Hocker »Nook«

POLYMER-ORIGAMI

Im Prinzip Luftschokolade: Aus ungewöhnlichen Werkstoffen fertigt das Aachener Unternehmen »Vial« faltbare Hocker, Bänke und Sitzdecken.

 

TEXT: VOLKER K. BELGHAUS

Wenn es nach der Tradition ginge, dann wäre dieser Hocker aus Stahl, zusammengehalten von klobigen Nieten. Ein Eiffelturm des Sitzens, gebaut für die Ewigkeit. Deutsche Wertarbeit eben. Es geht aber auch anders, auch wenn man den Namen Hoesch beim ersten Gedanken immer noch mit der schwerindustriellen Vergangenheit in Verbindung bringt, mit Eisenverhüttung und riesigen Stahlwerken; auch wenn Hoesch heute längst Teil von ThyssenKrupp ist. Der Hocker »Nook Stool« ist glücklicherweise das genaue Gegenteil der stählernen Familientradition: innovativ in Form und Material, leicht und clever durchdacht – ein »Statement mit Ecken und Kanten«, wie es in der bunten Broschüre heißt.

In der Tat – er ist ungewöhnlich. Mit seiner achteckigen Sitzfläche und den nach außen gebogenen Beinen sieht er von weitem aus wie ein großer Diamant. Der »Nook-Stool« besteht aus dem kunststoffartigen Werkstoff »Varioline«, der bisher ausschließlich im Boot- und Autobau eingesetzt worden ist. Verantwortlich dafür ist das Aachener Familienunternehmen »Vial« – Julia, Bernd und Wolf Hoesch-Vial. Die Geschwister Julia und Wolf sind geborene Hoeschs; Bernd ist mit Julia verheiratet und hat den Namen angenommen. Den französischen Namenszusatz »Vial« trägt die Familie seit zwei Generationen. Und dann wären da noch Ulrike Hoesch-Vial und ihr Mann Sven Hansen, ihres Zeichens Schwester und Schwager von Julia und Wolf Hoesch-Vial, sowie Gründer des Unternehmens »Polymerpark«. Dort wurde das Material »Varioline« entwickelt, aus dem die Möbel hergestellt werden.

Für die schöne Form ist der Hannoveraner Designer Patrick Frey verantwortlich. Frey wurde 1973 in Seoul geboren und gründete nach seinem Studium 2004 zusammen mit dem Kollegen Markus Boge das Büro »Frey + Boge Industrial Design«. Ab 2007 arbeitete Frey in einem eigenen Design-Studio für Kunden wie »Bree«, »Authentics«, »Flötotto« und den oberbayrischen Möbel-Rebellen Nils Holger Moormann. Nach einem Jahr Selbstständigkeit wird Frey mit dem höchstdotierten Preis für Nachwuchsdesigner, dem »Lucky Strike Junior Designer Award«, ausgezeichnet. 2010 bekommt er dann einen Lehrauftrag an der Hochschule für angewandete Wissenschaft und Kunst in Hildesheim. »Vial« tritt an ihn mit der simplen Aufgabenstellung heran, einen kleinen Hocker zu entwerfen. Ergebnis ist jener »Nook Stool«, den es mittlerweile auch als mehrsitzige Bank »Nook Bench« gibt. Als Bank verliert sich zwar seine charakteristische, kristallartige Form etwas – dennoch ist sie die logische Fortsetzung des Hockers. Farblich ist für jeden Geschmack etwas dabei – der Hocker ist in Schwarz, Weiß, Grau, Beige, Rot und Violett erhältlich; die Bank in Schwarz, Weiß, Rot und Beige.

Gefertigt werden die Möbel aus einem Stück. In die »Varioline«-Platten wird rückseitig ein Falzmuster gefräst – Linien, die danach das Falten und Knicken in die richtige Form vorgeben. Schrauben und Kleber braucht man nicht, eine Verbindung aus Aluminium fixiert die Sitzmöbel. Die Eigenschaften des Werkstoffs sind für den Möbelbau optimal – leicht, wetterfest, recyclebar, robust, UV- und säureresistent; er vereint die Vorteile von Holz und Kunststoff. »Varioline« ist ein Polypropylen, oder genauer ein »Plattenmaterial, das durch ein hochtechnologisches Spritzgieß-Verfahren einen geschlossenzelligen Schaumkern besitzt, der von zwei hochverdichteten, porenfreien Randscheiben umschlossen ist.« Wem das zu kompliziert ist, der stelle sich eine Tafel Luftschokolade vor – vom Prinzip her ist das nichts anderes. Diese Materialeigenschaften machte sich Patrick Frey zu Nutze, um »eine ganz neue Ästhetik zu schaffen«; was ihm auch gelungen ist. Dieser Meinung sind ebenfalls die Fachleute und Branchenkenner, die in den Jurys der anerkannten Design-Wettbewerbe sitzen. Der »Nook Stool« räumte 2010 dann auch direkt drei Preise ab, neben dem »Good Design 2010 Award« gab es den »IF-Produktdesign-Award« und, konsequenterweise, den »IF-Material-Award«.

»Vial« hat noch einen weiteren »IF-Produktdesign-Award« im Regal stehen, wenn auch für ein anderes Produkt. Auch hier hat das Unternehmen mit Patrick Frey zusammengearbeitet; Ergebnis war wieder ein Sitzmöbel. Obwohl es gar nicht so aussieht, sondern wie eine gewöhnliche, bunte Picknick-Decke. Dabei ist »Fida« ein »Konzept für mobiles, komfortables Sitzen«; eine Decke, die im gefalteten Zustand wie eine Tasche getragen wird, sich aber mit wenigen Handgriffen verwandeln lässt. Durch in der Decke verborgene Platten werden die zwei oberen Ecken der Decke nach hinten geklappt und mit einem Verschluss verbunden. So entsteht ein aufrecht stehendes Dreieck, das gleichzeitig eine stabile Rückenlehne ist. »Fida« wird aus dem Werkstoff »Cordura« hergestellt, den aber nicht die Verwandtschaft von »Polymerpark« liefert, sondern spezialisierte Unternehmen in Polen. »Cordura« ist ein Polyamid, das als geschnittene Fasern in einem aufwendigen Verfahren versponnen und verwoben wird und somit reißfester als Nylon ist. Verwendung findet dieses Material normalerweise bei der Herstellung von Motorradschutzkleidung und Gurten.

Die Arbeitsweise von »Vial«, externe Designer auf außergewöhnliche Materialien loszulassen und ihnen größtmögliche Freiheit bei der Entwicklung zu lassen, geht seit der Unternehmensgründung vor zwei Jahren auf. Das ist natürlich an den erwähnten Auszeichnungen messbar, aber auch an der starken Wahrnehmung der Öffentlichkeit und erst recht in der Designszene. Man kann in den nächsten Jahren noch einiges von »Vial« erwarten; neue Projekte sind in Arbeit oder in Planung. Mit Patrick Frey möchte man auch in Zukunft zusammenarbeiten, das nächste große Ding kommt aber nicht aus Hannover, sondern aus Österreich. Sofia Podreka und Katrin Radanitsch haben in ihrem Wiener Designbüro »dottings« ein Regalsystem entwickelt, das ohne Schrauben auskommt und ohne Werkzeug aufgebaut werden kann. Das Material ist im Vergleich zu »Nook« und »Fida« klassisch und fast schon unspektakulär: Die hölzernen Regalböden besitzen an ihren Rändern Verzahnungen, die, ineinandergefügt, in der Waagerechten für Stabilität sorgen. Mittels Glasscheiben, die zwischen die Böden gesteckt werden, kann sich so jeder sein eigenes Regal zusammenpuzzeln. Schnell und individuell – und damit ein Segen für Geschädigte des blau-gelben Einrichtungshauses in der Disziplin »Selbstaufbau«.

www.vial.eu
www.polymerpark.com
www.patrick-frey.com
www.dottings.com

Design
09 / 2011

POLYMER-ORIGAMI

Von: VOLKER K. BELGHAUS


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