Foto: Moxiework

ALLES EIN BISSCHEN MOXIE

Im Elfenbeinturm ist Tag der offenen Tür: Anstatt mit Fotos wirbt die »Junge Tonhalle« in Düsseldorf mit aufwendig gefertigten Szenarien aus Papier. Dahinter steckt das »Moxienetwork« – innovative Ansätze, um die Jugend für Klassik zu begeistern.

TEXT: VOLKER K. BELGHAUS

Vorneweg: »Wir sind keine Bastelstube!« Dann hätten wir das auch direkt geklärt.

Wenn man die Plakate der »Jungen Tonhalle« in den Straßen Düsseldorfs sieht, könnte man tatsächlich auf die Idee kommen, dass Till Paukstat und seine Kollegen vom »Moxienetwork für Kommunikation« den ganzen Tag mit Papier, Schere und Klebestift hantieren. Schließlich haben sie der »Jungen Tonhalle« eine ganz eigene Bildsprache verpasst. Für die Plakate der Konzertreihe »3-2-1 Ignition«, die Jugendliche für klassische Musik und die Tonhalle begeistern soll, bauen die »Moxies« dreidimensionale Szenen und Modelle aus Pappe und Papier, die dem Thema der jeweiligen Veranstaltung entsprechen. Diese werden dann abfotografiert, teilweise am Computer mit Typografie versehen und zum fertigen Plakat gebaut.

Bis 2008, bevor das »Moxienetwork« die Gestaltung übernahm, warb die Tonhalle mit Fotos von tätowierten Damen im Abendkleid um die Gunst der jungen Zuschauer. Hinter der neuen Konzeption steckt die Idee, »zu zeigen, dass hinter der Musik echte Menschen stecken, und dass dort richtig gearbeitet wird«, so Marius Obiegala. »Digital ist eben nicht emotional«, schiebt er lächelnd hinterher. Nicht nur hinter der Musik, sondern auch hinter den Plakaten stecken echte Menschen. Man darf beim »Moxienetwork« keine klassische Düsseldorfer Werbeagentur erwarten, in der sich schwarzgekleidete Designer gegenseitig beim Cool-sein zugucken. Sondern ein Netzwerk junger, kreativer Menschen, von denen viele Design an der FH Düsseldorf studiert haben, die gerne zusammen arbeiten und zudem dieselbe Denke und Philosophie haben.

Was Marius Obiegala, Till Paukstat, Tim Turiak, Dominique Lucien Garaudel, George Popov, Thomas Spallek, Henryk Berlet, Nina Polumsky und Xénia Saquet verbindet, ist, dass sie nach eigenen Angaben alle ein bisschen »moxie« sind. Das ist nicht nur der Name eines Erfrischungsgetränks aus dem US-Bundesstaat Maine, sondern steht im englischen Slang auch für Mut, Tatkraft, Chuzpe und Kampfgeist. Mut zum eigenen Stil und zum Idealismus; schließlich bekennen sie, dass das »Moxienetwork« niemals Werbung für Ölfirmen oder Atomkraftwerke machen würde. Das Netzwerk besteht nicht ausschließlich aus Designern, sondern ist interdisziplinär angelegt; auch Musiker und Journalisten gehören dazu. »Werdet Moxie!« lautet die Parole dieser Menschen, die »analoges Clouding« betreiben und sich selbst als Kollektiv sehen, weil es keinen direkten Chef gibt.

Ein Kollektiv kann im Arbeitsalltag durchaus anstrengend sein, bei den »Moxies« scheint es aber zu funktionieren, mit einer Mischung aus Gelassenheit und Größenwahn: »Wir sind die Allianz zur Umgestaltung des Universums«, merkt Garaudel ironisch an, während ein Kollege von der Seite schelmisch »Nur wir kommen nicht dazu …« ergänzt. Ihrem Moxie-Begriff, irgendwo zwischen Kommerz und Kunst, haben sie das Blog »getmoxie.de« gewidmet – mit dem Untertitel »Die Welt ist meine Werkbank«.

Im echten Leben findet man ihr Studio mit etwas Ausdauer auf dem Gelände des ehemaligen Liesegang-Werks im Stadtteil Unterbilk – in den hellen Räumen herrschen kreativstes Chaos und Werkstattatmosphäre. An den Wänden hängen Probeausdrucke des neuen »O-Ton«-Magazins der Tonhalle, die Schreibtische sind zu einer großen Tafel zusammengeschoben, daneben stehen Scheinwerfer und eine improvisierte Hohlkehle, auf der die fertigen Papierszenarien fotografiert werden. Eine Tür weiter entstehen die Modelle. Überall liegen farbige Pappen, Scheren, Kleber, aber man findet auch Elemente von früheren und bereits fertiggestellten Plakaten, wie den Papierfußball vom »3-2-1 Ignition«-Plakat »Helden brauchen Hymnen:

Das WM-Opus«, den amerikanischen Straßenkreuzer und die gleichzeitig astreine Ludenkarre, die für das Rotlicht-Motiv »Sex and Crime« Verwendung fand sowie die Miniaturausgabe der Tonhalle selbst, die die »Moxies« für ein »3-2-1 Ignition«-Plakat bauten. Auf jenem Plakat unter dem Titel »Klangwelten« ist sogar die Typografie teilweise analog und handgefertigt, ansonsten haben sie sich richtig ausgetobt. Aus der Tonhalle schwappt pinkfarbene Papierbrühe, die Musiker, DJs und Dirigenten sind ausgeschnittene Pappkameraden, ein blauer Tod spielt Geige und eine reale Hand hält das rustikale Modell des Raumschiffs »Enterprise« ins Bild. Die 3D-Collagen auf den Plakaten haben aber nicht immer Puppenstubengröße, sondern werden bei Bedarf lebensgroß. Für ein Konzert zum Komponisten-Jubiläum »Schumann 2010« der »Jungen Tonhalle« wurde aus Pappe und Holzlatten so etwas wie ein Wald aus Baumstämmen entworfen, in dem die echten Musiker posierten.

Die Zusammenarbeit mit der Tonhalle redu-ziert sich aber nicht nur auf schicke Plakate und Flyer, sondern erstreckt sich auch hier und da auf die Programmgestaltung. Intendant Michael Becker ist offen für kreative Vorschläge – wie man es schafft, junge Menschen in die Tonhalle zu locken und für klassische Musik zu begeistern. Klassische Musik darf Spaß machen und extravagant vermittelt werden. Das führt dann dazu, dass beim »3-2-1«-Konzert unter dem Motto »Superlative«, das als das »beste, ohrenbetäubendste und superste Konzert ever« angekündigt wurde, der Dirigent den Abend in einem Supermankostüm bestreiten darf. Oder man überlässt in der Reihe »Big Bang« jungen Musikern die Bühne und zeigt, dass Klassik keine Rentnerveranstaltung sein muss. Einen Schritt weiter geht die Reihe »Tonfrequenz«, die die Tonhalle in einen Club mit elektronischer Musik und angesagten DJs verwandelt.

Mittlerweile haben die »Moxies« auch die Kommunikation für die Tonhalle selbst übernommen und ein klassisch-modernes, typografiebasiertes Corporate-Design geschaf-fen, in dessen Mittelpunkt immer die runde Form des »O« steht. Neben den Plakaten haben sie die Jahresvorschau gestaltet; momentan arbeiten sie an neuen Medienformen. Auch das Design des »Schumannfest Düsseldorf« geht auf ihr Konto, ebenso das Erscheinungsbild für die diesjährige »Große Kunstausstellung Düsseldorf«. Da das »Moxienetwork« keine klassische Designagentur ist, arbeitet jeder auch an eigenen Projekten und Aufträgen. »Moxie« Till Paukstat gestaltet z.B. das hippe Turnschuhfachmagazin »Sneakers«; auch dessen Logo ist von ihm. Er konnte es nicht lassen und schnippelte den Schriftzug »erpressermäßig« aus den Buchstaben bekannter Sneakermarken wie Nike oder Puma zusammen.

Fragt man die »Moxies« nach der nahen Zukunft, so geben sie gerne und todernst die Auskunft: »Wir planen Dependancen in Berlin, Amsterdam und Paris.« Hört sich aber wilder an als es ist. In diesen Städten gibt es eben auch Menschen, die »moxie« genug sind, um im Netzwerk mitzuarbeiten. Dazu braucht es keine repräsentativen Bürofluchten mehr, sondern lediglich einen Laptop.

In ihrer Werkstatt experimentieren die Düsseldorfer derweil für das nächste »3-2-1- Ignition« Plakat. Thema ist Japan, und anstatt zu Schere und Papier zu greifen, probieren die »Moxies« diesmal etwas Neues aus und tunken Gegenstände wie Pocket-Kameras, Joysticks und Spielzeugfiguren in rote Farbe. Diese Dinge werden dann zu einem Kreis arrangiert, der der japanischen Flagge nachempfunden ist. Zu sehen ist das Ergebnis bald auf den Plakatwänden Düsseldorfs. Wie das dann genau aussehen wird, ist noch nicht ganz klar. Man bastelt halt noch.

www.moxienetwork.de + www.getmoxie.de + www.junge-tonhalle.de

Design
04 / 2011

ALLES EIN BISSCHEN MOXIE

Von: VOLKER K. BELGHAUS


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