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NACHRUF (AUF DEN MONAT APRIL 2011)

Ein neuer Monat, wie schön! Leicht vergisst man jedoch, dass dafür ein alter Monat weichen musste. Damit etwas bleibt, klebt K.WEST den vertriebenen letzten Wochen eine Seite ins Album. Blättern wir uns also für ein paar Minuten in den April zurück!

 

EINE GLOSSE VON ULRICH DEUTER

Am Morgen aufstehen – herrlich geschlafen! Der besten Ehefrau den Kuss, dem erwachenden Kopf die Urlaubsgedanken! Dann aus der Tür treten, augenblicklich von einem herabfallenden Storch erschlagen werden: ein möglicher Lebensverlauf. Nach Anbruch der Post-Fukushima-Ära wissen wir, welche Gestalt Wahrscheinlichkeiten von 0,1 Prozent annehmen können und setzen beim Hinabsteigen der Treppe den Fuß zögerlicher: Wie restriskant ist Trittstufenmaterialermüdung? Heute der tote Zugvogel (7,5 kg; Fallgeschwindigkeit 185 km/h), morgen der Erdrutsch in der U-Bahnbaustelle (1700 t Schutt; 2 Tote), übermorgen der Herzstillstand auf dem Fußballfeld, der bekiffte Puntofahrer, der Autobahnsandsturm nahe Rostock, die Jugendgang in der B-Ebene, die maroden Brückenbauwerke der A 45.

Ein Mann betritt einen Fahrstuhl. Im selben Moment wird eine eine Milliardstel Sekunde nach dem Urknall auf den Weg gebrachte, unendlich langsame, bisher unentdeckte Novelle zum Schwerkraftgesetz wirksam, der Fahrstuhl schnellt aus dem Dach und trifft ein im Landeanflug befindliches Flugzeug im Businessbereich. Dort plant der Vorstandsvorsitzende des RWE-Konzerns, Großmann, gerade… Er kommt nicht mehr dazu. Keine physikalische Gewissheit, kein Newton oder Einstein schützt vor einer solchen Modalität des Realen.

Aber garantiert sie auch nicht. Rechnen, fürchten, hoffen: Alles eitel. Vanitas vanitatum, et omnia vanitas – es wächst jetzt wieder das barocke Lebensgefühl. Platon wollte Philosophen auf die Regierungsbank setzen. Umgekehrt werden jetzt bei uns die Politiker schockartig weise. Was können wir wissen? Nur, dass wir nicht wissen können. Was lässt sich beweisen? Nur, dass ein Beweis falsch war. Das unbarmherzige Licht aus den Popper-Spots des Fallibilismus zeigt die Landschaft aus Planung und Vorsorge als Spielzeugwelt. Doch Politiker reifen schnell. Merkel weiß auf einmal alles über die Antiquiertheit des Menschen. Die Regierung Kraft schlüpft geschlossen ins Himation des Philosophen und praktiziert pyrrhonische Skepsis: Dann eben Vanitas! Dann eben Nichtwissen als Politik. Lagen gerade noch 24.000 Jahre Plutoniumsendlagerhalbwertszeit im operativen Fokus, so sind jetzt zwei, drei Monate Zukunft unabsehbar. Neuwahlen zum Sommer hin, gestern noch (5. März) für Regierung wie Opposition eine feste Burg, sind heute (5. April) nur mehr Rauch in ihren Augen. 7,1 Milliarden, als Höhe der Landeshaushaltsnettokreditaufnahme stets »ohne Alternative«, ist nun eine Ziffer, so flüchtig wie in einem Abzählreim. Ich bin, spricht der Finanzminister mit Einstein-Lächeln, nicht so naiv, die Regeln der Mathelehrer für unumstößliche Gesetze zu halten. Brennelementkugeln aus Jülich? Wer kennt ihre Zahl, wo sind sie? Hier- oder dorthin, haucht die Wissenschaftsministerin, Wassertropfen in Gottes unendlichem Meer. Panta rhei.

Aber der Schritt vom Skeptizismus zum Nihilismus ist klein. Seien wir darauf gefasst, dass die Regierung demnächst unter Berufung auf die Unwägbarkeit alles Zukünftigen 90 Prozent des Landesetats in der Fußgängerzone verteilt. Um den Rest – Carpe diem! – im »Monkey’s West« in Düsseldorf zu verfressen.

Glosse
05 / 2011

NACHRUF (AUF DEN MONAT APRIL 2011)

Von: ULRICH DEUTER


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