Foto: Sebastian Hoppe

BLATTSCHUSS

»Wie es Euch gefällt« in Düsseldorf 

 

TEXT: ANDREAS WILINK

Fortuna, »die alte Schlampe«, wie Thomas Brasch übersetzt, wird hier nicht heimisch. Nicht im Ardenner Wald, nicht am Gründgens-Platz. Nora Schlocker ließ hübsche Kostüme schneidern, gibt sich dezent kulturkritisch, flicht flaue Scherze und kleine musikalische Ständchen ein, klebt falsche Bärte an und schickt echte Kinder auf die Bühne, auf der man viel ins Stroh drischt und auf  schwarzer Schlacke (verbrannte Erde!) strampelt. War da noch was? Doch ja, Shakespeares »Wie es Euch gefällt«, das als Liebes-Komödie eine einzige Katastrophe ist, worüber in Düsseldorf weniger die Aufführung als das Programmhaft mit Jan Kott und Anmerkungen zur Melancholie aufklärt. Acht Burschen spielen Männlein und Weiblein, wobei Rosalind und Celia in ihren Rollen zur Tarnung Männerkleider anlegen und in Hosen die falschen, aber richtigen Partner das Begehren lehren. Vertrackte Sache, heillos. In Düsseldorf  jedoch wird sie als Beifall buhlende »gute Verstellung« von Rosalind/Ganymed  (Florian Jahr) tumb um ihr Wesen gebracht. Und ein putziger, Harfe spielender Amor gleich selbst erlegt – mit dem Pfeil, den eigentlich er selbst abschießen müsste: Blattschuss. Soviel finale Beschwernis muss sein.

Von der Liebe versteht man an dem Abend nicht die Bohne, nichts von ihrer Rücksichtslosigkeit, Unbedingtheit, Willkürherrschaft. Die Regisseurin, ohne Gefühl für Rhythmus obendrein, glaubt nicht an das, was Shakespeares Spiel verlangt, und interessiert sich für allerlei, aber nicht fürs Entscheidende. Konzept ohne Köpfchen. Mit Firlefanz mogelt sie sich durch die drei Stunden in ihrem halb verlotterten, halb pompösen Mummenschanz, der sich an des Herzogs Hof als banale Ranschmeiße an die öffentliche Wirkung mit viel Winke-Winke zeigt, im Refugium des Waldes dann mehr zur pantomimisch grazilen, gelegentlich sprachlosen Übung gerät. Das Personal, maskiert als Rokoko-Preziosen, hängt wie Marionetten am Faden der plumpen Regie, die gern die Puppen tanzen lässt, aber nicht Schritt halten kann mit dem Geist der Erzählung. Keine Ambivalenzen, kein Flirren, keine Verstörungen. Lieblos und leblos. Schade um die Zeit. Noch eine vertane Chance.

 

Bühne
02 / 2013

BLATTSCHUSS

Von: ANDREAS WILINK


kultur.west Gezwitscher