Hände hoch: Fans beim Open Source. Foto: Rainer Rudolf

DAS MILLIONENSPIEL

Nie gab es so viele Festivals wie in diesem Jahr, nie war der Pop-Betrieb so durchkommerzialisiert. Für die Veranstalter ein harter Job: Sie müssen mit starker Konkurrenz, anspruchsvollem Publikum und explodierenden Künstlergagen kalkulieren. Wie behauptet man sich als mittelgroßes Festival in dieser Situation? Ein Besuch bei den Machern des Open Source in Düsseldorf.

 

TEXT: INGO JUKNAT

Wer in diesen Tagen mit Festivalplanern spricht, hört oft von einer neuen Erfolgsformel. Vielleicht ist es auch nur ein Überlebensrezept. Es heißt: »spezieller werden«. Weg von den Blockbuster-Bands am Formel-1-Ring, hin zu ausgesuchten Künstlern an ungewöhnlichen Orten. Anders geht es nicht in Zeiten, in denen jeder zweite Weiler in NRW seine eigene Sommerbühne unterhält, von den großen Festivals ganz zu schweigen. Nie war mehr Open-Air als 2013, und nie war das Geschacher um zugkräftige Künstler so groß wie heute. »Die Gagen sind inzwischen so irre, dass es schon fast keinen Spaß mehr macht«, bestätigt Philipp Maiburg. Er weiß, wovon er spricht. Seit 2006 organisiert er das Open Source Festival in Düsseldorf – sieben Jahre, in denen er einiges über das Geschäft mit der Live-Musik gelernt hat, nicht alles davon erfreulich.

Das fängt bei der Auswahl der Künstler an. Die Verhandlungen mit den Booking-Agenturen sind langwierig und zäh. Zusagen werden in der Regel erst dann gemacht, wenn alle Festivals ihre Angebote abgegeben haben. »Ich kann diese Taktik sogar verstehen«, sagt Maiburg. »Es ist die Aufgabe der Manager, für ihre Bands so viel herauszuholen wie möglich. Und die Künstler wissen ja selbst nicht, wie es in den nächsten Jahren läuft. Vielleicht haben sie nur drei gute Sommer.« Wie hoch die Honorare genau sind, ist schwer zu beziffern. Booking-Agenturen hüten die Künstlergagen wie Staatsgeheimnisse – nicht zuletzt, um bei Verhandlungen flexibel zu sein. Umgerechnet eine Million Euro soll die Band Metallica letztes Jahr für einen Festival-Auftritt erhalten haben. Selbst speziellere Künstler wie das isländische Pop-Orchester Sigur Rós oder die englischen Postpunks von The XX erzielen schon Gagen von bis zu 100.000 Euro für Headliner-Konzerte von maximal 90 Minuten.

Die explodierenden Kosten haben die Branche nervös gemacht – und weniger kollegial. Als Maiburg die amerikanische Band The National buchen wollte, erfuhr er, dass das zwei Autostunden entfernte Rock am Ring strikte Exklusivität ausgehandelt hatte. »Das hat mich schon erstaunt, dass wir als kleines Festival als Konkurrenz wahrgenommen werden. Und das, obwohl Rock am Ring zu dem Zeitpunkt schon ausverkauft war.« Vielleicht ist die Nervosität der Veranstalter begründet. Erste Festivals wurden bereits eingestampft, andere haben zu kämpfen. Im letzten Jahr musste das Duisburger Traumzeit Festival pausieren, das erst 2005 gestartete Area 4 in der Nähe von Lüdinghausen wurde in diesem Jahr ganz abgesagt.

Die Begründung auf der Homepage ist symptomatisch: »NRW ist das dichtbevölkertste Bundesland und entsprechend populär bei Veranstaltern. Im Sommer gibt es so viele Festivals, Open-Air-Konzerte oder andere Großveranstaltungen, da ist es nicht leicht, sich durchzusetzen.« Das hat auch mit einem anspruchsvoller gewordenen Publikum zu tun. »Einfach nur einen alten Flugplatz zu mieten, soundso viele Dixi-Klos hinzustellen und ein Line-up von der Stange zu präsentieren, das läuft einfach nicht mehr«, stellt Maiburg fest.

ERSCHWINGLICHE PREISE

Die Inspiration für sein eigenes Festival sieht er denn auch eher bei kleinen, gediegenen Formaten: beim Haldern Pop am Niederrhein, zum Beispiel, aber auch beim Unsound in Krakau oder dem Sónar in Barcelona, als es noch nicht aus allen Nähten platzte. »Ich glaube, dass Formate, die erkennbar mit Liebe gemacht werden, auch funktionieren.« Dazu muss das Budget nicht unbedingt wachsen. »Wir könnten uns am Bandpoker beteiligen und Stars wie Phoenix oder The National buchen, aber dann würden die Karten nicht mehr 32 Euro für den Tag kosten, sondern vielleicht 60. Das wollen wir auf keinen Fall. Wir tun alles dafür, dass die Ticketpreise erschwinglich bleiben und die Leute auch wegen der kleinen Bands kommen.« Mit »kleinen Bands« meint Maiburg die lokalen Künstler, die auf der »Young Talents«-Bühne spielen. Die Förderung der regionalen Musikszene ist seit Bestehen des Open Source fester Teil des Konzepts. Es ist ein kluges Modell, von dem alle profitieren: Die jungen Bands spielen im Windschatten der internationalen Künstler – für die Unterstützung der lokalen Szene gibt es Zuschüsse von der Stadt, die das Budget für größere Acts wiederum erhöhen. Nicht, dass es ein einfacher Weg gewesen wäre. Die ersten sechs Jahre zahlten Maiburg und Co. jedesmal drauf, aus eigener Tasche. Wenn alles gut läuft, können sie dieses Jahr erstmals eine halbe Stelle einrichten. Mit anderen Worten: jemanden anstellen, der sich ausschließlich um das Festival kümmert. Bisher stemmen alle Beteiligten das Open Source »nebenbei«.

Beim Programm haben sie die »spezieller werden«-Philosophie in diesem Jahr voll umgesetzt. Dass das nicht bedeutet, auf große Namen zu verzichten, sieht man am Auftritt des amerikanischen Rappers und Schauspielers Mos Def. Er spielt mit dem Jazz-Pianisten Robert Glasper auf der Hauptbühne des Open Source. Es ist das einzige gemeinsame Konzert in Deutschland. Musikalisch quasi der Gegenentwurf, aber auch nicht alltäglich: das Konzert der legendären Noiserocker Dinosaur Jr. Auf der kleinen Bühne hinter den Zuschauertribünen geht es beinahe weltmusikalisch zu. Mala in Cuba vereinen Karbiksound mit Dubstep, Dena aus Berlin pendeln sich zwischen Osteuropa-Klängen und R’n’B ein. Richtig experimentell wird es beim Auftritt von Darkstar, die so ziemlich alles von Metal bis HipHop in den Mixer werfen.

KREATIVE AUF DEM MARKTPLATZ

Einen echten Coup haben Maiburg & Co. im Nachtprogramm gelandet. Im Stahlwerk legen Modeselektor auf. Das Berliner DJ-Duo gehört zu den derzeit erfolgreichsten Pop-Exporten aus Deutschland und hat bereits mit so unterschiedlichen Künstlern wie Thom Yorke von Radiohead oder Björk gearbeitet. Unterstützung im Nachtprogramm kommt von Düsseldorfs renommiertem Eigengewächs Kreidler sowie von »AI«, die ihre Wurzeln ebenfalls in der Landeshauptstadt haben. Die lokale Anbindung ist Teil der Open-Source-Identität. Die »Young Talent«-Bühne steht ausschließlich dem lokalen Nachwuchs zur Verfügung. Vor Bewerbungen können sich Maiburg & Co. kaum retten, obwohl es für die Auftritte nicht mal Geld gibt.

Ebenfalls Teil des Festivalkonzepts: die »Open Squares«. Auf dem kleinen Marktplatz stellen Kreativfirmen aus der Region ihre Geschäftsmodelle vor. Für die besten Ideen gibt es einen von der Stadt geförderten Stand. Was die Zusammenarbeit mit der Politik angeht, ist Maiburg ohnehin zufrieden. Von den finanziellen Zuwendungen einmal abgesehen, hat er das malerische Festivalgelände der Stadt Düsseldorf zu verdanken. Dass sie die schicke Ascot-Kulisse am Grafenberger Wald ausgerechnet an ein Pop-Festival vermietet, ist sicherlich keine Selbstverständlichkeit. Für das Open Source ist das Gelände ein Glücksfall im Vergleich zum ursprünglichen (und zu weitläufigen) Areal am Löricker Freibad.

Und so geht Maiburg trotz starker Konkurrenz und gestiegenen Kosten optimistisch in den Sommer. »Ich glaube, wir haben in den letzten zwei Jahren große Sprünge gemacht. Die Produktion hat zuletzt wie am Schnürchen geklappt. Ich glaube, das ist die beste Werbung, die wir machen können.«

Open Source Festival, 29. Juni, Düsseldorf, Galopprennbahn Grafenberg und Stahlwerk, www.open-source-festival.de

 

Musik
05 / 2013

DAS MILLIONENSPIEL

Von: INGO JUKNAT


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