Das Ding: Geschenkpapier

Design im Alltag - diesmal von Schleifenbüglern und Loriot.

TEXT VOLKER K. BELGHAUS

Dinge, die verhüllt werden, treten nach dem Auspacken meist anders zu Tage, als sie vorher zu sein schienen. Wie der Reichstag, der nach Christos Verpackung mit schimmernden Stoffbahnen nicht mehr der wilhelminische Trumm an der Zonengrenze war, sondern ein urbanes Symbol für die kommende Berliner Republik. Selbiges gilt auch für die Krawatte oder das überkandidelte Herrenparfüm, die vor Weihnachten in Stress und Zeitnot als passende Geschenke durchgingen, nach dem Auspacken aber äußerst dürftig und unpersönlich wirken. Die Zeit dazwischen dürfen sie als Geschenke verbringen, schleifenumlockt und farbig-strahlend eingepackt. 

Das Verpacken und mutwillige Schüren von Erwartung hatten schon die Chinesen zu Beginn des 2. Jahrhunderts raus, als das Papier gerade mal erfunden worden war. In Europa verwendete man um das Jahr 1500 Tapete als Geschenkpapier – das aber nur kurzzeitig, weil sie zu dick und brüchig war. Später verpackte die viktorianische Oberschicht ihre Präsente aufwendig in Papier und Schleifen, das einfache Volk kopierte die neue Gewohnheit mit einfachem braunem Papier. Erst die Industrialisierung durch die Druckmaschinen Ende des 19. Jahrhunderts machte farbiges Geschenkpapier zum Massenprodukt. Das Wirtschaftswunder befeuerte den Verbrauch zusätzlich – der Ethnologe Loriot hat der alljährlichen Verpackungsorgie mit seinen zigfach wiederholten »Weihnachten bei Hoppen-
stedts« aus den 70ern ein Denkmal gesetzt. In der Sendung beschert sich eine vierköpfige Familie choralumtönt dermaßen gegenseitig, dass am Ende das Wohnzimmer hüfthoch mit Papier, Folien und Kartons gefüllt ist. Kein Wunder, dass sich danach die Grünen gegründet haben. 

Vom Design her ist alles erlaubt – einfarbig, gemustert, beglitzert, edel, kitschig oder puristisch in Packpapier und Paketkordel. Das Einpacken und Falten kann eine Wissenschaft für sich sein, deshalb überlassen viele Kunden es Fachkräften in den Kaufhäusern, die die Geschenke routiniert und schnell unterm Papier verschwinden lassen. Wer es weniger unpersönlich mag, übernimmt das Ganze selbst und produziert dafür einige unperfekte Geschenke mit liebevoll-schiefen Kanten und verknibbeltem Klebeband. 

Der Beschenkte selbst ist entweder Reißer oder Falter. Der Reißer würdigt das Papier keines Blicks und entledigt sich seiner schnell und leidenschaftslos durch diagonales Aufreißen und Verknüllen der Verpackung. Der Falter nimmt sich nicht nur Zeit, sondern ist ein verkappter Haptiker, der das Auspacken zelebriert. Schleifen werden sanft aufgeknotet, das Tesafilm vorsichtig abgelöst, das Papier auf Kante zusammengefaltet. Später kommt das Ganze nicht etwa in den Container, sondern in die Schublade zu den anderen gehorteten Geschenkpapieren, die die Familienfeste seit circa 1965 dokumentieren und teilweise von Omma übernommen wurden. Passionierte Schleifenaufbügler sollen an dieser Stelle gnädig verschwiegen werden. 

Den Hoppenstedts lag so etwas fern, sie wollten den Müllberg einfach und zeitgemäß im Treppenhaus entsorgen. Die Idee hatten aber schon andere; als sie ihre Wohnungstür öffnen, werden sie unter einer Lawine von Papier, Pappe und herabrieselnden Styroporflocken begraben. Stille Nacht.

Design
12 / 2016

Das Ding: Geschenkpapier

Von: Volker K. Belghaus


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