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DAS DING – DESIGN IM ALLTAG

Die Papp-Nase

 

TEXT: VOLKER K. BELGHAUS

Zeitgenossen, die an »Coulrophobie« leiden, sollten Anfang März Städte wie Köln, Düsseldorf oder Mainz besser meiden; und auch Wuppertal ist kein sicherer Ort – auch hier bewirft man Menschen mit Süßwaren und ruft »Wuppdika!«. Abgesehen von der weit verbreiteten Ablehnung der Frohsinnspenetranz ist die »Coulrophobie«, die krankhafte Angst vor Clowns, eine ernstzunehmende Krankheit. Auch bei Kindern ist diese Angst anzutreffen, wenn auch zunächst als natürlicher Reflex, da diese das grell bemalte Clownsgesicht samt roter Papp-Nase als etwas Fremdes und Bedrohliches erleben. Bei Erwachsenen ist sie eine psychische Störung und wird auch aus der popkulturellen Ecke zuverlässig befeuert. Man denke nur an das Monstrum aus Stephen Kings Horrorroman »es«, das in Gestalt des bösen Clowns Pennywise seine jugendliche Opfer in die Kanalisation lockte oder an Heath Ledgers Interpretation des »Joker« in »Batman – The Dark Knight«.

Ob abgrundtief böse oder einfach nur jeck – die rote Papp-Nase eint sie alle. Sie ist der kleinste gemeinsame Nenner. Sie ist nicht nur das Erkennungszeichen von Clowns jeder Art, sondern zeigt auch im Karneval unmissverständlich, dass man dazugehört. Selbst Karnevalsskeptiker, die aus beruflichen Gründen oder anderen gesellschaftlichen Zwängen nicht ums Feiern und den Rosenmontag herumkommen, können sich mit der Kombination aus Papp-Nase zum dunklen Anzug halbwegs aus der Affäre winden. Zu welcher Variante man greift, ist Geschmacks-sache; während die Nasen in früherer Zeit tatsächlich vornehmlich aus Pappmaché gefertigt wurden, sind heute meist Kunststoffnasen im Umlauf, die mit einem dünnen Gummiband schunkelsicher am Hinterkopf festgezurrt werden. Zudem gibt es die Nasen aus buntem Schaumgummi, die direkt auf der Nase festgeklemmt werden und eigentlich auch als Mikrofon-Ploppschutz Verwendung finden könnten. Starken Schnupfen sollte man aber bei keiner der beiden Varianten haben. Apropos rote Nase: Ein Kölner Getränkevertrieb bietet das Ganze auch in flüssiger Form an – als Partyschnaps »Pappnas«, eine Mischung aus Kirschlikör und Wodka mit 15 Umdrehungen.

2008 wurde die Papp-Nase gar zum Symbol politischen Protests. Die Kölner Roten Funken sowie weitere Traditions-Korps der Stadt trugen als Protest gegen die linke Ratsmehrheit, die die »Volkssitzung« zukünftig vom Neumarkt in den Media Park verbannen wollte, schwarze Schaumgummi-Nasen. Laut Kölner Express hatte das Festkomitee seinerzeit 16.000 Stück in ganz Europa organisiert, um möglichst viele Jecken damit auszustatten. Dass man mit den Dingern aussah, als hätte man sich als Micky-Maus verkleidet, war nur ein unbedachter ästhetischer Nebeneffekt.

Loriot hatte diese Umdeutung der Papp-Nase als politisches Zeichen bereits in seinem Film »Ödipussi« vorweg genommen und eine solche erbarmungslos als Spießer-Accessoire inszeniert – in einer düsteren Kneipe tagen graue Herrschaften vom »Verein zur Integration der Begriffe Umwelt und Karneval in die Frau«. Das Vereinsmitglied Meier-Grabenhorst trägt als Symbol für den Vereinsgedanken eine scheußliche, beige Papp-Nase, die mit den Begriffen »Frau« und »Umwelt« beschriftet ist, bevor er eine am Tresen sitzende Punkerin anblafft, dass so etwas wie sie hier früher nicht hätte sitzen dürfen. Die Angesprochene blickt wortlos und mitleidig zurück, dabei hätte in dieser Situation eine Erwiderung ganz gut gepasst, die längst nicht mehr nur im Rheinischen ihre Verbreitung gefunden hat: »Du alte Papp-Nase!«

 

Design
03 / 2014

DAS DING – DESIGN IM ALLTAG

Von: VOLKER K. BELGHAUS


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