemand ahnen, dass nur wenige Monate später die Welt nicht mehr dieselbe sein würde.Klingen die umweltpolitischen Warnungen des Aktionskünstlers HA Schult in Anbetracht der verheerenden Folgen des Super-GAU, der durch das Erdbeben in Japan ausgelöst wurde, nicht geradezu naiv?

HA SCHULT: Überhaupt nicht. Dass das Thema Umwelt auf der Agenda von Politikern steht, geht auf mein Konto. Ich habe es in die Umlaufbahn gebracht. In den 60er-Jahren interessierte sich kein Mensch dafür. Alle stellten die Pop-Art auf den Sockel, liebten die Oberflächlichkeit des schönen Scheins. Doch man musste nur aus dem Fenster schauen. Und was sah man? Abfall, Autos, Dreck aus Schornsteinen. Das habe ich dann zu meinem Aktionsfeld gemacht. Ich habe etwa auf der documenta 1972 Felder aus Wohlstandsabfall und Bakterien angelegt, den Markusplatz in Venedig mit alten Zeitungen vollgemüllt, ein Flugzeug über New Yorker Müllfeldern abstürzen lassen. Das waren wichtige Aktionen – Botschaften für eine bessere Welt.

K.WEST: Dafür haben aber auch Arman, Daniel Spoerri, Wolf Vostell und Joseph Beuys gekämpft.

HA SCHULT: Sicher. Aber Beuys’ Botschaften waren viel zu verschroben, konnten nur wenige Menschen erreichen. Da waren die Werke von Vostell und Spoerri schon sehr viel direkter. Aber neben uns gab es damals niemanden. Man sollte sich auch daran erinnern, dass erst 1968 der Club of Rome gegründet wurde, der sich für die Zukunft der Menschheit einsetzte – Jahre bevor sich die Grünen als Partei gründeten. Als Künstler hat man ein feines Sensorium für seine Umwelt – und einen verdammt langen Atem. Ich sage schon seit Jahrzehnten die Wahrheit, mache auf Missstände aufmerksam. Das kann kein Politiker von sich behaupten. Die atmen nur in Vierjahres-Rhythmen. Schauen Sie doch mal, wie selbst ein Grüner wie Joschka Fischer korrupt ist. Jetzt berät er den Atomkraftwerksbetreiber RWE.

K.WEST: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die »Trash People« rund um den Globus aufzustellen?

HA SCHULT: Das erste Mal habe ich 1996 im Amphitheater in Xanten 1000 Skulpturen gezeigt. Damals kamen jedes Wochenende 30.000 Besucher. Und Xanten ist am Ende der Welt. Es waren einfache Menschen, die sich für meine Kunst begeisterten. Ich dachte mir, wenn die Menschen ohne große Werbung von sich aus nach Xanten kommen und stumm auf den Rängen sitzen, um meine »Müllis« zu sehen, müssen die etwas haben, was ich selbst noch nicht erkannt habe. Dann muss ich damit in die Welt hinausgehen.

K.WEST: Nach welchen Kriterien wurde entschieden, wohin die Gruppe reisen soll?

HA SCHULT: Meist waren es politische Entscheidungen. Als stummes Volk standen sie anklagend auf dem Roten Platz in Moskau, ebenso wie auf der chinesischen Mauer. Als Warnung vor der Zerstörung der Natur waren sie am Matterhorn in jenem Jahr, als die Spitze erstmals keinen Schnee hatte. In Brüssel war es ein Aufschrei gegen die bürgerliche Konsumwelt. Und im Salzlager von Gorleben? Die Frage beantwortet sich heute wohl von selbst.

K.WEST: Wie bekommen Sie die Genehmigungen für solche  historischen, politisch bedeutsamen Plätze?

HA SCHULT: Das ist mein Geheimnis.

K.WEST: Gut, aber verraten Sie uns wenigstens, wie Sie das in Moskau geschafft haben?

HA SCHULT: Wir haben jahrelang versucht, eine Genehmigung zu bekommen. Unmöglich! Ich habe zwar mit sehr vielen Politikern und Funktionären gesprochen, doch das Ergebnis waren nur hohe Hotel- und Restaurantrechnungen. Ende der 90er-Jahre habe ich einen neuen Anlauf genommen. Aber die Gespräche verliefen auch diesmal schleppend. Doch dann erzählte mir jemand, dass Putin zum neuen Direktor des Inlandsgeheimdienstes der Russischen Föderation ernannt worden war. Putin kannte ich gut. Als ich 1994 meine Aktion »Krieg und Frieden« auf dem Schlossplatz in St. Petersburg gemacht hatte, war Putin dort Erster Vizebürgermeister. Meine Muse Elke Koska hatte tatsächlich noch seine Handy-Nummer – ich habe ihn angerufen, und die Sache mit dem Roten Platz ging klar.

K.WEST: Die Inszenierung von »Krieg und Frieden« wurde damals per Satellit nach New York und Berlin übertragen. Viele kritisierten die Aktion als populistisch. Auch »Trash People« werden häufig als Tourismus-Event bezeichnet. Trifft Sie das?

HA SCHULT: Man kann natürlich behaupten, nur weil mehr als sechs Leute meine Ausstellungen besuchen, sei ich der Simmel der Künste. Aber was sagt das schon über die Qualität eines Werkes aus? Wenn keiner mehr etwas gegen meine Kunst einzuwenden hat, mache ich etwas falsch. Das Tourismus-Argument höre ich häufig. In der Tat bekomme ich viele Anfragen für die »Trash People«. Doch ich bestimme immer selbst, wo sie aufgestellt werden. Sonst wäre ich unglaubwürdig. Auf einer Ölplattform in Brasilien, gesponsert von einem Ölkonzern, oder in Weißrussland würden sie jedenfalls nie landen.

 

 

Kunst
04 / 2011

MÜLLIS AUF EIS

Von: CHRISTIANE HOFFMANS


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