Mütter und Kinder in Hauptmanns »Ratten«, chorisch von Volker Lösch in Düsseldorf. Foto: Sebastian Hoppe

FAST WIE IN WIRKLICHKEIT

Volker Lösch inszeniert "Die Ratten" in Düsseldorf.

TEXT: ANDREAS WILINK

Fast so etwas wie das Müttergenesungswerk des Jahres. Im Düsseldorfer Schauspielhaus, wo schon Einar Schleef – als falsch oder richtig verstandener Lehrmeister Volker Löschs – seine »Salome« in krasse Pathos- und Panik-Pirouetten getrieben hatte, inszeniert Lösch (zehn Jahre nach seinen berühmten Dresdner »Webern«) wiederum Hauptmann. »Nur der Chor ist wahr, das Individuum lügt«, zitierte der geniale Form-Fanatiker Schleef. Wahr-Sprecher waren auf Löschs Bühnen unter anderem Migranten, extreme Linke, Kriminelle, Sexarbeiterinnen, Sinti & Roma und sind jetzt in »Die Ratten« entfernte Verwandte der Pauline Piperkarcka, jenes polnischen Dienstmädchens, die ihr Kind ledig zur Welt bringt und in ihrer Not beinahe ertränkt. Sie stirbt von Mörderhand, weil Frau John den Säugling als ihr Fleisch und Blut ausgibt und ums Verrecken nicht hergeben will.

Das ist die Hintertreppentragödie bei Hauptmann. Auf einer zweiten Etage haust Theaterdirektor Hassenreuter, der dem Kandidaten Spitta Schauspielunterricht gibt. Spitta lehnt sich auf gegen das klassisch hehre, hohle Ideal seines Lehrers und bekennt sich zur sozialen Relevanz des Naturalismus. Lösch ist eher auf Spittas Seite und Anti-Hassenreuterianer. Aber irgendwie nimmt er auch Spitta nicht für voll (immerhin eine ironische Haltung zu sich selbst), wenn der am Ende auf der leeren Bühne Purzelbaum schlägt mit seinem Christoph-Schlingensief-Wuschelschopf und sein Pamphlet vorlesen lässt: »Tötet Hassenreuter, denn Hassenreuter tötet das Theater«. Wir wollen jetzt theatrale »Tötungsdelikte« gegen Helmut Kohl oder Sabine Christansen nicht wieder aufrollen. Im alten Hassenreuter Theater deklamiert man mit falscher Emphase »Die Braut von Messina«. Mit diesem Hassenreuter, den Rainer Galke als schmierige Witzfigur hinschwitzt, ist kein Theater zu machen. Nicht mal in Düsseldorf. Spitta, in Jeans und Leder, revoltiert mit Parolen von Gegenwärtigkeit und der Sprache des Lebens. Diese Sprache hören wir dann sechzehnfach: Alleinerziehende Mütter berichten von Burnout, Allein- und Verlassen-Sein, faulen, flüchtenden, feiernden, abwesenden Vätern, Problemen am Arbeitsplatz, mit der Miete, der Psyche, dem Selbstwertgefühl, mit allem. Da soll was nicht zusammen passen, und wir sollen es merken. Ist auch nicht so schwer. Die Hassenreuter-Popanzerei (mit kleinen dummen Scherzen zur Düsseldorfer Intendanten-Suche) kann kein Mensch ernst nehmen.

Was aber setzt der Wirklichkeits-Enthusiast Spitta (Urs Peter Halter) dagegen? Eine mit Handkamera verwackelte Reality-Soap über die John-Tragödie mit Live-Statements der Beteiligten – richtig schön schlecht gespielt. Die John-Tragödie ist also noch falscher, als das falsche Schauspieler-Gewese im Zigaretten- und Alkohol-Dunst des Proben-Geschwafels. Wobei die TV-Serie dann auch noch für die Bühne umgearbeitet und hingebarmt wird in prekärem Küchenrealismus, so dass Claudia Hübbecker in der John-Rolle und Anna Kubin als Piperkarcka unter schwarzen Zottelperücken Gelegenheit haben, den feministischen Standpunkt zu beziehen und gegen das Männer-dominierte Theater und den Verschleiß als Schauspielerin aufzubegehren – wie die echten Mütter in ihrer Alltags-Realität.

Das ist kein Stück am Stück. Vielmehr »Die Ratten« zu Material geschreddert. Keines der Hauptmann-Originale ist von Interesse, während die Theorie, die Lösch sich mit den Verschraubungen leistet, zwar dürftig und bescheiden, aber tatsächlich ganz lustig ist. Was bleibt übrig? Der Chor! Aber nicht der brechtisch-epische-vielstimmige, der den tödlichen Schluss der John-Tragödie in massiver Attacke in grauen Filz-Kitteln vorträgt und 16-fach als Frau John mit der Bühnenmaschine untergeht.

Wenn zum satirisch aufgekratzten Finale die Hassenreuter-Clique das umbenannte »Burg-Schauspielhaus Düsseldorf« mit Celebrities und Promis bespaßen will, ist das nur ein Schmuh. Und ein Schmuh ebenfalls, wenn sich Spitta ins Doku-Theater fantasiert, wo Laien die Profis ersetzen und arbeitslos machen. Was bleibt, ist der wahre Chor, sind die 16 Mütter, die ihre soziale Misere als Menschen dritter Klasse schildern, anklagen, Respekt verlangen, die Politik und jeden von uns fordern, bevor – rhetorisch unüberbietbar – ihre Kinder stumm aufgereiht dastehen und der Vorhang sich schließt.

Eine lächerlich dürftige Wirklichkeits-Bilanz.

Bühne
02 / 2015

FAST WIE IN WIRKLICHKEIT

Von: Andreas Wilink


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