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NACHRUF (AUF DEN MONAT AUGUST 2010)

Ein neuer Monat, wie schön! Leicht vergisst man jedoch, dass dafür ein alter Monat weichen musste. Damit etwas bleibt, klebt K.WEST den vertriebenen letzten Wochen eine Seite ins Album. Blättern wir uns also für ein paar Minuten ein Stück zurück in der Zeit!

 

EINE GLOSSE VON ULRICH DEUTER


Man muss sich die Zeit wie ein Meer vorstellen, das Stunde für Stunde ein Stückchen Land verschlingt. Unter den spiegelnden Wassern des Jetzt schläft ein Kontinent untergegangener Gegenwart. Doch mag ein träumerischer Fischer, wenn er in seinem Kahn über die Stelle fährt, wo Juli und August versunken liegen, merkwürdige Stimmen von unten herauf 
hören – Stimmen wie aus dem sagenhaften 
Vineta, jener Stadt, die einst wegen ihres Hochmuts und ihrer Selbstgerechtigkeit unterging. Horch:

Wir haben uns lange überlegt, was wir denn Verrücktes machen können, um bekannter zu werden. Wir haben uns für die Love Parade entschieden. Das war ein Himmelfahrtskommando. – Wenn hier viele kommen, herzlich willkommen. Das Gelände ist ja rundum entfluchtbar, und es ist so groß, dass wir uns da keine Sorgen machen. – Wir haben neben der Zuwegung ein ausgeklügeltes System entworfen, um unmittelbar an jeder Stelle sofort weitere Zu- und Abwege zu schaffen, auch dieses System ist durch Sachverständige geprüft worden. – Im letzten Jahr hat’s ja nicht geklappt, und in diesem Jahr waren wir einfach, ja, im Zwang, es hinkriegen zu müssen, denn sonst wäre wahrscheinlich die Love Parade endgültig gestorben fürs Ruhrgebiet gewesen. – Ich hoffe nicht, dass nun auch noch die Love Parade 2010 ausfällt – zumindest die muss jetzt stattfinden. – Es gibt keine bessere Gelegenheit, sich international zu blamieren, als wenn man diese Chance verpasste. Eine richtige Metropole kann das stemmen. – Ich bin 100 Prozent risikobereit. – Wenn sie für das nächste Jahr abgesagt würde, dann wäre das wirklich ein schwerer Rückschlag. Das darf nicht passieren. – Ja, meine Damen und Herren, als Leiter des Krisenstabes habe ich mit Bestürzung zur Kenntnis nehmen müssen, was sich dort vor Ort ereignet hat. Und deswegen haben Sie Verständnis dafür, dass ich zu der Angelegenheit an dieser Stelle nicht mehr Stellung nehmen kann. – Ich bitte um Verständnis dass ich auch zum Schutze meiner Mitarbeiter zum Ereignis hier nichts mehr sagen kann. – Eine Massenpanik ist ein wertender Ausdruck über den Umfang des Geschehens. Mein persönlicher Eindruck bestätigt eine Massenpanik nicht. – Wir sind zwar nicht unmittelbar beteiligt, aber ich fühle mich schon moralisch mitverantwortlich, denn ich habe ja es sehr befürwortet, dass es diese Love Parade gibt. – Persönlich eingebunden? Nein, nein. – Zur Frage, wer hat das zu verantworten, kann ich zurzeit nichts sagen, weil ich auch nicht Einsatzleiter bin, sondern ich bin Leiter des Krisenstabes. – Jetzt zurückzutreten, würde bedeuten, keine Verantwortung übernehmen zu wollen. Und würde bedeuten, einer Vorverurteilung Platz zu machen. Und das möchte ich nicht. – Meine Disziplin hat hervorragend es geschafft, die Prozesse im Umfeld, das war die Aufgabe, zu organisieren. – Wir sind Genehmigungsbehörde. Und wir überprüfen jetzt als Genehmigungsbehörde unser Verhalten. Dass wir davon ausgehangen sind, dass wir uns richtig verhalten, erkennen Sie daran, dass diese Veranstaltung genehmigt wurde. – Uns liegen keine Erkenntnisse dafür vor, dass Mitarbeiter der Stadt Duisburg ihre gesetzlichen Pflichten verletzt hätten und auf diese Weise zum Unglück beigetragen oder es gar verursacht hätten. – Ich persönlich habe nichts unterschrieben, keine einzige Genehmigung. Am Ende hat die ganze Verwaltung entschieden. – Da aber Pilatus sah, daß er nichts schaffete, sondern daß ein viel größer Getümmel ward, nahm er Wasser und wusch die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin Unschuldig an dem Blut dieses Gerechten; sehet ihr zu! – Ich muss das durchhalten.    


(Rainer Schaller, Veranstalter der Love Parade. – Bernd Köllen, Pressesprecher der Love Parade. – Wolfgang Rabe, Duisburger Ordnungsdezernent. – Adolf Sauerland, Oberbürgermeister der Stadt Duisburg. – Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, Kultur-Staatssekretär des Landes NRW. – Dieter Gorny, künstlerischer Direktor der Ruhr.2010. – Rainer Schaller. – Fritz Pleitgen, Geschäftsführer der Ruhr.2010. – Wolfgang Rabe. – Adolf Sauerland. – Detlef von Schmeling, amt. Polizeipräsident Duisburg. – Fritz Pleitgen. – Adolf Sauerland. – Wolfgang Rabe. – Adolf Sauerland. – Michael Schreckenberg, Gutachter, Prof. für die Physik von Transport und Verkehr. – Adolf Sauerland. – Anwaltl. Gutachten, erstellt im Auftrag der Stadt Duisburg. – Adolf Sauerland. – Mt 27,24. – Adolf Sauerland.)

Glosse
09 / 2010

NACHRUF (AUF DEN MONAT AUGUST 2010)

Von: ULRICH DEUTER


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