Das Ding: Der ÖPNV-Sitzbezug

Volker K. Belghaus betrachtet Design im Alltag - und schaut für unseren Mobilitätsschwerpunkt in den öffentlichen Nahverkehr.

Nein, auf die internationalen Catwalks werden es diese Stoffe wahrscheinlich nie schaffen; es sei denn, ein Gaultier oder ein Künstlerkollektiv schneidern aus jenen schrill gemusterten Sitzbezugstoffen des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) eine Kollektion, um die Modewelt zu foppen. Andererseits, existierten tatsächlich Anzüge und Kleider aus diesen Stoffen, ergäbe das einen hübschen Camouflage-Effekt, da die Träger in Bus und Bahn auf den identisch gestalteten Sitzen einfach verschwinden würden.

Sitzbezüge sind in öffentlichen Verkehrsmitteln eigentlich Luxus. Als die Eisenbahn begann, die Städte miteinander zu verbinden, saßen die einfachen Leute in den günstigen Abteilen auf harten Bänken – der Begriff »Holzklasse« war geboren. Heute gehören gepolsterte Sitze zum Standard. Aber auch das ist noch nicht lange so. Erwischt man zufällig eine, aus Notfallgründen eingesetzte, ältere Straßenbahn aus den 80er Jahren, findet man manchmal einfache Sitzschalen aus Kunststoff vor, die zwischen Beige und Hornhautfarben changieren, merkwürdigerweise aber nicht so unbequem sind, wie sie aussehen. Aber man fährt auf ihnen ja auch nicht von Hamburg nach München.

Die Sitze in den Fahrzeugen des ÖPNV sind relativ dünn gepolstert, aber robust genug gebaut, um Vandalismus-Schäden vorzubeugen. Das ist auch der Grund für das grobmotorige Design. Verzerrte geometrische Formen, signalfarbene Muster, Zackenlinien und Kreisformen. Schön ist das meist nicht, aber praktisch. So einen Sitz möchte kein jugendlicher Vandale freiwillig mit Edding mit verschnörkelten Tags vollschmieren. Es fällt bei dem gestalterischen Radau auf den Polstern schlicht nicht mehr auf, da sie von vornherein bewusst hässlich gestaltet werden. Solche Stoffdesigns findet man bevorzugt in Bussen und Straßenbahnen, die Züge des Regionalverkehrs neigen hingegen zu gediegeneren Mustern.  

Die Polster der Deutschen Bahn sind seit einigen Jahren einheitlich in einem helleren Blauton gehalten, mit einem Raster aus dunkelblauen Quadraten. Durchaus seriös, aber etwas langweilig. Mutiger ist man derzeit in Nordrhein-Westfalen und hat sich an eine progressive Sitzpolstergestaltung gewagt. Seit Herbst 2017 arbeiten die drei Unternehmen DB Regio NRW, VRR und Keolis zusammen und schicken seitdem Züge der S-Bahn Rhein-Ruhr in neuem Design auf die Schiene. Außen mit neuer Lackierung; aus »DB-Rot« wird »VRR-Grün-Grau«. Außerdem zeigen Piktogramme Sehenswürdigkeiten aus NRW. Das erinnert ein wenig an die braunen Autobahnschilder, die auf historische Altstädte hinweisen. 

Im Innern sieht es aus wie im Düsseldorfer Stadion, jeder Sitz bekam eine andere fröhliche Farbe. Ein sonniges Gelb, ein warmes Rot, ein mediterranes Blau – bunt durcheinander gemischt. Zusätzlich sind Piktogramme eingewebt; Herzen, Windräder, Fabriken, Wellen und Elefanten. Vielleicht bringt die grafische Niedlichkeit böse Schmieranten von ihrem schändlichen Tun ab! Übrigens: Die bunten Sitze im Stadion sollen bei leeren Plätzen während der Kameraschwenks eine höhere Auslastung vorgaukeln. Das ist in den S-Bahnen nicht nötig, die Züge werden zu den Stoßzeiten auch weiterhin überfüllt sein. Wenn alle Plätze mit Pendlern besetzt sind, ist vom Stoff nicht mehr viel zu sehen. Dann herrscht wieder die deutsche Übergangsjackenfarbigkeit in Schwarz, Beige, Braun und Ocker.

Design, Schwerpunkt
02 / 2018

Das Ding: Der ÖPNV-Sitzbezug

Von: Volker K. Belghaus


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