Foto: Ikea

Das Ding - Design im Alltag

Dieses Mal: die Ikea-Tasche.

TEXT VOLKER K. BELGHAUS

Sie ist keine Schönheit. Nichts Schickes, das es wert wäre, in China nachgebaut, um dann von windigen Straßenhändlern unters Touristenvolk verjubelt zu werden. Groß, breit und weich ist die Tasche namens »Frakta« aus geflochtenem Kunststoffgewebe. Die Farbe – ein etwas reklamig-lärmendes Blau, das sich auch in den Griffen wiederfindet, auf die leuchtendgelb der Schriftzug IKEA appliziert ist. Ziemlich extravagant sind hingegen ihre vier Griffe – und clever durchdacht: Zwei kürzere, um sie wie eine Einkaufstasche zu tragen, die beiden längeren ermöglichen es, sich das Ding locker über die Schulter zu hängen. Entworfen wurde sie für die zielgerichtete Zusammenraffung von IKEA-Produkten und deren sichere Verbringung in die eigenen vier Wände.

Die Tasche ist für jeden Fall gerüstet – bei 71 Litern Fassungsvermögen ist sie mit 25 Kilo Gewicht belastbar und nimmt so zwei Billy-Ersatzregalbretter ebenso sicher auf wie den Kleinkram aus der hauseigenen Markthalle. Somit ist sie auch für jene Kunden geeignet, die eigentlich nur »ganz schnell ein paar Teelichter holen« möchten, dann aber letztlich das Kassenband mit Bilderrahmen, Lämpchen, Blumentöpfen, Glühbirnen und Knäckebrot füllen.Seit 1987 gibt es in den IKEA-Häusern gelbe Taschen, die als eine Art Einkaufswagen gedacht sind, und nach dem Gebrauch an der Kasse zurückgegeben werden müssen. Drei Jahre später, 1990, entwarfen die Designer Maria und Knut Hagberg die blaue »Frakta«-Variante, von der das Unternehmen in Deutschland jährlich drei Millionen Exemplare verkauft.

Die Taschen sind auch deshalb so erfolgreich, weil man sie prima weiterverwenden kann. Prallgefüllt mit dreckiger Kleidung werden sie in die Waschsalons der Großstädte geschleppt oder zum Sammeln von Altpapier oder Leergut umgenutzt. Auch Fernbushaltestellen sind zum natürlichen Biotop der IKEA-Taschen geworden, dort sieht man sie, bis zum Bersten gefüllt und mit Klebeband verstärkt, auf den weiten Weg nach Osteuropa warten. »Frakta« gehört aber auch zu jenen Produkten, die trendgerecht dem Upcycling anheimfallen. Aus alt mach neu, und am besten etwas völlig anderes, lautet die Devise. Auf den entsprechenden DIY-Portalen im Internet gibt es dann auch nicht nur die aufgepimpten Versionen als Laptoptasche, sondern auch umgeschneiderte Geldbörsen, Kissen und Regenjacken.

2017 müssen sich die »Frakta«-Fans aber auf etwas gefasst machen – dann startet IKEA seine Kooperation mit dem dänischen Designlabel »Hay«. Geplant ist, neben neuen Produkten, eine Überarbeitung der »Frakta«-Tasche. Das Blau wird dann Geschichte sein, stattdessen gibt es ein Raster aus winzigen Schwarz-Weiß-Karos, die der Tasche aus der Ferne eine silberne Anmutung verleihen. Die Tragegriffe sind in Zukunft jägergrün. Es ist der Versuch, das bisherige, sympathisch-rustikale  Discounterdesign elegant aufzuhübschen. Die blaue Variante wird man aber noch weiter in den Waschsalons sehen – schließlich sind die Taschen so robust und unkaputtbar, dass man sie noch an die nächste Generation weitervererben kann. Und wem die großen Taschen zu sperrig sind, für den gibt es »Frakta« auch im Handtaschenformat. Für die Kunden, die wirklich nur Teelichter gekauft haben.

Design
09 / 2016

Das Ding - Design im Alltag


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