Die »Ehrenfelder Küche« von Sven Stornebel und Oliver Schütte Foto: Sarah Strassmann

DARUM IST ES AM RHEIN SO SCHÖN

Wer glaubt, dass es mit den »Passagen« wie mit dem Kölner Karneval ist – wenn es vorbei ist, hat man ein Jahr Ruhe –, der irrt. Kölns Designszene hat nicht nur im »Design Quartier Ehrenfeld« viel zu bieten. Wir hätten da ein paar Tipps.

TEXT: VOLKER K. BELGHAUS

Es zeugt von der Toleranz der Kölner, eine Möbelstudie wie die »Ehrenfelder Küche« auf ihrer Vorzeigeveranstaltung für innovatives Design, den »Passagen«, auszustellen. Nicht aus ästhetischen Gründen, im Gegenteil. Da ist man in Köln ja sowieso einiges gewohnt. Nein: mit Sven Stornebel und Oliver Schübbe haben zwei waschechte Westfalen ihre Vision einer Küche präsentiert. Die Studie trägt deutlich die Handschrift Schübbes, der mit Möbeln aus recycelten Materialien bekannt geworden ist und im letzten Jahr auch das ehemalige Kölner Stundenhotel »Café Lautrec« in der Kupfergasse im Auftrag des Senders zdf neo zum »Schrott-Hotel« umgestalten durfte. Auch bei der »Ehrenfelder Küche« steht das »Reparieren und Umfunktionieren« im Fokus. In einem System aus Metallrahmen werden Türen und Schubladen ehemaliger Einbauküchen zu neuen Fronten verbaut. Kochen kann man darin auch, der erste Versuch fand auf den diesjährigen »Passagen« statt.

Ein passender Ort, schließlich haben sich die »Passagen«, die immer Mitte Januar parallel zur »Internationalen Möbelmesse« (IMM) stattfinden, längst zu einem der wichtigen Treffpunkte der nationalen und internationalen Designszene entwickelt. Hier tauscht man die Messehallen direkt gegen einen ganzen Stadtteil und kann sich die Trends der Saison mit einem Gang durch Köln-Ehrenfeld erschlendern. Ga-lerien, Läden, ehemalige Fabrikhallen haben geöffnet, Designer und Firmen präsentieren ihre aktuellen Produkte, spezielle Veranstaltungen und Design-Shows locken das Publikum. Als unabhängige Indie-Plattform für extravagante Designideen jenseits des Mainstreams, die die Serienfertigung noch nicht erreicht haben oder in Kleinauflagen hergestellt werden, sieht sich die »Designers Fair«. 2011 ist auch sie ins Ehrenfelder Getümmel gezogen, in das Barthonia-Forum, einer ehemaligen Werkhalle von »4711«. Was aber wenn, die jährliche Kölner »Design-Week« vorüber ist?

Dann lohnt sich weiterhin der Blick auf die Designszene der Domstadt. Die Organisatoren der »Passagen«, das Büro Sabine Voggenreiter, haben sich zum Ziel gesetzt, Ehrenfeld dauerhaft als Design-Viertel zu etablieren. Die Anfänge sind gemacht, das »Design Quartier Ehrenfeld« (DQE) entwickelt sich, nicht nur durch die »Passagen«, zum Hot-Spot. Mit dem DQE sollen Rahmenbedingungen geschaffen werden, um junge Gründer zu unterstützen. Eine Mischung aus speziellen Geschäften, Agenturen, Galerien und Veranstaltungen, wie z.B. der »design parcours ehrenfeld«, soll Kreative und Interessenten an das Viertel binden. Zudem findet jährlich, zeitgleich mit der »c/o pop« das »pdf popdesignfestival« statt – ein Crossover aus Musik, Design und Urbanismus; in diesem Jahr vom 22.-26. Juni. Das Programm reicht von Mode, Fotografie, Grafik- und Produktdesign über Street-Art bis hin zu Sounddesign; abends locken Konzerte und DJ-Sets.

Doch die Szene konzentriert sich nicht nur auf ein Stadtviertel. Extravagante Läden mit ebensolchen Produkten findet man in ganz Köln. Wie »DROOM« im belgischen Viertel, wo es Lampen, Tische, Sitzwürfel und Tapeten gibt. Die Inhaber sehen ihre Entwürfe als »Rohlinge«, die individuell bedruckt werden können. Im Showroom findet man neben den schicken Leuchten der Serie »Good Night John Boy« auch immer wieder Wechselausstellungen von Künstlern und Designern. Apropos Kunst – wer auf Street Art und Untergrund-Kunst steht, sollte in der Maastrichter Straße in den Keller gehen, wo die »Arty Farty Gallery« auf das urbane Szene-Volk wartet. Von Donnerstag bis Samstag ist abends zudem die gleichnamige Bar geöffnet.

Wer es klassischer mag, ist bei »Markanto« in der Südstadt an der richtigen Adresse. Im »Markanto Depot«, unweit des neuen Rheinauhafens, gibt es die großen Namen: Mies van der Rohe, Alvar Aalto, Arne Jacobsen, Charles und Ray Eames oder Le Corbusier. Designklassiker des 20. Jahrhunderts, mit Schwerpunkt auf die skandinavische Interiour-Szene. Eine Nummer größer ist die »Design-Post«, die nicht nur mit auffälliger Gründerzeit-Architektur unter ausladenden Hallenbögen Design-Interessierte anzieht, sondern in einem Showroom auf 2500 Quadratmetern dreißig Designkollektionen aus ganz Europa präsentiert. Nicht nur Konsumenten, auch Fachhändler und Architekten sind angesprochen.

Wer weniger an Möbeln und Interiourdesign interessiert ist, sondern an ausgefallenen Ideen, Geschenken und kleinerem Design für daheim, dem kann auch geholfen werden. Als »Madame Miammiam« backt und entwirft Anne Schultes-Schmitz bonbonbunte Petits Fours, Cookies, Hochzeitstorten und Cup-Cakes, die fast zu schade zum Vernaschen sind. Auch Torten zu besonderen Anlässen werden produ-ziert, die man garantiert nicht an jeder Ecke bekommt, sondern nur in der Antwerpener Straße. Ein ebenso merkwürdiges wie interessantes Sortiment bietet der »OK-Versand« in seinem Shop an der Gladbacher Straße. Die Produkte sind auf der ganzen Welt zusammengesucht: Taschen aus Werbeplanen (Indonesien), Körbe aus alten Autoreifen (Vietnam), dazu Küchenzubehör, Geschirr, Schreibwaren und Poster aus Indien, Russland, China und Afrika. Gerne mal kitschig, aber immer einzigartig. Wer möchte, kann sich aus einem Automaten nachts um halb drei kleine Produkte wie einen Seifenhalter ziehen.

Avantgardistische wie schicke Dinge hat Anna Lederer in ihrem La-den »Utensil« auf Lager. Schlicht und funktional ist die Devise, ihre Produkte stammen ursprünglich aus der Arbeitswelt und der Industrie und finden durch »Utensil« Einzug in die eigenen vier Wände: Laborgläser, Werkzeugtaschen, Erlenmeyerkolben, die japanischen Arbeitsschuhe »Jika Tabi«, die aussehen, als hätte der Träger nur zwei breite Zehen, mit denen sich aber hervorragend auf Gerüsten und Seilen herumklettern lässt. Friesennerze und Marine-Shirts, Sit-ze aus der Stadion-Bestuhlung und die legendären, bunt-kugeligen Mülleimer der 70er Jahre. Das alles findet sich in einem Ladenlokal, in dem vorher 20 Jahre lang ein türkischer Gemüseladen mit ange-schlossener Metzgerei beheimatet war – die schwarzen Fliesen auf der Fassade erinnern noch an diese Zeit. Das »Utensil« findet man in der Körnerstraße, und ist damit wieder in Köln-Ehrenfeld gelandet. Scheint also doch was dran zu sein, am »Design-Viertel«.

www.stornebel.de
www.passagen.de
www.designersfair.de
www.d-q-e.net
www.droom.de
www.artyfarty-gallery.com
www.markanto.de
www.designpostkoeln.de
www.madamemiammiam.de
www.okversand.com
www.utensil-shop.de

Design
03 / 2011

DARUM IST ES AM RHEIN SO SCHÖN

Von: VOLKER K. BELGHAUS


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