Das Ding: Der Schnauzbart

Design im Alltag von Volker K. Belghaus.

Wenn es Deutschlands Wohnzimmereinrichtung an den Kragen geht, dann setzt es was. Nein, im Sommer 1974 hatte die Tagesschau kein neues Design bekommen, man hatte weder das Blau seriöser gemacht, noch die Schriftart verändert. Schlimmeres war geschehen – der Sprecher Karl-Heinz Köpcke kam nicht nur aus dem Urlaub, wo er sich beim Tauchen an der Oberlippe verletzt hatte, sondern ließ sich deswegen auch einen formidablen Oberlippenbart stehen. Der Protest der Zuschauer folgte stehenden Fußes; hätte es damals schon Twitter gegeben, wären tagelang unter dem Hashtag #koepckebart Hass und Hohn in die Welt gepostet worden. Es half nichts, der Bart musste weg. Abgesehen von Thomas Roths sanft silbrigem Schnurrbart blieben die Nachrichten über Jahrzehnte bartlos.

Immer schön seriös bleiben, auch bei der Gesichtsbehaarung! Man muss ja nicht jeder Mode hinterherlaufen, sonst sähe Jens Riewa längst aus wie jene urbanen Vollbarthipster, die wiederum aussehen wie Herr Kaleu aus »Das Boot«. Junge Männer, eigentlich in der Blüte ihrer Jahre, tragen die Bärte ihrer Großväter! Das mag modisch angesagt sein, ist in seiner Uniformität aber langweilig. Charakter könnte man im haarigen Einerlei hingegen mit einem gepflegten Schnurrbart beweisen – die Auswahl ist riesig. Es müssen ja nicht direkt die wuchernden Rotz-Bremsen eines Horst Lichter oder Friedrich Nietzsche sein, die wie Martin Walsers Augenbrauen im Winde wehen. Auch Dalís Zwirbelbart ist eher etwas für Exzentriker. Eleganter wäre da ein schmaler Clark-Gable-Bart, den auch Zeitgenossen wie Errol Flynn oder David Niven trugen, oder aber das Menjou-Bärtchen aus den 1920er Jahren, das nach dem Schauspieler Adolphe Menjou benannt ist. Da sich dieser in führender Rolle daran beteiligte, Hollywood von Kommunisten zu säubern, wurde sein Bart von der Propagandaabteilung der SED als Symbol für den kriminell-kapitalistischen Westler genutzt und tauchte auf Bildern und in Filmen auf.

Wem das zu fancy-retro ist, entscheide sich für die klassisch-männliche Variante, liebevoll auch »Porno-Balken« genannt, da er sich in den generell sehr haarigen Filmen der 70er wiederfindet. Burt Reynolds, Tom Selleck und Freddie Mercury sind Träger dieses Modells, das einen dichten Bartwuchs erfordert und gut in Form gehalten werden muss. Eine Weiterentwicklung dessen ist der »Slawenhaken« – ein breiter Schnurrbart, dessen Enden über die Mundwinkel Richtung Kinn wachsen. Ein Bart für Arbeitskampf und Sozialdemokratie, aber auch Symbol für verwegene gesellschaftliche Abgrenzung. Günther Grass, Wolf Biermann und Lech Walesa stehen da in einer fragwürdigen Reihe mit dem Wrestler Hulk Hogan, Janosch oder Lemmy Kilmister.

Bedenklicher wird es heutzutage beim kompakten Zweifinger-Bart, den nicht nur Charlie Chaplin und Oliver Hardy trugen, sondern auch Adolf Hitler. Das schwarze Viereck wurde zum Bart des Bösen, hatte aber einen durchaus einen praktischen Ursprung. Hitler trug im Ersten Weltkrieg noch einen prächtigen Kaiser-Wilhelm-Bart, der ihm aber, wie vielen anderen Soldaten, quadratisch gestutzt wurde. Einfacher Grund: Der Bart hätte sonst nicht unter die neue Gasmaske gepasst.

Design
04 / 2016

Das Ding: Der Schnauzbart


Was? Wann? Wo?Alle wichtigen Kultur-Termine in NRW auf einen Blick:

kultur.west Gezwitscher