»Holzbank« Foto: Thomas Schnur

»Rubber-Table« Foto: Sascha Wett

ES KÖNNTE AUCH GANZ ANDERS SEIN

Das ist kein Abflussreinigungsgerät, sondern ein Tischbein: Mit seinen avantgardistischen Möbelentwürfen eröffnet der Kölner Produktdesigner Thomas Schnur neue Perspektiven auf alltägliche Dinge.

 

TEXT: VOLKER K. BELGHAUS

Es gibt Dinge, die sind nicht schön, sondern einfach da. Der normgepresste Plastikstapelstuhl »Monobloc« etwa. Weiße Backsteine mit Griffmulde. Oder der handelsübliche Gummi-Pömpel für verstopfte Toiletten. Alles Objekte, die man hervorragend ignorieren kann. Oder aber man baut einen Tisch daraus. Der Kölner Möbeldesigner Thomas Schnur hat sich des Pömpels angenommen und dessen Funktionspektrum erweitert. Ergebnis ist der »Rubber Table«, bestehend aus einer eiförmigen Tischplatte und fünf Pömpeln, die als Tischbeine dienen. Man mag nun einwenden, dass das bloße Verbinden von fünf Abflussreinigungsvorrichtungen und einer Tischplatte weder eine handwerkliche noch eine kreative Herausforderung darstellte.

Aber: Bloßes Zusammenschrauben ist Schnurs Sache nicht. Sein »Rubber Table« besteht ausschließlich aus dem typischen, orange-hautfarbenen Pömpelgummi, selbst die Tischplatte ist biegsam. Eine etwas wackelige Angelegenheit, die aber den Vorteil hat, dass man die »Tischbeine« befeuchten und das Teil an die nächstbeste Wand kleben kann. Zudem schwimmt er im Wasser. »Die Funktionen, die ein Tisch haben soll, verschwinden natürlich«, bestätigt der Designer. Die Idee zum »Rubber Table« kam Thomas Schnur bereits während seines Produktdesign-Studiums an der Fachhochschule Aachen. Vor dem Studium hat Schnur, der aus einem kleinen Dorf im Saarland stammt, eine Tischler-Ausbildung abgeschlossen. Sein erster Entwurf war dann konsequenterweise auch komplett aus Holz. »So konsequent wie möglich« wurde danach der heutige »Rubber Table« umgesetzt. Aber was ist das jetzt eigentlich? Ein Tisch? Eine Skulptur? Oder eine tischgewordene fixe Idee? »Ich begreif’ den auch immer noch nicht«, lächelt Schnur, und man spürt seine Freude darüber, dass sich dieses Objekt den Konventionen entzieht.

HEIMATFILMINVENTAR?

Klischees in den Köpfen infrage stellen, die Dinge in einen anderen Zusammenhang setzen, das ist Schnurs Arbeitsstrategie. So auch bei seiner »Holzbank«, die man sonst eigentlich erfolgreich verwittert am Brünnlein vor dem Tore vermuten würde. Von der Konstruktion her scheinbar simpel – die Sitzfläche ruht auf zwei runden Baumstammstücken, die Form der Sitzfläche wiederholt sich nochmals in der Lehne. Fertig wäre das rustikale Heimatfilminventar, das auch in landlustigen Trendmagazinen seinen Platz fände und dort wahrscheinlich mit rotkarierter Picknickdecke und einem frischgepflückten Wiesenblumenstrauß für die Bewohner grauer Städte inszeniert werden würde.

Thomas Schnur zitiert mit seiner »Holzbank« zwar deren klassische Form, will sie aber dem urbanen Umfeld zugänglich machen: »Es geht mir nicht um das Urige«, betont er. Ob das gelingt, indem er auf seiner Webseite einen jungen Mann im stylischen Kapuzenpulli auf der »Holzbank« posieren lässt und das schon etwas abgegriffene »Urban« in den Kontext des Möbel setzt, bleibt fraglich. Sicher, auch hier sollen Klischees umgedeutet werden, doch anders als bei den Pömpeln, kann die »Holzbank« in ihrer Funktion ihren Platz in beiden Welten haben – in der Heidi-Kulisse ebenso wie auf einem Balkon in der vierten Etage. Die Form bleibt die gleiche.

HOLZ BEKOMMT CHARAKTER

Schnurs »Holzbank« ist eher Zeugnis wertvoller Handwerkskultur als ein urbanes Trendgerät. Aus weichem, hellen Lärchenholz gefertigt, ist jede Bank ein Unikat, das beim alltäglichen Gebrauch die Spuren seines Besitzers speichert – so wird das Holz mit der Zeit von Körpern und Händen glattgeschliffen und entwickelt einen eigenen und vom Designer nicht kontrollierbaren Charakter. Und wer die unbehandelte Bank freiwillig dem Wetter aussetzt, wird mit der materialtypischen Verwitterung und der Verfärbung ins Silbrig-Graue belohnt. Ein Ableger der »Holzbank« ist der »Forest Chair«, der in einer Auflage von zwölf Exemplaren gefertigt wurde, ähnlich mit Tradition und Material spielt und in der Pariser Galerie »S. Bensimon« präsentiert wurde.

Mit verschiedenen Materialien und ihrem Zusammenspiel hat Schnur auch bei seinem »Fragment Table« experimentiert. Der Tisch mutet auf den ersten Blick etwas unspektakulär an – quadratische Tischplatte, vier, nicht fünf Beine wie das Pendant aus Gummi und lackiert in einem hellen Mintgrün. Bei genauerer Betrachtung erkennt man: Die Fragmente des »Fragment Table« sind vier Metallwinkel, vier Holzstäbe, vier Holzprofile, vier Kunststoffschienen, vier Kunststoffstifte und eine Platte – quasi ein 3D-Puzzle aus verschiedenen Materialien, das sich ohne Gebrauchsanweisung intuitiv zusammenstecken lässt. »Ein Stecktisch, der nicht wie ein Stecktisch aussieht« sollte es nach Schnurs Vorstellung werden. Ein weiterer Tisch, wenn auch gänzlich anderer Natur, ist der »Brick Table«, von dem man nicht genau weiß, ob er jetzt Möbel oder Skulptur ist, zumal er für die Pariser Galerie »Artisan Social Designer« entstanden und auch dort erhältlich ist. Schnur hat auf einer quadratischen, palettenartigen Unterkonstruktion aus gelbem Verschalungsholz baustellenübliche Backsteine aufeinandergelegt und fachgerecht vermörtelt; eine weitere, gelbe Tischplatte bildet den Abschluss.

GANZ WIE BEIM SCHOKOWEIHNACHTSMANN

Des Weiteren im Sortiment: die Garderobe »Hook up«, die aus 18 Haken besteht, die sich um einen Metallstab herumwinden, der wiederum in einer Stahlplatte steckt. Zusammengehalten wird »Hook up« ohne zusätzliches Befestigungsmaterial, alle Teile werden mit einem Gewinde verbunden. Schnur gibt sich bescheiden: »Das ist ein ganz gewöhnliches Teil; ich mag es, wenn sich Produkte nicht so wichtig nehmen.« Auch das Regal »Sheet Metal Cabinet« passt zu dieser Überzeugung; die Mischung aus einem Spind mit darunter geschraubter Bierzeltgarnitur erschließt sich erst auf den zweiten Blick.

Und dann wäre da noch der »Bench Chair«, der auf dem Stapelstuhl »Monobloc« basiert, jenembillig gepressten Möbel, das sich vornehmlich in Außenbereichen von Eisdielen tummelt und dort nicht gerade das beste Bild abgibt. Gerade diese negative Assoziation hat Schnur bewogen, aus dem Stuhl eine Bank zu entwickeln, aus »dem Ordinary ein Extraordinary zu machen«. Der »Bench Chair« sieht aus, als habe Schnur einen »Monobloc« in seine Moleküle zerlegt, diese auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und danach direkt wieder eingefroren. Der Stuhl erweitert sich zu einer geschlossenen Bank, die, ähnlich wie ein Schoko-Weihnachtsmann, mittels eines Rotationsgussverfahrens hergestellt wird und dadurch innen hohl ist. Noch ist der »Bench Chair« ein Prototyp, Thomas Schnur arbeitet aber daran, Unternehmen zu finden, die es ermöglichen, seine Entwürfe in Serie zu fertigen. Dabei hilft es immer, Gesicht zu zeigen, auf Messen, in Galerien oder in Wettbewerben; auch auf die Gefahr hin, dass man irgendwann als »Der-mit-dem-Pömpeltisch« durchgeht. Der Einsatz lohnt aber: Der »Rubber Table« wurde als eines der 20 besten Objekte des »Interieur Design Award 2012« ausgewählt und daraufhin auf der »Biennale Interieur« im belgischen Kortrijk ausgestellt. Und im Januar 2013 wird Schnur mit seinen Entwürfen eine »Förderkoje« auf der Kölner Indie-Möbelmesse »Designers Fair« beziehen.

www.thomasschnur.com

 

 

Design
11 / 2012

ES KÖNNTE AUCH GANZ ANDERS SEIN

Von: VOLKER K. BELGHAUS


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