Foto: Klaus Lefebvre

BEZAUBERT

Händels »Alcina« im Kölner Palladium 

 

TEXT: REGINE MÜLLER

Georg Friedrich Händels 1735 im Londoner Covent Garden Theatre uraufgeführte Oper »Alcina« zählt zum Genre der Zauberopern, die zur damaligen Zeit sehr beliebt waren. Boten sie doch der Bühnentechnik reichlich Spiel für spektakuläre Tricks und überhaupt für den Aufwand an Ausstattung. Im Kölner Palladium gibt Regisseur Ingo Kerkhof dieser Versuchung nicht nach und setzt auf Abstraktion und Reduktion.

Die Handlung entwirft ein kompliziertes Beziehungsgeflecht und Verwirrspiel um Liebe, Treue und Verrat. Die Titelheldin ist eine zunächst wenig sympathisch scheinende Zauberin, die auf einer seltsamen Insel ein grausames Regiment führt. Die Liebhaber, derer sie überdrüssig wird, verwandelt sie in Steine und Tiere. Doch mit Ruggiero meint sie es ernst, und auch er scheint sein Vorleben vergessen zu haben. Dann aber taucht seine frühere Verlobte Bradamante auf, verkleidet als Ricciardo – und es wird schwierig. Am Ende bleibt Alcina als Verlassene zurück. Sie hat  ihre Liebe und ihre Zauberkraft verloren.

Anne Neuser platziert einen goldenen Bilderrahmen auf der Bühne, dessen Leinwand heraus gebrochen und nach hinten versetzt ist. Nur als Schatten schimmern dort üppige Pflanzen des paradiesischen Eilands, später bleibt die Wand kahl bis auf das mit Kreide vielfach wiederholte Wörtchen fedeltà (Treue). Von Alcinas magischen Fähigkeiten ist nichts sehen, in schwarzen, hoch geschlitzten Kleid erscheint sie als kühle femme fatale. Minimalistisch leert sich die Bühne und dient der Konzentration auf die Konstellationen der Figuren und ihre inneren und äußeren Krisen. So riskiert die Inszenierung, parallel zu den langen, retardierenden da-capo-Arien, zusätzlich  eine ermüdende Lähmung des Geschehens, obgleich die fast skulpturalen Bilder minutiös choreografiert sind.

Dass man über drei Stunden dennoch dabei bleibt, liegt am exzeptionellen musikalischen Niveau des Abends. Man hat sich in Köln schon fast an diese Qualität gewöhnt. Peter Neumann am Pult des mit Spezialisten aufgestockten Gürzenich-Orchesters schafft  Transparenz, federnde Vitalität und immensen Farbenreichtum. Vor allem die gedämpften, in sich gekehrten Passagen der grandiosen Trauerarien der Alcina (frappierend leicht und leuchtend: Claudia Rohrbach) klärt und malt er wunderbar aus und dämpft den Gesamtklang herab ins berührend Innige und Intime. Großer Jubel.

Auff.: bis zum 7. Juli 2012.

 

Bühne
07 / 2012

BEZAUBERT

Von: REGINE MÜLLER


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