Im Abendkurs Integration lernen, dabei die Identität von A bis Z auf den Kopf stellen und ganz schön konfliktfähig werden – Yael Ronens »The Situation« aus Berlin. (Foto: Ute Langkafel, MAIFOTO)

»Stücke« in Mülheim: Gegenwarts-fit

Wie finden wir das jetzt? - Fünf Jurorinnen-Thesen zur Mülheim-Auswahl der »Stücke« 2016

TEXT CHRISTINE WAHL

»Die reine Flucht ins Private«, stöhnte Claus Peymann – meinungsfreudiger Intendant des Berliner Ensembles mit großen Entertainment-Qualitäten – in einem Zeitungsinterview, als er über den Status quo der dramatischen Literatur befragt wurde. Es gehe allenthalben um »Probleme, die Autoren mit ihrer Großmutter haben oder dem Papi oder ihrem Pimmel«. Das Statement ist zwar ein paar Jahre alt. Die in ihm formulierte Diagnose allerdings hat Dauerbrenner-Charakter. »Die Texte werden schmaler, die Welt, die sie fassen, immer enger«, reaktivierte erst vor wenigen Wochen Peter Stoltzenberg (vormals Chefdramaturg der Freien Volksbühne Berlin sowie Intendant in Heidelberg und Bremen) die Peymann-Klage in einem Zeitungsessay. Sitzt man in der Auswahljury für die Mülheimer Theatertage und liest bzw. schaut sich tatsächlich durch die circa hundert Stücke, die in Deutschland, Österreich und der Schweiz pro Saison uraufgeführt werden, fragt man sich, wo die geschätzten (Theater-)Kollegen eigentlich auf all diese läppischen »Beziehungskisten« (Stoltzenberg) stoßen, die sie da unisono anprangern. Der Jury jedenfalls blieb der Eskapismus in privatistische Boy-meets-Girl-Dramolettchen auch für 2016 weitgehend versagt. Stattdessen hätte sie – rein quantitativ betrachtet – mindestens drei Festivals zur gegenwärtigen Flüchtlingsthematik kuratieren können.

Kurzum: Die »Welt«, die zurzeit dramatisch zu »fassen« versucht wird, könnte – so die erste Erkenntnis aus den Juryreisen der vergangenen zwölf Monate – gar nicht größer sein. Dass das Theater in seinem menschlich nachvollziehbaren Aktualitätswillen dann künstlerisch auch gern mal hinter dem Niveau einer Zeitungsreportage zurückbleibt, steht auf einem anderen Blatt. Und erklärt, weshalb sich die Jury letztlich nur auf einen Abend zum Thema einigen konnte; dies allerdings mit souveräner Stimmenmehrheit: Yael Ronens Stückentwicklung »The Situation« vom Berliner Maxim Gorki Theater verdichtet die globale (Konflikt-)Lage gewissermaßen in einem lokalen Abendkurs. Ein Syrer, eine Palästinenserin und ein jüdisch-arabisches Ehepaar aus Jerusalem versuchen, beim redlichen Pädagogen Stefan im Szenebezirk Berlin-Neukölln gemeinsam »Deutsch als Fremdsprache« zu lernen und geraten schon bei Lektion Eins – Wer bist du? – in Konflikte und Identitätsdebatten, denen selbst auf gepflegtem C1-Niveau schwerlich beizukommen wäre. Dass sich das Lost-in-Translation-Gefühl, das die Schauspieler hier auf verschiedenen Ebenen vorführen, sprachlich entsprechend niederschlägt, ist für die Aufführung absolut zwingend: Die Akteure, deren Biografien tatsächlich mit dem Nahostkonflikt verknüpft sind, sprechen vorwiegend Hebräisch, Englisch oder Arabisch – die Zuschauer sind auf Übertitel angewiesen.

Sieht man von der Flüchtlings-Frage einmal ab, lassen sich – so die zweite wesentliche Beobachtung aus dem Jury-Reisekoffer – im dramatischen Gesamtjahrgang glücklicherweise genauso wenig thematische Trends ausmachen wie in der schlussendlichen Festival-Auswahl. Allerdings zeigt sich durchaus etwas, das man vielleicht als seismografische Gegenwarts-Fitness bezeichnen könnte. Viele Theaterautoren setzen sich mit Gesellschaftsdebatten auseinander, die kurz vor (und manchmal auch erst kurz nach) ihnen gleichermaßen die Massenmedien für sich entdeckt haben. So beschreibt etwa Wolfram Höll, Gewinner in Mülheim 2014, in seinem neuen (und von Thirza Bruncken am Schauspiel Leipzig urinszenierten) Text »Drei sind wir« das kurze Zusammenleben eines Elternpaars mit seinem an einer tödlichen Trisomie leidenden Kind: ein Stoff, der infolge pränataldiagnostischer Medizin-Fortschritte jüngst monatelang das Debattenfeuilleton dominierte.

Sibylle Bergs »Und dann kam Mirna« knöpft sich wiederum das weite (und entsprechend regelmäßig neu hochköchelnde) Diskussionsfeld um die vermeintlich korrekte Mutterschaft vor. Und auch das Sujet, mit dem sich der Mülheim-Debütant Thomas Melle in »Bilder von uns« beschäftigt, kennt man aus Reportagen und Leitartikeln. Melles Protagonist, der Journalist Jesko Drescher, bekommt von einem anonymen Absender ein Foto aufs Handy geschickt, das ihn als zwölfjährigen Jungen zeigt – nackt. Jahrzehnte nach Schulabschluss müssen er und seine ehemaligen Mitschüler sich damit auseinandersetzen, an ihrem katholischen Elite-Gymnasium möglicherweise Opfer systematischen Missbrauchs geworden zu sein.

Allerdings weicht Melle – wie auch seine Dramatiker-Kolleg/innen – vom üblichen »Aufreger«-Debattenton gänzlich ab. Ihm geht es weniger um die Fallaufklärung an sich als vielmehr um die Frage, wie sich Missbrauchserfahrungen in Biografien einschreiben. Wohlgemerkt im Plural: Die vier Betroffenen, denen das von Alice Buddeberg am Theater Bonn adäquat in Szene gesetzte Stück folgt, ringen mit höchst unterschiedlichen Strategien um die Deutungshoheit über die eigenen Geschichten. Beim Journalisten Jesko setzt statt des Aufklärungsfurors ein akuter Selbstschutzreflex ein: Wer sagt eigentlich, dass lückenlose Fall-Aufklärung immer – und vor allem für jeden Betroffenen – die individuell gesündeste Entscheidung sein muss?

Was uns zu These Drei führt: (...) 

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Die sieben ausgew ählten »stücke « laufen während des Fes tiva ls in Mülheim vom 7. bis 26. M ai 2016.

Bühne
05 / 2016

»Stücke« in Mülheim: Gegenwarts-fit