Éric Vuillard. Foto: Anton Georges

GESCHICHTE DES TÖTENS

Éric Vuillard stimmt eine »Ballade vom Abendland« an.

 

TEXT: ANDREJ KLAHN

Lässt die Dickleibigkeit der zum Jahrestag fabrizierten Bücher auf die Gewichtigkeit des historischen Ereignis schließen? Oder ist der einschüchternde Umfang der meisten Bände, die die Sonderauslageflächen zum Ersten Weltkrieg in den Buchhandlungen beschweren, eher ein Indiz für die epochale Ferne des Jahres 1914? Der französische Regisseur und Schriftsteller Éric Vuillard stimmt mit vergleichsweise zarter Stimme in das publizistischen Grundrauschen ein, das das Gedenkjahr begleitet. In Frankreich ist seine 166 Seiten kurze »Ballade vom Abendland« bereits vor zwei Jahren erschienen, unter dem nüchternen Titel »La bataille de l’occident« (»Die Schlacht des Abendlandes«). Das Werk stellt nicht nur hinsichtlich seines Umfangs eine bemerkenswerte Ausnahme unter all den Neuerscheinungen zum Ersten Weltkrieg dar.

Er »pfusche sich durch die Geschichte«, so heißt es am Ende dieses Versuchs, die Geschehnisse vor hundert Jahren aus literarisch-essayistischer Perspektive in den Blick zu bekommen. Was aber nicht heißt, dass das historische Material dem 1968 geborenen Vuillard nur Rohmaterial liefert. Vuillard rekonstruiert Aufmarschpläne, Schlachtverläufe und Bündniskonstellationen, jedoch nicht mit dem Anspruch, sie in seitenlangen Fußnoten sekundärliterarisch auszubalancieren. Auch neue Thesen zur Entstehung des Krieges sucht der Leser vergebens in dieser »Ballade«. Denn der »Kalender der Seele« lasse sich eben durch »kein Bündel aus Gründen, keine noch so überzeugende Erklärung«

begreifen.« Stattdessen changiert Vuillards »Ballade« zwischen poetischer Verundeutlichung, Nacherzählung und Weltgeschichtsphantasie. Erstaunlicherweise tritt die Brutalität und Unmenschlichkeit des Krieges auf diese Weise viel schärfer zutage als in mancher historischen Abhandlungen, die das Grauen durch Zahlen zu fassen versuchen.

Statt also detailversessen ein historisches Panorama entwerfen zu wollen, schiebt Vuillard ein paar Mosaiksteinchen der Geschichte hin und her, um die Zwischenräume assoziativ zu einer vernunftkritischen Skizze aufzufüllen. Bisweilen neigt Vuillard in seinen Schlachtszenen zur stilistisch allzu großen Geste und zum erhabenen Kitsch. Doch festzuhalten bleibt die originelle Kühnheit dieser »Ballade vom Abendland«.

 

Éric Vuillard: »Ballade vom Abendland« Matthes & Seitz, Berlin 2014, 166 S., 19,90 Euro

Lesungen: 8. Mai 2014, Institut français Bonn; 12. Mai 2014 in der Lengenfeld’schen Buchhandlung, Köln; 13. Mai 2014 im Institut français, Düsseldorf.

Literatur
05 / 2014

GESCHICHTE DES TÖTENS

Von: ANDREJ KLAHN


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