Szenen aus den Proben. Fotos: Markus J. Feger

Die Stunden, da wir viel voneinander wussten

Eindrücke vom ersten Schauspiel-Jahrgang an der Folkwang Hochschule der Künste in Essen/Bochum.

Text Andreas Wilink

Auf dem Turm am Hauptgebäude flattert die Fahne: drei gelbe Balken, senkrecht und waagerecht, auf weißem Grund, das stilisierte F für Folkwang. In der Cafeteria, in der zwei farbige Blumenschmuck-Bilder an einer Wand erkennen lassen, dass an der Folkwang Hochschule der Künste nicht Bildende Kunst unterrichtet wird, sitzt ein junger Mann und feilt an seinen Fingernägeln. Weil aber neben ihm ein großer schwarzglänzender Instrumentenkasten steht, ist nicht auszuschließen, dass auch diese Geräusch-Produktion eine Form musikalischen Ausdrucks ist.

Der Weg übers Gelände der Werdener Abtei hin zur ehemaligen Meierei, die wie vieles Schöne in der Stadt Essen dank der Krupp-Stiftung da und in Betrieb ist und wo sich unterm Dach Theater-Proberäume befinden, unterwegs also waren spätnachmittags aus dem Hauptgebäude viele andere, harmonischere Klänge selbst hinter verschlossenen Fenstern zu hören. 

Wir besuchen Schauspiel-Studenten des ersten Jahrgangs – kurz vor ihrer Semesterpräsentation. Die zehn jungen Frauen und Männer sind ausgewählt worden aus 600 Bewerbern (!). Die Erstlinge erhalten interdisziplinär Unterricht – das Curriculum hat Regie, Schauspiel, Musical und »Physical« verbunden und zur gemeinsamen »Spielwiese« kultiviert. (Die Bereiche Tanz und Musiktheater bleiben unter sich.) So knüpfen sich im ersten Jahr Kontakte, die während der Ausbildung bestehen und produktiv bleiben. Die Jahrgänge 2 bis 4 wechseln dann ins recht neue Bochumer Theaterzentrum in strahlendem Weiß, so dass man anfangs spöttisch von »Schönheitsklinik« sprach, wie Esther Hausmann, die Studiengangs-Leiterin, sagt.

Immerhin, ästhetische Maßnahmen finden auch hier statt. Unter anderem. Herbert Fritsch, der genialische Spaßvogel und anarchische Befreiungsapostel, empörte sich kürzlich darüber, wie Schauspieler von den Bühnen häufig gesehen, gehalten, abgerichtet würden: als »Reproduktionsaffen und halbe Künstler«. Dressurakte, um sie als Material formbar(er) zu machen. So mag es später sein, von Hamburg bis Wien, hier noch ist es nicht so.  

Wie denn dann? »Angstbewältigung«, sagt die Dozentin Friederike Bellstedt, »ist das A und O der Ausbildung«. Yannik und Clara wirken nicht ängstlich, aber eine gewisse Verhaltenheit, Steifheit und Unsicherheit ist zu spüren. Vor dem Spiel. Ich bange, ob sie das gleich – in ihrer Szene von Neil La Butes »Lieber Schönes« – ablegen können. Die Sorge schwindet schnell. Bei ihm ist es perfekt gespielte Nervosität und Fahrigkeit, während er am Restauranttisch auf seine Freundin wartet, die ihn nach vier Jahren verließ, weil er ihr Gesicht als »häßlich« bezeichnete. Eine »Begegnung der besonderen Art«, sei das, sagt Bellstedt. Das gilt auch für das, was Yannik und Clara zeigen. Beide sind von der ersten Sekunde drin in den Figuren, direkt, psychisch zuschnappend, fast überschnappend. Es sitzt. Könnte doch so bleiben, denke ich von meinem Tribünenplatz. Doch dann wird ausbalanciert, werden Gewichte umverteilt, Tempo reguliert, hier ein Vernuscheln abgestellt, da Schmerz-Empfinden gemessen, dort eine Geste – eine Schlüssel-Übergabe – genau betrachtet. Später sagt Yannik, dass die Anwesenheit des Außenstehenden den explosiven Effekt mitverursacht habe. Vita Sprint.

Clara sieht es ebenso. »Total verwirrt« fühle sie sich in und nach ihrem ersten Jahr: als produktive Grundhaltung. Was kommt nach dem Studium? Vielleicht kein Engagement: »Für diesen Beruf gehe ich das Risiko meiner Existenz ein.« Sie träumt nicht von den sogenannten ersten Bühnen. Verwöhntes Theater interessiert sie nicht, und »braves Theater ist tot«. Ein sehr eigener Mensch: Scheu, die Arme eng verschränkt, die Finger knetend, sitzt Clara einem gegenüber. Kaum zu glauben, dass sie die toughe, zornige La Bute-Frau war. Clara spricht vom Drahtseilakt, bei dem die Balance zu halten sei zwischen kontrolliertem Spiel einerseits und dem absoluten Freilassen auf der anderen Seite. Befragt nach ihrem strengen Tages-Pensum: »Man muss sich organisieren«. 

Christoph Nix, Intendant des Stadttheaters Konstanz, schrieb jüngst in einem Beitrag für die SZ über mangelnde Solidarität und die Einflusslosigkeit von Schauspielern im Vergleich zu andern Bühnenangehörigen: Sie seien »flüchtig und die Vernetzung ihrer Interessen nicht ihr erstes Anliegen«. Nötig wäre, sich zusammenzutun: »groß denken und sich nicht kleinmachen lassen«. 

Einen Flur weiter. Es riecht nach Schweiß. Ein Männerding. Edward Bonds »Gerettet«. Remo aus dem Regie-Studiengang und Slavko als dicke Freunde im sich potenzierenden Buddy-Talk darüber, wie man sich ein Girl angelt, und wie es dem einen gelingt und dem anderen weniger. Überdruck. Hierarchie. Wettbewerb. »Es bleibt im Kopf, lass es doch mal runter rutschen«, sagt der Dozent Teo Adebisi, der analytisch akademischer vorgeht, zu dem (in der Rolle überlegenen) Remo. Die zwei großen Jungs tigern umeinander wie Raubkatzen im Käfig und legen trotz der konfrontativen Haltung rührende Sanftheit in ihre Posen. »Nehmt Euch den Raum«, fordert Adebisi sie auf – eine Formel, die nebenan von Bellstedt ähnlich mit anderer Ausrichtung zu hören ist (»Es muss gesendet werden. Es muss rein in den Raum«). Ebenso wie der Begriff »Energie«. Das klingt für den Zuschauer abstrakt und wenig fassbar. Doch die Spielsituation erhellt es konkret. Oder ein Unterrichts-Vormittag bei der früheren Reinhild-Hoffmann-Tänzerin und Bewegungslehrerin Anna Pocher. Bei ihr geht es hoch mobil und assoziativ zu, geht es um Selbstwahrnehmung, immer ums Physische und darum, die »Autorenschaft« des Schauspielers zu  befördern. Der nonverbale Text ist hier sein Ich. Atem weitet sich. 

Volles Programm, von morgens Neun bis abends Neun. Zu den Fächern für den Intensivstudiengang mit »Artist Diploma« (vergleichbar dem Master) gehören die Pantomime-Pädagogik-Methode Lecoq, »Biografie«, Grundlagen, Körpertraining, Fechten, Akrobatik, Sprechtechnik, Gesang, Medien- und  Theaterkunde, Dramaturgie; später kommt noch Film dazu. »Wir sind immer in der Evaluation, um den optimalen Studiengang zu finden«, sagt Esther Hausmann über sich, ihre Dozenten-Kollegen und Lehrbeauftragten. 

Zurück zur Klasse Bellstedt, wo Leo und Anne eine Szene aus Roland Schimmelpfennigs kleinem Mittsommernachtstraum »Die Zwiefachen« einstudieren. Beide tragen rote Socken, die sie sich hochziehen. »Ich brauch’ was fürs Herz«, swingt ein Schlager. Sie tänzeln Hand in Hand wie ein Tanzschulpaar herein, hopsen nach Abzählreim, steppen. Stellen auch ihre zwei Paar Schuhe achtsam nebeneinander. Na ja, sagt Bellstedt später, »so viel erzählt das Schuh-Detail auch nicht«. Endless Love von Teenagern mit Verfallsdatum. Romeo und Julia auf dem Dorfe, 140 Jahre nach Seldwyla. 

Es sei »eine komplette Liebesgeschichte, vom Verlieben bis zum Entlieben, wie’s so geht«, sagt der blonde Leo, das lange Haar zum Büschel hochgebunden. Auf seinen grüblerischen Ausdruck angesprochen, grinst er: »Ich gucke immer so. Das ist mein Gesicht.« Sie haben ihren Text, aber das andere ist mehr: Annäherung, Zuwendung, Abkehr, Streicheleinheiten, Zärtliches manchmal mit Hintergedanken – Fragmente einer Sprache der Liebe, zerlegt in Körper-Miniaturen. Zwischendurch flüstert bestätigend die Dozentin Bellstedt, die mir vorkommt wie Katharine Hepburn, wenn sie Spencer Tracy umcirct und gleichzeitig liebevoll zurechtrückt: »Schön« oder »gut«. Nach dem ersten Durchlauf sagt sie: »Alles richtig. Bisschen zu richtig«. Das wird sich im Prozess der zwei konzentrierten Stunden ändern. »Die ganze Kurve noch mal«, wie Leo sagt, noch mal und noch mal. Zum einen wie unters Mikroskop gelegt, andererseits sub specie aeternitatis. Was da an Subtext aufgefüllt, an Schichten eingelagert, an Valeurs aufgetragen, an Bedeutungen mitgedacht wird. Tiefenbohrungen an der Oberfläche. Das Überprüfen und Austesten hat etwas Luxuriöses, anders und doch vergleichbar mit der privilegierten Situation der psychoanalytischen Sitzung, die ebenfalls zur kompletten Entfaltung einlädt und keinen Seelenwinkel als Dunkelkammer belassen muss. 

Häufig, sagt Esther Hausmann, ließe sich im zweiten Jahr eine Krise beobachten, wenn die Frage ›Wer bin ich?‹ gestellt, aber noch nicht beantwortet ist, wenn alte Muster abgelegt, Selbstbilder unscharf geworden sind. »Die Schilder ›Betreten verboten‹ müssen abgebaut werden.« Reflexion und Introspektion, das körperliche und daraus resultierende emotionale Ausforschen sind ein Spezifikum von Folkwang, der einzigen NRW-Schauspiel-Hochschule unter den 17 deutschsprachigen. Vielleicht ist im Vergleich die Berliner Ernst-Busch-Schule tendenziell handwerklicher orientiert. Beim jährlichen Intendanten-Vorsprechen der Abschluss-Jahrgänge in Neuss, Berlin und München weiß man das.  

Spürbar wird es auch im Unterricht mit neutralen Masken, Larven, Charaktermasken. Unendlich geduldig, akribisch, ausdauernd sich selbst gegenüber. Unendliche Selbstüberprüfung. Die Studenten kriegen ein Problem – ein Requisit – und spielen sich daran ab: Klappstuhl, Notenpult, Hula-Hoop-Reifen, Besen. Achtung, Slapstick!, der stets Kampf mit der Tücke des Objekts ist und eine Studie des Scheiterns. Man erkennt die Absicht und ist neugierig gestimmt. Die Aufgabe heißt: mal die Situation vergrößern, mal sie verkleinern. Der Besen bockt und blockt. »Das ist schon ein Kunstproblem«, findet Prof. Rascher. Erst mal alltäglich anfangen: Der Schmutz soll und will nicht weg. Was ist natürliches Verhalten? Inwiefern macht der Körper sich frei von Überlegungen und Steuerungs-Mechanismen oder wird vom Bewusstsein gelenkt. Gliedermann / Gliederfrau mit Geist. Man denkt an Kleists Essay »Über das Marionetten-Theater«. 

Ein paar Tage darauf folgt das »Duo-Zeigen« in kleinem Kreis, etwa 25 Kommilitonen und Lehrende versammeln sich in den recht kalten Räumen, manche im dicken Mantel oder mit Schal, andere im bloßen Hemd. Temperatur misst sich hier anders, indem die anwesende kritische Masse als Sympathie-Träger wirkt. Die gedrängte Aufmerksamkeit schafft einen Resonanzraum, der das Spiel motiviert. Klar, was sonst! Aber als Zuschauer lässt man doch oft die befeuernde Wechselwirkung außer Acht. Das häufig begleitende Lachen, kenner- und komplizenhaft, bezieht sich weniger auf die pointierte Szene, als mehr auf die Art und Weise, wie die Situation hergestellt ist. Handwerker unter sich, die Kunstfertigkeit – lässige Präzision, die manchmal nur im kleinen Finger sitzt, einen eigenen Ton, eine Körperhaltung – zu schätzen wissen. Übersehen wird nichts. Spielen wie aus dem Effeff – mit drei gelben Balken.

Vom 4. bis 6. Februar 2016 zeigen im Theaterzentrum Bochum die zehn Absolventen des Studiengangs Schauspiel 2015/16 ihre freien und eigenen Projekte, die zur Folkwang-Besonderheit im letzten Ausbildungsjahr gehören. 

www.folkwang-uni.de/schauspiel

Bühne
02 / 2016

Die Stunden, da wir viel voneinander wussten


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