Pina Bausch tanzt ein Solo in »Danzón« (Ausschnitt). Foto: © Jochen Viehoff

Geplante Planung

In Wuppertal wird das Pina-Bausch-Zentrum vorbereitet. Eröffnung frühestens 2022. Und was ist der Stand der Dinge?

Text Andreas Wilink

Das Stück, das Pina Bausch mit ihrem Tanztheater 1984 kreierte, heißt: »Auf dem Gebirge hat man ein Geschrei gehört«. Und weil Wuppertal eine Stadt im Bergischen ist, darf man sich diesen Titel ablauschen für das lokale wie nationale und letztlich internationale (interdisziplinäre sowieso) Projekt »Pina-Bausch-Zentrum«. Zukunftsmusik, was gleich viel harmonischer klingt.  

Vier Akteure sind beteiligt und mindestens drei Geldgeber. Das allein macht es kompliziert. Selbst wenn man bei jedem guten Willen voraussetzt, dürften bereits die finanzpolitischen Zuweisungs-Modi und -Regularien zwischen Bund und Land NRW so unterschiedlich sein, dass es akrobatischer Techniken bedarf, um zum rechten Moment die Gelder verfügbar zu haben und zu halten. 

Das Wuppertaler Schauspielhaus an der Kluse wird das Zentrum beherbergen. Für die Baumaßnahmen sind 50 Millionen Euro veranschlagt; addiert man 20-prozentige Mehrkosten hinzu, wären es 60 Millionen. Die Hälfte davon, exakt: 29,2 Millionen, hat der Haushaltsauschuss des Bundestags bewilligt, nachdem im Koalitionsvertrag die Wahrung des Erbes von Pina Bausch als national bedeutsam festgeschrieben wurde. (Die Einlassung darf sich Oliver Scheytt zur Ehre anrechnen.) Das Bundes-Geld kann ab 2018 fließen. 

Über den Entscheid brach Ende 2015 Jubel in Wuppertal aus, als stände in Güllen Claire Zachanassian vor der Tür. Die Stadt verkündete »große Freude«: »Durchbruch für ein Herzensprojekt«, »städtebauliches Leuchtturm-Signal«, »Symbol für die Selbstbehauptungskraft der Stadt«. Wobei man wird sagen müssen, dass die Stadt ihr Theater hatte verkommen lassen, als Gebäude und als lebensfähiger Kunst-Organismus. Das war kein »städtebauliches Leuchtturm-Signal«. Oder nur ein auf Rot geschaltetes. 

Wuppertal jedenfalls hat größtes Interesse an dem Bausch-Zentrum. Es weckt Aufmerksamkeit, verleiht Status, produziert Schallwellen und positive Nachrichten. Trägt es doch den Namen derjenigen, die mehr ist als das, was Humboldt für Berlin bedeutet. Denn das demnächst neue, in sich noch nicht schlüssige Humboldt-Forum der Hauptstadt fungiert in Köpfen der Beteiligten als eine Art Vorbild, wenngleich unter ganz anderen Voraussetzungen. Gleich aber ist der Impuls, ein Projekt von innen nach außen zu denken. Und sich, irgendwie auch interkulturell zu präsentieren. Die frühere nordrhein-westfälische Kulturministerin Ute Schäfer sah ein »national wie international bedeutendes Vorhaben, das es so für die Tanzkunst bislang nicht gibt«. 

Was beinhaltet das Zentrum, für das noch keine Rechtsform und kein Betriebsmodell existiert, über das jedoch ein Lenkungsgremium von 20 Personen aller involvierten Partner seit drei Jahren berät? In Wuppertal (und gewissermaßen von dort aus in die Welt) gibt es neben der Stiftung mit Pinas Sohn und Alleinerben Rolf-Salomon an der Spitze natürlich die von der Stadt getragene Compagnie – das Tanztheater, das soeben mit der Berufung von Adolphe Binder die Interims-Phase nach dem Tod der Prinzipalin 2009 beendet hat. Einerseits geht es um die wichtige Pflege und Weitergabe des Erbes, lebendig in den Choreografien aus dreieinhalb Jahrzehnten und demnächst durch den Neuanfang. 

Also das Tanztheater, dann die Pina Bausch Foundation mit dem Bausch-Archiv, drittens eine Produktionsstätte für Tanz und spartenübergreifende Aufführungen (klingt etwas wie Chris Dercons künftige Berliner Volksbühne) und schließlich als vierte Säule ein kaum skizziertes Bürgerforum »Wupperbogen« sind die Teilhaber des Zentrums. Dies letztere partizipativ gedachte Modell werde »am längsten unkonturiert bleiben«, sagt Ulrich Bieger vom beauftragten, zentral zuständigen Kommunikationsbüro in Wuppertal; es habe im Übrigen aber »nichts zu tun mit einem Tag der offenen Tür«. Workshops für Bürger, wie sie der Chef des Wuppertaler Gebäudemanagements, Hans-Uwe Flunkert, ankündigt, könnten helfen, Klarheit zu bringen und Bedürfnisse abzufragen. Das Quartett mit unterschiedlichen Funktionen und Bedürfnissen (Bühne, Probenräume, Archiv-Speicher,

Podium für Seminare, Kongresse etc.) teilt sich das Areal samt Parkplatz und Pavillon; dabei ist angesichts des Denkmalschutzes über mögliche Anbauten an das Schauspielhaus speziell zu entscheiden. 

Das Nutzungskonzept stammt von Stefan Hilterhaus,dem künstlerischen Leiter von PACT Zollverein.

Zu bemerken ist, dass in Essen, der Stadt der Folkwang-Hochschule, an der Pina Bausch studiert hat, dass also 35 Kilometer entfernt von Wuppertal ein Tanz-Zentrum bereits existiert bzw. sich erweitern ließe; so wie auch in Düsseldorf mit dem Tanzhaus NRW eine Basis geschaffen wurde. Aber NRW wirbt ja mit dem Slogan »Tanzland«, Ulrich Bieger spricht hier von »Ergänzung«; das Kulturministerium sieht in dem Zentrum ein »weiteres Alleinstellungsmerkmal«. Zunächst sucht man ein »Gesicht« für die Position des Gründungsdirektors. 

Und die Foundation? Elf Partner und Sponsoren listet sie und formuliert ihre Mission so: »to preserve the artistic legacy of the great dancer and choreographer; to keep it alive and carry it on into the future …«. 

28 Mitarbeiter gehören der Stiftung an. Sie finanziert sich nicht allein aus dem Nachlass Pina Bauschs und den Tantiemen aus (Autoren-)Rechten an den Aufführungen. Bund, Land NRW und die in Wuppertal ansässige Jacktädt-Stiftung tragen sie finanziell erheblich mit. Das Kulturministerium etwa fördert das Bausch-Archiv mit derzeit jährlich 200.000 Euro, wobei die Zuwendung bislang jeweils für einen Zeitraum von drei Jahren und damit über 600.000 Euro verbindlich erfolgt. Mehrere Versuche, von der Bausch-Foundation eine Stellungnahme zu erhalten, blieben unbeantwortet. 

»Legt man neun Planungsphasen zugrunde, befinden wir uns in der Phase 0«, hieß es vor kurzem aus Wuppertals Stadtverwaltung. Wie Ulrich Bieger sagt: »im Stadium der Planung der Planung«. Realistisch ist ein Baubeginn im Jahr 2019. Wenn das Zentrum stünde (vor 2017 wird es voraussichtlich keine Ausschreibung für einen Architekten-Entwurf geben) und wenn alle Partner unter einem Dach versammelt wären, braucht es ein Budget für das Bespielen. Wer steht dafür gerade? Eine Studie über die Folgekosten hat Wuppertal in Auftrag gegeben. Über fünf Millionen Euro verfügen derzeit jährlich das Tanztheater (gut eine Million vom Kulturministerium) und die Foundation, sagt die Stadt. Da lässt sich ungefähr hochrechnen, was das Produktionszentrum und das Bürgerforum an Mitteln benötigen. Wuppertals Stadtdirektor und Kämmerer Slawig konnte sich bislang nicht vorstellen, die entsprechende Summe allein zu stemmen. 

Bringt sich der Bund ein? »Von Seiten der Kulturstiftung können wir zur laufenden Finanzierung des Hauses ab 2022 keine Aussagen treffen. Eine institutionelle Förderung durch die KSB ist aus heutiger Sicht aber höchst unwahrscheinlich und kaum vorstellbar. Aber natürlich können bestimmte Projekte auf Antrag hin gefördert werden«, heißt es dort auf Anfrage. Wobei die Kulturstiftung für den Aufbau eines Pina Bausch-Archivs von 2011 bis 2013 schon mit insgesamt 450.000 Euro dabei war. 

Für den Bestand des Zentrums grundlegend ist die Frage nach seiner Leistungsfähigkeit: Wie viele Vorstellungen können angesetzt, welche Auslastung muss erreicht sein (neben den regelmäßigen Auftritten des Wuppertaler Tanztheaters, bisher mindestens 30 pro Saison), woher soll sich das Publikum rekrutieren, wie sich konstant eine an Tanz interessierte Öffentlichkeit herbeibringen? Ob Wuppertal und die Region sich da nicht übernehmen, Tanzland hin oder her? Die Wuppertaler Kommunikations-Strategen weichen aus: Für Konkretes sei es zu früh. Aber die Einschätzung von Aufwand und Ertrag bzw. Output machten »natürlich einen nicht unwesentlichen Teil der Anträge auf Förderung an Bund, Land und Stadt aus« und hätten »offensichtlich auch überzeugende Wirkung entfaltet«. 

Keine geringe Aufgabe wird sein, u.a. für den Förderkreis Bausch-Zentrum, die Flamme hochzuhalten, zu werben, Synergie-Effekte zu schaffen, Begeisterung über die lange Frist, bis es soweit sein wird, wach zu halten; zumal um Spender und Sponsoren zu gewinnen, auf die man angewiesen ist, etwa aus der Industrie (darunter das Unternehmen Vorwerk). Mit Blick auf die mögliche Idee einer Außenbühne und Kulturinsel für das Zentrum über der Wupper, lässt sich sagen: Die Kunst, übers Wasser zu gehen, ist hier insgesamt gefordert.

Bühne
04 / 2016

Geplante Planung

Von: Andreas Wilink