Reise durch die Nacht. Foto: Stephan Cummiskey

EIN ZUG INS ICH

Katie Mitchells großartige »Reise durch die Nacht« 

 

TEXT: ULRICH DEUTER

Auf die Bühne der Halle Kalk hat Alex Eales einen Eisenbahnwaggon gesetzt, ein Modell aus der Zeit der Abteile. Es ist Nacht; nur das vorletzte Coupéfenster links ist erhellt, im Lichtfeld eine Frau vor einem Mikrofon. Sie wartet. Was geschieht, geschieht darüber: Auf einer Projektionsfläche über dem stillen Nachtzug in Bühnenbreite huschen Bilder eines Bahnhofs im Regen, verwischte Schemen von Menschen, von Zügen, von Abfahrt. Von Melancholie.

Da geht unten ein weiterer Lichtfleck an und erlaubt den Blick durchs Fenster in ein Abteil, das ein Mann und eine Frau eben betreten haben, ein Schaffner in Uniform hantiert mit Gepäck – Beginn eines Theaterfaszinosums. Um die Erzählung »Reise durch die Nacht« von Friederike Mayröcker zu dramatisieren, einen gewaltigen, von existenzieller Unruhe getriebenen Bewusstseinsstrom, ein nervöses, verzweifeltes Suchen und Zucken und Fallen, perfektioniert die britische Regisseurin Katie Mitchell die von ihr geliebte Verbindung von Video und Schauspiel auf atemberaubende Weise. Still und stumm spielen Julia Wieninger und Daniel Betts das Paar im Abteil, die namenlose Frau, die im Text »Ich« sagt, und den Mann Julian. Aber mit bohrendem Nachdruck und aus ungewöhnlichen Winkeln rückt die Videokamera den beiden zugleich so nah, dass die Bilder, die sie über sie close up projiziert, wie Bilder nicht von Haut, Poren, Augen wirken, sondern wie von dem dahinter.

Die Kamera, die draußen vor dem Abteilfenster steht, rollt auf einer Schiene nach rechts, und der Film oben zeigt den Zug nach links langsam abfahren. Die Frau und der Mann geraten aus dem Blick, Landschaft erscheint. Die Fahrt beginnt, eine nächtliche Zugfahrt von Paris nach Wien – die Reise der Frau in die Nacht ihrer Gedanken, zurück in die Kindheit, zum »Pfeifenvater«, mit dem »alles zusammenhängt«. Julia Wieninger zeigt ein Gesicht von unerträglicher Intensität, zum Bersten gefüllt mit Schmerz – wortlos, denn der Wirbel der Erinnerungen und poetischen Wischbilder kommt aus dem Mund jener anderen Frau (Ruth Marie Kröger) vor dem Mikrofon. Sich wälzen im Doppelstockbett; Wanken im Zugkorridor; Licht vorüberhuschender Städte; Abschweifungen, Rückschweifung: Ein Teil des Zuges öffnet sich, ein Stube wird sichtbar, ein Tisch, eine Puppe – der Vater, seine Gewalt.

Selten eine solche Verschränkung erlebt: Technik, visuelle Tricks, Kameraleute; Unmittelbarkeit des Spiels und sein Gemachtwerden, alles in äußerster Exaktheit und die Suggestion nächtlicher Zugfahrt, die dem Abend Traumflügel verleiht, nur noch erhöhend. Wobei das Making-of die kongeniale Analogie zum selbstreflexiven Schreiben übers Schreiben darstellt, das Mayröckers Erzählung von 1984 durchzieht. Während aber dort immerzu vom Scheitern die Rede ist, ist hier nur Gelingen.

www.buehnenkoeln.de

 

Bühne
11 / 2012

EIN ZUG INS ICH

Von: ULRICH DEUTER