Rudolf Buchbinder. Foto: Marco Borggreve

Der Ludwig-Flüsterer

Rudolf Buchbinder unterstreicht beim Klavier-Festival Ruhr seinen Ruf als Beethoven-Experte.  

TEXT GUIDO FISCHER

Rudolf Buchbinder kennt das klassisch-romantische Repertoire aus dem Effeff, ob die Klaviersonaten von Haydn und Mozart oder die Klavierkonzerte von Brahms, die er mit Nikolaus Harnoncourt in einer spannungsgeladenen, von Gefühligkeit entschlackten Einspielung vorgelegt hat. Aber über einen Komponisten weiß er wirklich alles: Beethoven. In der Bibliothek des Wahl-Wieners stehen allein mehr als 35 verschiedene Gesamtausgaben der 32 Klaviersonaten, die er auch nach Quellen- und Druckfehlern studiert. Sogar Beethovens Ess- und Trinkgewohnheiten hat er erforscht. Makkaroni mit Parmesankäse gehörten zu dessen Leibspeisen. Bei der Kaffee-Zubereitung mussten es exakt sechzig Bohnen sein – »darauf bestand er«, weiß Buchbinder.

Im letzten Jahr ist der Pianist 70 Jahre alt geworden. Buchbinder hat davon mehr als die Hälfte auch im Konzertsaal Beethoven gewidmet. Bis heute ist dessen Musik für ihn Grundnahrungsmittel. Es gibt für ihn nichts Vergleichbares, um ihn in Staunen zu versetzen. 2016 hat er einmal mehr Beethovens 1. Klavierkonzert gespielt – mit den Berliner Philharmonikern unter Christian Thielemann. Jüngst ließ er sich in Shanghai auf einen Beethoven-Marathon ein: an sieben Abenden das gesamte Sonaten-Schaffen. Über 50 Mal hat sich Buchbinder bisher dieser extremsportlichen Live-Exegese der 32 Klaviersonaten gestellt, in Wien, München, New York, Buenos Aires... Immer noch aber, so Buchbinder in seinem 2014 erschienenen Beethoven-Büchlein »Leben mit dem Meister«, lese er »selbst Stücke, die ich hunderte Male aufgeführt habe, stets wie eine Novität«. 

Einige der Sonaten, mit denen Buchbinder beim Klavier-Festival Ruhr gastiert, kennt er seit Schülertagen. Mit zehn Jahren spielte er Bruno Seidlhofer an der Wiener Musikakademie Beethovens Pathétique vor und wurde als jüngster Student in dessen Klasse aufgenommen. Kaum stand die erste Stunde an, musste sich der hochtalentierte Knabe mit einer der drei Sonaten op. 2 auseinandersetzen. Das nächste Jahrzehnt blieb Buchbinder bei seinem berühmten Lehrer, der auch Friedrich Gulda und Martha Argerich unterrichtete. Damals gab es bereits Wettbewerbspreise, gefolgt von wertvollen Konzerteinladungen und prägenden Begegnungen. So erinnert sich Buchbinder besonders an Tourneen mit den Violin-Größen Nathan Milstein und Henryk Szeryng, von denen er viel über die Kunst der Phrasierung und des Cantabile-Spiels gelernt habe.

Überhaupt beschäftigt sich Buchbinder mit der Kammermusik auch im Aufnahmestudio; etwa mit der Klarinettistin Sabine Meyer und dem Alban Berg Quartett. Beethovens sämtliche Cellosonaten legte er 1975 mit Janós Starker in einer mustergültigen Einspielung vor. Was die Klaviersonaten auf Tonträgern angeht, war Buchbinder gleichermaßen fleißig. Ende der 1970er Jahre kam die erste Gesamteinspielung heraus. 2011 folgte seine erste von mittlerweile zwei Live-Einspielungen, in denen der Kenner und Könner – kernig klar, losgelöst wild, lyrisch gedankenvoll – Beethovens Kosmos erkundet. Bei Buchbinders Essener Recital stehen zwar lediglich vier der insgesamt 32 Sonaten auf dem Programm – Evergreens wie die Pathétique oder die Waldstein-Sonate wird er gewohnt aufregend neu angehen.

3. Juli Philharmonie, Essen: Rudolf Buchbinder, Werke von Beethoven.

Bühne
07 / 2017

Der Ludwig-Flüsterer

Von: Guido Fischer