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NACHRUF (AUF DEN MONAT NOVEMBER 2011)

Ein neuer Monat, wie schön! Leicht vergisst man jedoch, dass dafür ein alter Monat weichen musste. Damit etwas bleibt, klebt K.WEST den vertriebenen letzten Wochen eine Seite ins Album. Blättern wir uns also für ein paar Minuten in den November zurück!

 

EINE GLOSSE VON ULRICH DEUTER

Kürzlich ist der Künstler Anselm Kiefer dafür gescholten worden, dass er ein Kernkraftwerk kaufen will. Ersatzweise den Kühlturm eines Kernkraftwerks, 160 Meter hoch. Gescholten und verhöhnt ist er worden; es handelt sich um das Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich. Das Werk liegt still, es gehört dem RWE, es soll nicht verkauft werden, soll auch nicht der Kunst dienen, es soll verschwinden, sagt Energie- und Wirtschaftsministerin Eveline Lemke. Weg soll das Ding!

Das Mülheim, um das es geht, ist nicht unseres und die Lemke nicht die stellv. Ministerpräsidentin von hier. Es sind zwar auch Bindestrichhunde, doch rheinland-pfälzische, die da den Mond anbellen. Natürlich ist Markus Lüpertz eigentlich der mit Abstand größte Künstlermond, aber Anselm Kiefer ist auch der mit Abstand größte, Kiefers Bilder sind je von mindestens Fußballfeldgröße, zudem meterdick, und die Bilder, die Kiefer malt, sind noch

das Kleinste, was er macht. Das kommt vom Mythischen, das Kiefer bestellt. Kommt von der metaphysischen Dimension seines Spachtels, seiner Leimtöpfe und Quaste. Allein sein Atelier ist 35.000 Quadratkilometer groß.

Von dieser Dimension aus ist alles Reale und Gegenwärtige nur ein Schemen, Rheinland-Pfalz, wo ist das überhaupt, kann nur ein Versehen sein. Nordrhein-Westfalen ist es, wo Kiefers Hammer niedersausen muss, denn Nordrhein-Westfalen ist Mythenland. Stünde er noch, vom Dach des Kernkraftwerkkühlturms Hamm-Uentrop würden wir hinauf zu Anselm Kiefer flehen: Maître, her zu uns!

Gedenkt doch, würden wir fortfahren, weiland reistet Ihr bereits hierher aus dem Odenwalde, um einem anderen mythischen Manne zu huldigen, Joseph Beuys, der irgendwie Euer Lehrer war. Beuys entstand schamanenhaft hier und ging hier nie weg, Lüpertz herrschte Äonen lang als Kaiser der Kunstakademie, weil hier zwischen Teutoburger Wald und Siebengebirge, Erkelenz und Hückeswagen das Mythische in allen Töpfen und Köpfen kocht. Mythos ist Köln als Kunststadt. Mythos die Eleganz Düsseldorfs. Mythos der Mythos von Kohle und Stahl und Mythos das Ruhrgebiet als Metropole. Hier dürfen, Meister Kiefer, hier müssen Sie alles kaufen, was höher oder länger als 160 Meter ist! Kaufen Sie den Kölner Dom! Kaufen Sie die Kö! Vor allem aber kaufen Sie das ganze Ruhrgebiet. All die Kühltürme, Gasometer, Jahrhunderthallen. Jeder rissige Betonklumpen und verseuchte Kubikmeter Industrieboden soll Ihrer sein!

Kiefer sagt, Atomkraft ist die phantastischste Form der Energieerzeugung. Kiefer sagt, er will alle Atomkraftwerke wieder ans Netz bringen, an sein Netz. Ach, bitte, Herr Kiefer, feuern Sie auch Duisburg-Meiderichs Hochöfen wieder an, fördern Sie Kohle auf Zollverein! Ja, Sie haben recht, die Deutschen trennen sich zu leicht und zu schnell von ihrer Geschichte, warum sind die Feuer der Hexenverbrennung erloschen, warum gibt es um Himmels willen keine Leibeigenen mehr? Wir nordrhein-westfälischen Mythenzwerge aber wissen, dass die niedergerungene Montanindustrie Teil des Brodems ist, der vor Urzeiten, als noch Riesen waren, aus deren Mäulern wich. Dreck, Lärm, Seuchen, Fron, Unbildung, Armut, Rechtlosigkeit, Verschandelung – das muss doch erhalten bleiben. All das ist doch unsere Geschichte, ist doch Ruhrgebiet! Herr Kiefer, Sie lieben Scherben, Eisen, Asche und vor allem Blei. Herr Kiefer, Sie könnten der Gott des Ruhrpotts sein.

Sie haben sicher gehört, dass man plant, nach dem schönen Erfolg mit Zollverein jetzt das gesamte Ruhrgebiet Weltkulturerbe werden zu lassen. Könnte da nicht ein Großdenkender wie Sie sich mit den Großdenkenden von Restruhr.2010 zusammentun? Denn gewiss wäre das Ruhrgebiet ein noch tolleres Weltkulturerbe, wenn es wieder ganz das alte, wenn es wieder stinkend in Betrieb wäre.

Glosse
12 / 2011

NACHRUF (AUF DEN MONAT NOVEMBER 2011)

Von: ULRICH DEUTER


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