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NACHRUF (AUF DEN MONAT JUNI 2013)

Ein neuer Monat, wie schön! Leicht vergisst man jedoch, dass dafür ein alter Monat weichen musste. Damit etwas bleibt, klebt K.WEST den vertriebenen letzten Wochen eine Seite ins Album. Blättern wir uns also für ein paar Minuten in den Juni zurück!

 

EINE GLOSSE VON ULRICH DEUTER

»Der gefesselte Prometheus« ist ein griechisch’ Trauerspiel, das vor 2.470 Jahren zum ersten Mal aufgeführt wurde und von jemandem handelt, der es gut mit den Menschen meinte, aber dennoch, ja deshalb von seinen Vorgesetzten in Ketten gelegt und an ein Gestein geheftet wurde. Auch der Marathonlauf ist eine uralte hellenische Quälerei, daher könnte man den Blitzmarathon für ein griechisches Langstreckenrennen halten, das in Sekundenbruchteilen vorüber war. Unter Blitzmarathon versteht man jedoch eine Art Rudelradar, ein Massenmessen automobiler Geschwindigkeiten durch die nordrhein-westfälische Polizei, wobei der schnellste Kraftfahrzeugführer die höchste Punktzahl erhält.

Generell gesprochen, gehört die antike Prometheusfesselung zur Kategorie der Rache-, der moderne Blitzmarathon zu der der Ersatzhandlungen. Eine Ersatzhandlung ist ein Akt, der die ursprünglich gewollte, durch unabwendbare Umstände aber verhinderte Tat stellvertritt, ähnlich wie der Porsche die verlorene Jugend oder der Papst den auf Erden vermissten Gott. Als Ersatzhandlung hätte gewertet werden müssen, wenn Zeus an Stelle der Sistierung des verhassten Feuerbringers ein Rauchverbot in Gaststätten erlassen hätte. Eine echte Handlung wäre es, würde der Innenminister von NRW einfach eine allgemeine Geschwindigkeitsreduktion auf den Straßen verordnen.

Beides ist nicht geschehen, Ralf Jäger ist augenscheinlich nicht Zeus und dieser nicht jener. Welcher, so wie alle seiner Politikerkollegen, so eng umfelst ist von kaukasischen Sachzwängen, dass ihm nur sekundärlärmbegleitetes Symbolhandeln bleibt. Also darf seit dem 1. Mai niemand in Kneipen mehr rauchen, und einmal im Jahr findet ein Blitzmarathon statt, wie neulich im Juni. Sehnt sich wohl so ein Minister nach griechischen Verhältnissen, antik-griechischen, wohlgemerkt? Wünschten etwa auch wir Bürger uns eine Regierung im Löwenfell, samt der heraklischen Kraftfülle, Rhein und Ruhr umzuleiten, um die bis an alle Horizonte gewucherten Augias-Ställe zu entmisten?

Super, höre ich rufen, gern, sofern per demokratisch legitimiertem Verfahren Verständigung erzielt wird, was Jauche ist und was nicht, sowie vermieden, dass bovine Fäkalien ins Grundwasser geraten. Konjunktiv; denn zwar herrschen auch heute antike Zustände, doch solche, die den Regierenden nicht die Rolle des Herakles zuschreiben, sondern die des Prometheus. Mit bei jeder Wahl nachwachsender Leber; die Tage dazwischen voller Ersatzhandlungsfülle. »Die gefesselte Hannelore« aber klingt nach Bondage und so gar nicht wie Mythos, Heros und Aischylos, beides sich vorzustellen fällt wirklich schwer. Und doch beschreibt es die Lage unserer promethesken Regentin nach der Durchkreuzung ihrer trotzigen Spendierfreude durch den zürnenden schuldenbremsenden Zeus, will sagen, nach dem Verbot ihrer kreditseligen »präventiven Sozialpolitik« durch das Verfassungsgericht. Amtlich an den Kaukasus des Haushaltsdefizits geschmiedet, wurde dem Kraft-Kabinett jetzt auch privat der Aktionsradius dramatisch beschnitten: Die Wirte in Kleve haben der Landesregierung wegen des Rauchverbots Hausverbot erteilt, der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband wird dafür sorgen, dass die furchtbare Strafe auf das ganze Land ausgeweitet wird, zumindest aber auf Emmerich.

Damit scheint der armen H.K. neben dem Schicksal des Prometheus auch das des Tantalos bestimmt. Wie klagt Homer so trefflich in der »Odyssee«: »Mitten im Teiche stand sie, das Kinn von der Welle bespület, / Lechzte hinab vor Durst, und konnte zum Trinken nicht kommen. / Denn so oft sie sich hinbückte, die Zunge zu kühlen; / Schwand das versiegende Bier hinweg, und rings um die Füße / Zeigte sich niederrheinischer Sand, getrocknet vom klevischen Schankwirt.« Nicht rauchen, nun auch nicht mehr trinken – nicht lange, und die Kraft hat ausgemeiert. Ach, ach! Weh, weh!  

 

Glosse
07 / 2013

NACHRUF (AUF DEN MONAT JUNI 2013)

Von: ULRICH DEUTER


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