Maja Haderlap. Foto: Dontworry

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Maja Haderlaps autobiografischer Roman »Engel des Vergessens«

 

TEXT: ANDREJ KLAHN

Die Einsicht, dass der Tod allgegenwärtig ist, holt das Kind im Alter von acht Jahren ein. Da greift er buchstäblich nach ihm, mit den verkrampften Händen der Epileptikerin Iris, die im See einen Anfall erleidet und – auf der Suche nach Halt – das Kind mit sich hinunterzieht. Iris stirbt, die Erzählerin überlebt – und fühlt sich schuldig. Wie ein Emblem ist diese Szene Maja Haderlaps Roman-Debüt »Engel des Vergessens« eingesenkt, in dem die diesjährige Bachmann-Preisträgerin die Entwicklung des jungen Mädchens von der Nachkriegszeit bis in die frühen 90er Jahre verfolgt. Offen liegen dabei die autobiografischen Bezügen zutage: Wie das Mädchen ist die 1961 geborene Maja Haderlap als Angehörige der slowenischen Minderheit in Kärnten zweisprachig auf einem Bauernhof aufgewachsen, um dann später, nach dem theaterwissenschaftlichen Studium in Wien, als Dramaturgin nach Kärnten zurückzukehren.

Haderlap entwirft die Zeit der Kindheit zunächst als entbehrungsreiche, aber urwüchsige Idylle. Doch der Schein trügt: die Familie des Mädchens ist, wie die meisten anderen in der Umgebung auch, vom Kampf gegen die nationalsozialistische Besetzung versehrt. Die Großmutter war im KZ Ravensbrück, den traumatisierten Vater, der als Partisanenkind von den Deutschen gefoltert wurde, treiben Suizidgedanken. Die umfangreiche Liste all derer aus dem Dorf, die im Lager getötet wurden, wird durch die Selbstmorde der Überlebenden fortgesetzt. Die Vergangenheit lässt das Mädchen nicht los, und man darf dieses Buch vielleicht auch als Dokument literarischer Trauerarbeit lesen. Als ins Essayistische ausgreifenden Roman, in dem Lebenserzählungen zu einer kollektiven Erinnerung verdichtet werden und Historie durch die Familiengeschichte scheint. So will »Engel des Vergessens« eine literarische Befreiung sein, die die Slowenen aus dem »Vergangenheitskeller« führt, »wo sie von ihren eigenen Erinnerungen attackiert und vergiftet werden«.

Unschwer lässt sich erkennen, dass da eine Lyrikerin am Werk ist, die allerdings bei ihrem Versuch, dem Grauen sprachlich beizukommen, bisweilen sehr kühne Bilder findet. Doch »Engel des Vergessens« gehört zu jener Sorte von Büchern, die ihre Leser nicht ungerührt lassen – trotz handwerklicher Unzulänglichkeiten.


Maja Haderlap, »Engel des Vergessens«, Wallstein Verlag, Göttingen 2011, 287 S., 18,90 Euro

Buchpräsentation am 18.1. in der Zentralbibliothek Essen.

 

Literatur
12 / 2011

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Von: ANDREJ KLAHN


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