Constanze Becker als Medea. Foto: Birgit Hupfeld

EINE WUCHT

Die Schauspielerin Constanze Becker: Beim Duisburger Theatertreffen ist sie in Michael Thalheimers Frankfurter Inszenierung als »Medea« zu sehen, die auch zum Berliner Theatertreffen im Mai eingeladen ist.

 

TEXT: ANDREAS WILINK

Der Titel war gut gewählt: »Die Spielwütigen«. Andres Veiels Langzeit-Dokumentation von 2003 begleitet vier Eleven der Berliner Ernst-Busch-Schule. Eine im Quartett ist die bei Lübeck geborene Constanze Becker. Nach einem halben Jahr rät man ihr, das Studium aufzugeben. Anfangs fehlte es an Selbstvertrauen, sie hadert mit der Methode des Unterrichts. Aber nach der Prüfung kann sie sagen: »Es war fast zu einfach«. Sie will – auch intellektuell – gefordert werden, zeigt nachgerade Symptome von ADS, wenn Routine ins Spiel kommt (übrigens darin ähnlich ihrem ebenfalls norddeutschen Kollegen Devid Striesow, mit dem sie die Schule teilte, später das kurze Engagement am Düsseldorfer Schauspielhaus und den Auftritt in Gorkis »Sommergäste«). Professionell abgeklärt sagt Becker in Veiels Film mit Blick auf die Gefräßigkeit ihres Berufs: »Ich gebe schon eine ganze Menge von mir auf, und ohne das geht es auch nicht.«.

Man spürt die festgefügte Sicherheit, das streng Entschiedene, den denkenden Ernst und das unbekümmert Selbstverständliche ihrer Bühnen-Erscheinung. Constanze Becker wurde in weniger als zehn Jahren, vor allem in ihrer Zeit am Deutschen Theater Berlin und seit 2009 am Schauspiel Frankfurt, zur ersten Tragödin ihrer Generation. Anfangs in Leipzig engagiert und bereits dort im großen Format, als Schillers Elisabeth zu sehen, fand sie am Düsseldorfer Gründgens-Platz zweite Heimat, die vornehmlich an einen Regisseur gebunden war: Sie traf auf Jürgen Gosch, in dessen Inszenierungen die Grenze zwischen Interpret und Figur, Realitätssinn und Illusionsraum, Distanz und Identifikation, Kunstfertigkeit und Alltag absolut in Auflösung gerät.

UNERSCHROCKEN BLICKT SIE DIE WAHRHEIT AN

Bei ihm spielte sie in  »Sommergäste« die Ehefrau des Bassow, eines Mannes ohne Eigenschaften, der sie wie absichtslos, aus Gedankenlosigkeit und Gleichgültigkeit schlecht behandelt. Beckers Warwara hatte glasklaren Verstand und unsentimentales Bewusstsein, hatte die Statur der großen Leidenden, auch wenn sie zu matt und bescheiden ist, um Heldin eines Dramas zu sein. Als habe sie irgendwann beschlossen, dass es leichter sei, es mit dem Lieben ganz zu lassen. Sie gibt sich nicht mal die Mühe eines spöttischen Tones. Diese Untergeherin bleibt sachlich und hat die Was-geht’s-mich-an-Geste einstudiert. Unerschrocken blickt sie die Wahrheit ihres Lebens an. Auch in Goschs »Onkel Wanja« von Tschechow, nun schon am DT Berlin, als Andrejewna: keine kokette Flirtnatur, sondern eine desillusionierte junge Frau in reflektierter Bitternis.

Je größer die Schicksalsmacht, desto zurückhaltender das Spiel Beckers – ihre Übersetzungsleistung. Für die zur »Schauspielerin des Jahres« 2008 gekürten, vom Spiegel zur »Fachfrau für verschattete Seelen« erklärten Nestroy- und Gertrud-Eysoldt-Preisträgerin Becker erfüllt sich das tragische Bewusstsein in den Arbeiten mit Michael Thalheimer, der nach der ersten Begegnung mit ihr wusste: »Mir war sofort klar, dass sie Klytaimnestra in meiner ›Orestie‹ sein muss.« Als diese kippt sie sich, gekleidet in Unterwäsche, direkt zu Anfang einen Eimer Theaterblut über den Kopf – und gut ist.

DAS GEHEIMNIS IHRER DARSTELLUNGEN

Danach bleibt Zeit für eine Zigarette, ein Brötchen und ein Bier. Das ganze Grausen hat sich mit einem Schwapp erledigt. Der Horror der Atriden ging durch den Waschgang. Auch die Antigone,  Mutter John in Hauptmanns »Ratten« und die antike Mutter-Mörderin »Medea« des Euripides in der zeichenhaft strukturierten Frankfurter Inszenierung sind von einer Wucht, in denen das Leiden leuchtet und das Humane Gestalt annimmt. Constanze Becker hat Stil, wenn Stil, so Goethe,  »auf den tiefsten Grundfesten der Erkenntnis beruht«.  

Ihr Geheimnis und das ihrer unbedingten Darstellungen mag mit ihrer instinktiven Verweigerung falscher Töne zu tun haben und auch damit, dass sie Pathos gegenüber skeptisch ist und versucht, »die Emotion aus dem Inhalt zu filtern, nicht aus der Form, die den Inhalt vertritt«. Die Perfektion des Herstellen-Könnens, die Präzision des Handwerklichen, die Trennung von Arbeitsprozess und persönlicher Verstrickung gehört zu den stupenden, bisweilen irritierenden Qualitäten der Ernst-Busch-Schüler, die mit einem Fingerschnippen alles hinzukriegen und das Extremste sportlich zu nehmen scheinen: Emotion ebenso wie psychologische Tiefenschärfe, Exaktheit wie Lässigkeit.  

Becker, die als Zwölfjährige über 30-mal Bob Wilsons »Black Rider« am Hamburger Thalia-Theater sah und von dessen magischem Glühen initiiert wurde, die von sich sagt, »altmodisch« zu sein, die es mag, einfach zu Hause zu sein mit Mann und Kind und die mit Glanz und Gloria nichts im Sinn hat, empfindet es als »Reiz, das Unvorstellbare darzustellen«. Gerade auch als Medea. Im leeren, grabdunklen Bühnenraum ist diese Frau so fern und fremd wie nur möglich. Nicht von dieser, von unserer Welt. Entrechtet, verstoßen, gedemütigt, ins Mark getroffen.

Und doch: souverän, frei, autonom und absolutistische Herrscherin im Reich des Gefühls und Handelns. Frau, Schmerz, Wunde, Schrei. In Auflösung begriffen, durchnässt von Tränen und Schweiß, Blut und Schminke. Wie in einen Abgrund schaut man, in dessen Tiefe sich die Tragödie der Ehe zwischen Medea und Iason, der Konflikt von Kolchis und Griechenland, der Bruch in der Übereinkunft mit der Natur vollzieht. Bis Medea am Ende – verwandelt und in Form gebracht, gereinigt, frisiert und fein  angezogen – sich davon macht. Durchhalten und weitergehen. Aufrecht in die eigene einsame Hölle der Selbstbegegnung.

AUS DEM GLEICHGEWICHT

Das Duisburger Theatertreffen im Überblick

Die auf zwei Etagen angeordneten Hängeboxen, in denen Dorfrichter Adam, Schreiber Licht und die übrigen glauben konnten, nur eigenen Interessen und Zielen nachzukommen, sind abgebaut. Nun wird die Bühne von einer riesigen hierher und dorthin kippenden Metallwippe dominiert. Justitias Waage ist aus dem Gleichgewicht geraten – nicht nur in »Der zerbrochne Krug«. Die schwankende, höhere Prinzipien aushebelnde Wippe, die Peter Baur für die vom Hamburger Thalia Theater kommende Inszenierung (Regie: Bastian Kraft) gebaut hat, illustriert, wie die Justiz in Kleists abgründiger Gerichtskomödie instrumentalisiert wird.

Sie könnte Wahrzeichen des Duisburger Theatertreffens 2013 sein. Unter dem provokanten Motto »Kurzer Prozess« sind im Stadttheater Produktionen zu sehen, die sich mit Fragen nach Recht und Gerechtigkeit beschäftigen. Der Schauspieler Philipp Hochmair ist zweimal dabei. Er spielt in Kleists »Krug« einen wendigen Adam, der sich mit bübischem Charme aus der Affäre ziehen will. Und bietet das Solo in einer Bearbeitung von Kafkas Roman »Der Prozess«. Die um sich selbst kreisende Maschinerie, in der sich Josef K. verfängt, erweist sich in dem vielstimmigen Monolog als Ausgeburt einer zerrissenen Psyche. Dieser Josef K. ist sein eigener Gefangener und sein eigener Richter.

Gefangen im eigenen Wahn ist auch André Jungs John Gabriel Borkman in Armin Petras’ Ibsen-Inszenierung (Münchner Kammerspiele). Der ehemalige Banker, wegen Betrugs im Gefängnis gewesen, glaubt immer noch, ihm sei Unrecht geschehen, und versteigt sich in absurde Machtfantasien, während seine Familie auseinanderfällt. Der Schlaf der Vernunft gebiert ein irrwitziges Hysterien-Spektakel, in dem sich das fabelhafte Ensemble (u.a. Wiebke Puls und Hildegard Schmahl) zu Furor steigert.

Außerdem dabei Brechts »Leben des Galilei« (Theater Bonn), Wedekinds »Frühlings Erwachen« (Jugendclub Spieltrieb) und das Solo »Die Stunde der Wahrheit« von und mit Hadi Khanjanpour. | SAW

Duisburger Theatertreffen: 8. bis 22. März 2013. Servicebüro: 0203/3009-100

 

Bühne
03 / 2013

EINE WUCHT

Von: ANDREAS WILINK