Balkonsystem »balkony 08«, Foto: Claudia Rath

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Es müssen ja nicht immer gleich Schrankwände sein: Der Düsseldorfer Christian Lessing entwirft raffinierte Kleinmöbel und Accessoires für Haus und Garten.

TEXT: VOLKER K. BELGHAUS

Wahrscheinlich hat der Mann mal einen sehr kleinen Balkon gehabt, einen von der Sorte, der mit zwei Kisten Bier komplett blockiert ist. Anders sind diese Entwürfe nicht zu erklären. Und richtig, Christian Lessing bestätigt die eigene Erfahrung mit winzigen Balkons und bie-tet mit gleich mehreren modularen Systemen die passende Lösung für derlei Platzprobleme an. Bei »balkony 07« und »balkony 09« wird ein Grundelement aus Holzlatten über die Brüstung gehängt, zwischen denen sich kleine Ablagemöglichkeiten klemmen lassen.

Auch »balkony 08« führt dieses Prinzip fort, ersetzt aber direkt noch Tisch und Stuhl. Statt Holzlatten kommt hier eine weiße »Compactplatte« zum Einsatz, die über Hitze in Form gebogen wird. In vorgestanzte Profile können Platten desselben Materials eingehängt werden, die dann als Stuhl, Tischplatte oder Halterung für Kräuter- und Blumentöpfe fungieren. Für Menschen, die nicht sitzen, sondern nur züchten wollen, hat Lessing das »Orientalische Fenster« im Angebot – ein Fenstergarten, der mit seinen zwei Stufen einer sehr kurzen Himmelsleiter vor dem Küchenfenster gleichkommt, aber mehr Platz für Blumentöpfe bietet als das schnöde Fensterbrett.

Christian Lessing, der sein Atelier im idyllischen Stadtteil Kaiserswerth hat, ist erst spät zum Produktdesign gekommen. Nach seiner Schreiner-Lehre studierte er Grafik-Design an der FH Düsseldorf mit dem Schwerpunkt Illustration und machte 1999 sein Diplom. In den folgenden Jahren verlagerte sich der Fokus seiner Arbeit immer mehr auf Produktdesign, parallel dazu entwirft Lessing aber auch Leitsysteme und Messestände. Hinzukommen freie Projekte wie die »German Scheußlichkeiten« – zehn Faltbögen aus Papier, aus denen sich hübsch-hässliche Wohnblocks oder vollgesprayte Trafohäuschen basteln lassen.

Man merkt Lessings Produkten die Liebe zum Material an – wie z.B. dem »Mauerspiel«, mit dem man die alte Technik, ein Mauerwerk ohne Mörtel zu errichten, mit verschieden geformten Holzbausteinen nachvollziehen kann. Das Prinzip nutzte er auch bei »build a Sofa«, einer Sitzlandschaft, die sich aus neun Schaumstoff-steinen zu immer neuen Formen zusammenstellen lässt. Inspiration für diese Technik holte sich Lessing bei Spaziergängen in den Weinbergen an Rhein und Mosel; auch dort nutzte man diese traditionelle Art des Trockenmauerns. Des weiteren findet man raffinierte Entwürfe wie das »sideboard soundso« – drei Schubladen werden von einer Stahlklammer zusammengehalten – oder die Lampe »Ikosaeder«, eine Art Kronleuchter aus 20 leeren Flaschen. Auch für Menschen, die Magazine ungern wegwerfen und in kleinen Stapeln in der Wohnung verteilen, hat Lessing eine Lösung. Sein »Collecteur« besteht aus zwei ineinander verschiebbaren Stahlwinkeln, die mit der Höhe des Stapels mitwachsen und als Hocker oder Beistelltisch genutzt werden können.

Momentan arbeitet er an der Realisierung des »Informations- und Orientierungssystems der Staatlichen Schlösser, Burgen und Gärten Sachsen«, deren Wettbewerb er gewonnen hat, und daran, sein Balkonsystem endlich in Serie herstellen zu können. Eine chinesische Firma wird sie produzieren, da er bei deutschen Unternehmen auf Ablehnung stieß. Eine Begrün-dung, die er zu hören bekam, war folgende: »Lohnt sich nicht. Wer einen Balkon hat, hat kein Geld.« Tolle Aussichten.

www.christianlessing.de

Design
07 / 2011

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Von: VOLKER K. BELGHAUS


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