Der Königspalast in Kabul. Foto: Holger Frommert/pixelio.de

Navid Kermani. Foto: Halim Dogan

»REISEN BEWIRKT EINEN WIRKLICHKEITSSCHUB«

»Ausnahmezustand« heißt das jüngste Buch Navid Kermanis, es versammelt Reiseberichte aus Kaschmir, Pakistan, Afghanistan, Iran, Syrien, Palästina – Ländern auf Treibsand. Reportagen von Begegnungen mit verfolgten oder verfolgenden Gläubigen, mit hoffnungslos Hoffenden, Versehrten, Sufis, Soldaten.

 

INTERVIEW: ULRICH DEUTER

Zu einem Alltag des Hasses und der Normalität des Leids. »Ins Zentrum des Menschseins«, sagt Kermani, der nur schreibend zu leben scheint: Ein gutes Dutzend Bücher hat der 45-Jährige verfasst, sein nächstes, wieder ein Roman, steht fast fertig auf dem Bildschirm, als er K.WEST in seiner Arbeitswohnung in Köln empfängt.

K.WEST: Sie sind Orientalist, aber schreiben auch Belletristik, zuletzt den 1.200-Seiten-Roman »Dein Name«. Darüber hinaus sind Sie Journalist, der jetzt seinen zweiten Reportageband vorlegt. Sind das alles nur verschiedene Jacken oder ist eines davon Haut?

KERMANI: Für mich ist das alles Haut. Jeder Mensch trägt doch verschiedene Aspekte in sich, macht unterschiedliche Erfahrungen. Bei mir äußern die sich eben in Büchern, in unterschiedlichen Büchern. Die Bücher sind so vielfältig wie der Mensch beziehungsweise so verschieden, wie die Erfahrungen, die ich mache, oder die Bücher, die ich lese. Das mag dann auf manchen so wirken, als würde ich dauernd etwas anderes machen.

K.WEST: Dann war »Dein Name« der Versuch, all die verschiedenen Schreibrollen zu vereinigen?

KERMANI: Ja, das war ein spezielles Buch für mich, weil alles darin ist: Fiktionales, Essayistisches, Wissenschaftliches, Reportagen. Dass es am Ende den Gattungsbegriff Roman bekommen hat, hat damit zu tun, dass dies der umfassendste Begriff ist. Der Roman kann alles sein.

K.WEST: Wie entscheiden Sie, welche der Schreibhaltungen die angemessene ist? Man kann ja auch als Orientalist nach Afghanistan fahren oder als Literat und dann einen Roman schreiben.

KERMANI: Das ergibt sich aus dem Gegenstand. Etwas zeigt sich im Auge oder im Herz, das ich beschreiben möchte oder vielleicht sogar muss, und dann, so kommt es mir vor, öffnet sich irgendwann eine Tür, die ich mir gar nicht aussuchen kann, durch die gehe ich hinein ins Treppenhaus und von dort weiter in die einzelnen Zimmer. Aber wenn ich, wie jetzt in »Ausnahmezustand«, beispielsweise nach Syrien fahre, um darüber zu schreiben, dann wäre das Fiktionale für mich überhaupt keine Möglichkeit. Für mich ist die Wirklichkeit, die ich dort erlebe, so stark, die erschlägt mich. Angesichts dessen verbietet sich für mich – wirklich nur für mich, ich mache daraus keine Regel – jede Fiktion. Meine Rolle sehe ich dann nur darin, Bericht zu erstatten. Während ich, wenn ich von etwas Privatem erzählen will, eine Liebeserfahrung etwa, beinah von selbst ins Erzählen, ins Fiktionale komme, weil es dann immer darum geht, etwas Allgemeines zu erfassen, zu erspüren, das über meine eigene private Erfahrung hinausgeht.

K.WEST: Welche Bedeutung hat denn das Reisen in ferne Länder?

KERMANI: Das ist immer schon ein ganz wesentlicher Teil meines Lebens gewesen. Den ich im Sinne eines politischen Engagements sehr ernst nehme. Zum andern halte ich den Wirklichkeitsschub, der solche Reisen auslöst, für ganz wichtig. Der bewirkt, ich will nicht gerade sagen, eine Läuterung, aber eine Bewusstseinsschärfung. Eine Neujustierung der Maßstäbe im Kopf: Was ist wichtig? Denn selbst wenn ich hier im Büro sitze und über anderes schreibe, über scheinbar Privates, sind ja die Erfahrungen solcher Reisen nicht vergessen.

K.WEST: Weil das Reisen Sie mit dem Anderen konfrontiert?

KERMANI: Zumindest hat es sich bis jetzt nicht ergeben, dass ich in die Provence reise oder über die Olivenölernte schreibe.Sondern mich treibt es ja doch meistens in Gebiete, in denen es um die nackte Existenz geht. Und solche existenziellen Erfahrungen, wie Geburt und Tod, sind einfach prägend. Die verändern einen. Als Schriftsteller bin ich vielleicht noch ein bisschen mehr darauf angewiesen, solche Erfahrungen zu machen, die über das Alltägliche, den eigenen Dunstkreis hinausgehen. Ich weiß ja, dass ich ein bestimmtes Talent habe, das ich nutzen muss. Das Talent, Dinge in kurzer Zeit zu erfahren, mir sie bis zu einem bestimmten Grad sogar einzuverleiben und so zu schildern, dass sie für andere Menschen anschaulich werden. Mit dieser Gabe muss ich verantwortlich umgehen. Das klingt jetzt möglicherweise eitel, ist aber eher demütig gemeint. Als Verantwortung, der ich mich stelle.

K.WEST: Nun sind Sie aufgrund Ihrer Herkunft und Ihrer Ausbildung bestens geeignet für Reisen in Länder wie Pakistan, Afghanistan und natürlich Iran. Dennoch: Wie möglich oder unmöglich ist es, so weit weg liegende Kulturen zu begreifen? Wir verstehen ja schon Italien nicht.

KERMANI: Man muss ja nicht alles verstehen. Es ist ja auch gut, das Fremde einfach anzuerkennen. Man muss es beschreiben, ja, aber man kann es auch so stehenlassen als das Fremde. Was wir aber zunehmend machen, ist bewerten. Schalten Sie das Fernsehen ein, schlagen Sie eine Zeitschrift auf – Sie sehen und lesen immer nur Meinungen, Meinungen, Meinungen. Und aufgrund der Boulevardisierung gerade auch der öffentlich-rechtlichen Medien immer mehr Meinungen von immer mehr Menschen, die immer weniger eine spezifische Sachkompetenz haben, sondern halt einfach nur prominent sind oder laut. Aber vor der Meinung läge doch das Verstehen und davor das Beschreiben, das Berichten. Darin sehe ich meine Aufgabe. Wenn wir dann Dinge verstehen, ist es wunderbar. Wenn wir sie nicht verstehen, ist es auch ein Teil der Realität. Allerdings entspricht es meiner eigenen Beobachtung, dass wir zur Kultur des sozusagen erweiterten Mittelmeerraums, bis hinein ins Indische, verhältnismäßig gute Zugangsmöglichkeiten haben. Einfach weil es da ein gemeinsames Erbe aus der Antike und dem biblischen Israel gibt. Die Grenze, hinter der es sehr schwierig wird, verläuft nicht schon am Bosporus.

K.WEST: Was ist anders, wenn ein Intellektueller und Schriftsteller aus Afghanistan oder Syrien berichtet, als wenn dies ein normaler Journalist tut?

KERMANI: Meine Berichte von dort sind ja auch journalistisch! Aber in der Tat sehe ich eine problematische Entwicklung im Journalismus. Meiner Meinung nach wird die Wahrnehmung der Welt in den Medien immer eingeschränkter. Wenn in Talkshows mal übers Ausland gesprochen wird, geht es immer nur um die Frage: Sind wir betroffen, sind wir gefährdet? Das Weltbürgertum ist wirklich im Rückgang. Das ist das Paradoxe, dass wir zwar globalisiert werden, also viel mehr erfahren müssten, aber zugleich in der Wahrnehmung immer stärker auf uns selbst zurückfallen. Immer stärker um uns selbst kreisen. Was ich überall sehe, ist eine Gleichzeitigkeit von Globalisierung und Provinzialisierung.

K.WEST: Was wäre die richtigere Haltung?

KERMANI: Neugier. Kosmopolitentum im Sinne einer Weltinnenpolitik, was in meiner Jugend in den 70er und 80er Jahren ein ganz selbstverständlicher Begriff war. Es war eines meiner Ideale, die ganze Welt als die eigene Welt zu begreifen.

K.WEST: Der Untertitel Ihres Buches lautet: »Reisen in eine beunruhigte Welt«. Wer ist hier der Beunruhigte?

KERMANI: Diese Länder selbst sind beunruhigt. Darum geht es mir zunächst. Die Menschen dort selbst sind beunruhigt, weil etwas hineingekommen ist in ihre Existenz, das sie nicht mehr fassen können, was ihr Leben in den Ausnahmezustand versetzt hat.

K.WEST: Ein Zustand, der bedeuten kann, dass ein junger Schafshirte in Afghanistan eine glitzernde kleine Scheibe aufhebt und im nächsten Moment beide Hände verloren hat. Das berichten Sie in Ihrem Buch und wie Sie am Krankenbett des Jungen weinen, er selbst aber herzlich lacht über seine eigene Dummheit.

KERMANI: Ja, man lacht sehr viel in Afghanistan. Es gehört zur afghanischen Kultur, vieles durch Lachen wegzuspülen. Das ist ja auch, was ich in diesem Buch zu beschreiben versuche, dass Ausnahmezustand nicht bedeutet, dass permanent alles auf 180 ist. Sondern dass da ganz viel Normalität und Routine herrschen. Die Leute leben halt, sie feiern Hochzeiten, fahren Skateboard. Und ob man im Krieg verliebt ist oder im Frieden, das Herz schlägt genauso schnell. In Kaschmir beispielsweise haben sich alle daran gewöhnt, dass alle 100 Meter ein Soldat steht.

K.WEST: Das heißt, der Ausnahmezustand ist eigentlich gar keiner?

KERMANI: Doch. Nur wenn man 20 Jahre damit lebt, ist dieser Ausnahmezustand Normalität. Ich glaube aber, dass wir uns nicht an diese Art Normalität gewöhnen dürfen. Dass meine Aufgabe darin besteht, so etwas als nicht normal zu kennzeichnen. Darauf zu beharren, dass so die Welt nicht sein soll.

K.WEST: Das wäre entweder ein moralischer Appell. Oder die Aufforderung zur Intervention.

KERMANI: Aber den Appell formuliere ich nicht. Der ergibt sich vielleicht aus der Reportage. Es ist dem Leser überlassen, was er daraus schließt. Ich bin nur Zeuge. Ich fälle nicht das Urteil.

K.WEST: Fast alle Länder, die Sie in Ihrem Buch bereisen, sind muslimisch. In Pakistan beschreiben Sie die Konflikte zwischen dem ›neuen‹ fundamentalistischen und dem ›alten‹ volksfrommen, fröhlich-weichen Islam; in Iran wird man Zeuge davon, wie Ayatollah Chamenei beim Freitagsgebet die Gläubigen aufpeitscht. Der Satz ›Der Islam ist das Pro-blem‹ findet sich in Ihrem Buch aber nicht.

KERMANI: Die hiesige Erwartungshaltung, es gehe immer nur um den Islam, muss ja nicht richtig sein. Ich versuche, die Dinge in dem Verhältnis zu thematisieren, in dem ich sie in der Wirklichkeit vorfinde. Als ich zum Beispiel in Syrien war, haben dort die wenigsten Menschen über den Islam gesprochen oder den Konflikt als religiös wahrgenommen. Ich denke, auch islamische Länder sollten so betrachtet werden wie jedes andere: säkular. Hingegen würde ich einem Großteil der Berichterstattung vorwerfen, dass sie selbst fundamentalistisch ist. Weil sie alles auf die Religion zurückführt. Nehmen Sie die Apartheid in Südafrika, die war zutiefst christlich geprägt, biblisch begründet. Aber natürlich haben wir sie säkular wahrgenommen. Zu Recht. In der islamischen Welt aber wird alles auf die Religion zurückgeführt. Wenn ich in Pakistan einen Sprecher der Fundamentalisten treffe oder in Afghanistan einen Taliban, dann ist der natürlich ein religiös geprägter Mensch, das beschreibe ich ja ausführlich. Nur ordne ich ihn und alles, was er sagt, in den Zusammenhang der Wirklichkeit ein, die ich wahrnehme. Eine soziale und politische Wirklichkeit, in der es eben nicht nur um Religion geht. Ich glaube nicht, dass ich deswegen beschönige. Ich versuche, die Komplexität einer Situation anschaulich zu machen, und wenn der Leser am Ende verwirrter ist als am Angang, mehr Fragen hat als zuvor – prima.

K.WEST: Die jüngste Reise in Ihrem Buch führte Sie im September 2012 nach Syrien. »Eingang zur Hölle« heißt das Kapitel. Auch wenn Sie betonen, nur Zeuge sein zu wollen, die Frage: Was müsste geschehen, damit die Hölle nicht auch noch betreten wird?

KERMANI: Es gibt leider nicht die richtige Lösung, also muss man zwischen den falschen diejenige wählen, die ›am wenigsten falsch‹ ist. Nichts zu tun bedeutet nämlich auch einzugreifen, weil lauter andere Mächte sich längst eingeschaltet haben. Zwischen Nichtstun und militärischer Intervention gibt es eine große Bandbreite, die nicht ausgeschöpft ist.

 

Navid Kermani: »Ausnahmezustand. Reisen in eine beunruhigte Welt.« C. H. Beck Verlag, München 2013, 254 Seiten, 19,95 Euro

Literatur, Kulturgeschichte
05 / 2013

»REISEN BEWIRKT EINEN WIRKLICHKEITSSCHUB«

Von: ULRICH DEUTER


Was? Wann? Wo?Alle wichtigen Kultur-Termine in NRW auf einen Blick: