Nuran David Calis: »Ich bin als Agnostiker in die Proben gegangen. Aber ich komme gerade extrem ins Schwanken.« Foto: Schauspiel Köln

Gott ist nochmal was?

Am Schauspiel Köln bereitet Nuran David Calis ein Religionsprojekt zwischen Kirche, Synagoge und Moschee vor: »Glaubenskämpfer«.

Text Andrej Klahn

Gott ist was noch mal? Eines wohl nicht: tot. Oder können sich all die Menschen irren, die in seinem Namen auf die Straße gehen und in den Krieg ziehen? Am Schauspiel Köln setzt der Regisseur Nuran David Calis seine Exkursion in die deutsche Gegenwart fort. »Glaubenskämpfer« heißt sein neues Projekt. Es geht um den sozialen Sprengstoff Religion. Und um den Glauben als Sinnressource. Ein Probenbesuch.

Auf Kreisdiagrammen sieht die Realität immer so friedlich geordnet aus. Zwei solcher Torten hängen auf der Probebühne des Schauspiels Köln. Sie zeigen die weltweite Religionsverteilung. Das große blaue Stück Christentum beansprucht etwa ein Drittel des Kuchens, groß ist auch die Portion Islam, und irgendwo zwischen Daoisten, Sikhismus und Neuen Religionen findet sich eine winzige Ecke für das Judentum. Davor steht ein langer Tisch, um den herum Nuran David Calis an diesem Vormittag das Team versammelt hat, mit dem er sein neues Stück »Glaubenskämpfer« probt.

Eine Textvorlage gibt es noch nicht. Aber die Besetzung steht schon. Mit dabei: Johanna Domek, die eine Ordenstracht trägt und aus dem Benediktinerinnenkloster von der Ewigen Anbetung nach Köln-Mülheim gekommen ist. Avi Applestein einst Vorsitzender der Jüdischen Liberalen Gemeinde Köln; Dominic Schmitz, der mit 17 Jahren zum Islam konvertierte, sich danach jahrelang im Umfeld der Mönchengladbacher Salafisten-Szene aufhielt, bis ihm der Ausstieg aus dem radikalen Milieu gelang. Die drei monotheistischen Weltreligionen sitzen also auch mit in der Runde.

Aber da sich Kreisdiagramme nun mal schlecht aufführen lassen, sind Johanna Domek, Avi Applstein und Dominic Schmitz nicht als Repräsentanten ihrer Religionen gefragt, sondern als Gläubige, die ihre Lebensgeschichte in das Projekt einbringen. Was Nuran David Calis interessiert, das sind religiöse Erlebnisse, persönliche Haltungen, ans Körperliche grenzende spirituelle Erfahrungen. Und die Auseinandersetzung zwischen den Gläubigen. Lauter wurde es, als über den Koran diskutiert wurde. Ob es auf den Proben geknallt habe? Aber ja doch.

»Der Abend würde sein Thema verfehlen, wenn er nicht auch zeigen würde, dass sich alle in die Haare kriegen«, sagt Calis. Von anfänglichen Berührungsängsten spricht der leitende Dramaturg Thomas Laue. Die habe es bei den beteiligten Schauspielern genauso wie seitens der Laien gegeben. Und einen kontemplativen Orden davon zu überzeugen, dass eines seiner Mitglieder sich einer so weltlichen Angelegenheit wie dem Theaterspiel widmen darf, sei auch keine geringe Herausforderung gewesen. Für Schwester Johanna stand eines nämlich von Anfang an fest: Hätte sich ihre Gemeinschaft gegen ihre Beteiligung ausgesprochen, hätte sie absagen müssen. Ohne Diskussion.

Schlaflose Nächte habe er gehabt, nachdem Avi Applestein der Runde von seiner Begegnung mit Gott berichtet habe, eröffnet Calis die Probe. »Harvard« steht auf seinem blauen Hoodie, doch Calis’ Zugang zum Thema ist kein distanziert akademischer. Wer den Regisseur später beim Zuhören beobachtet, die Stirn auf beide Hände gestützt, lebhafte Mimik, hat den Eindruck: Hier geht es tatsächlich ans Eingemachte. Da stellen sich professionelle Schauspielerinnen und Schauspieler zusammen mit Laiendarstellern Fragen, die alle Beteiligten in ihrem Selbstverständnis berühren. Und entsprechend behutsam wollen sie formuliert werden. An diesem Tag soll es um jenen schwer fasslichen Moment gehen, in dem Schwester Johanna das erste Mal in ihrem Leben die Anwesenheit Gottes gespürt habe.  

Was und wie er das meint, versucht Calis, auf der Suche nach den richtigen Worten, mit einem Vergleich aus dem Theater deutlich zu machen. Da gebe es ja auch Momente, in denen sich die Schauspieler entblößen, ganz nackt und schutzlos vor das Publikum treten und eine Kraft spüren. Was Avi Applestein von der Stirnseite der langen Tafel bemerken lässt: »Und das verlangst Du von einer Nonne?« Doch die Nacktheit, um die es hier geht, hat mit Kleidung wenig zu tun. Und man darf vermuten, dass in den kommenden Wochen alle Beteiligten spirituell die Hose werden herunterlassen müssen.

Johanna Domek beginnt zu erzählen. So wie andere Menschen musikalisch sind, sei sie eben von Natur her religiös. Dass es einmal Schwester werden würde, wusste das Kind schon mit fünf Jahren. Ein Gefühl für die Präsenz Gottes habe sich in der Dorfkirche eingestellt, nicht nur während der Gottesdienste, sondern im Raum selbst. »Das Heilige, weit und groß«, sagt Johanna Domek so nüchtern, als erinnere sie sich an ihre letzte Urlaubsreise. »Und da war Platz auch, dass ich da gut drin sitzen konnte.« Dann der Bruch, in der Pubertät, als weltliche Interessen wichtiger wurden. Es folgte eine ziemlich wilde Zeit und mit 19 Jahren, im Rahmen einer religionswissenschaftlichen Feldforschung, der Besuch in einem Kloster. Da war »es« dann wieder. Eine schlaflose Nacht lang habe sie sich gefragt, ob diese spirituelle Erfahrung eine lebensverändernde Kraft habe. Der sichtbare Teil der Antwort ist bis heute ihr Habit.

Wenn das Theater sich mit dem Thema Glauben auseinandersetze, dann sei das Ergebnis meist zynisch oder es komme eine Komödie dabei heraus. Das hatte Nuran David Calis dem Besucher als Gebrauchsanweisung mit auf die Probe gegeben. »Wir wollen mit ›Glaubenskämpfer‹ versuchen, uns auf das Undenkbare einzulassen.« Wenn man den Diskussionen auf der Probebühne folgt, die mitgeschnitten, transkribiert und im Laufe der kommenden Wochen zu einem Text arrangiert werden, ist schwer vorstellbar, dass aus den Gesprächsprotokollen tatsächlich irgendwann mal so etwas wie ein Text entsteht, der sich szenisch auf der Bühne umsetzen lässt. 

Aber so war das schon bei »Die Lücke«, Calis’ letzter Exkursion in die deutsche Gegenwart. Damals entwickelte er seine Recherche aus der Keupstraße heraus, wo zehn Jahre zuvor eine der NSU-Bomben detoniert war. Das Ergebnis verdichtete Calis zu einem klugen, emotionalen Abend, der die Kluft offen legte, die zwischen Wunsch und Wirklichkeit im Einwanderungsland Deutschland bis heute besteht.

In »Glaubenskämpfer« setzt Calis sich nun mit unterschiedlichen Formen von Religiosität auseinander. Von ihrer alltagstauglichen Ausprägung bis hin zu extremistischen Spielarten. Ein salafistischer Prediger wird in den nächsten Tagen zum Gespräch erwartet. Zu Sven Lau, einem der führenden Köpfe der islamistischen Szene Deutschlands, hatte das Schauspiel Köln auch Kontakt aufgenommen. Doch Lau wurde im Dezember, kurz vor dem Treffen, verhaftet und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Rechtsextremistische, islamfeindliche Protagonisten, die meinen, das Abendland auf Pegida-Demos verteidigen zu müssen und sich dabei auf falsch verstandene christliche Werte berufen, könnten auch zu Wort kommen. Dieser Umweg, der »Glaubenskämpfer« durch die extremen Randbezirke der Religiosität führt, zielt direkt auf das Zentrum von Nuran David Calis’ Anliegen: zu verstehen, wie und warum der Glauben einigen Menschen ein so tragfähiges Geländer sein kann, dass er sie durch das ganze Leben führt – wohin auch immer. 

 

»Religion liefert einfache Antworten auf schwierige Fragen«, sagt der in den Proben sehr schweigsame Dominic Musa Schmitz. Er bezieht sich damit nicht auf die Ausführungen von Schwester Johanna, sondern auf seine eigene Sinnsuche, die ihn zeitweilig zum Salafisten hat werden lassen. Religion könne das Leben leichter machen, ergänzt Avi Applestein. Aber eben auch auf negative Weise. Und ein bisschen hat der Beobachter den Eindruck, als wollten sie Nuran David Calis darin bestärken, nicht aus der Rolle des Agnostikers zu fallen. »Ich habe das Gefühl, dass Nuran meint, nicht auserwählt worden zu sein, weil er diese Gotteserfahrung nicht hatte.« So formuliert es die Schauspielerin Annika Schilling. Calis ist anzumerken, dass er im Glauben nicht nur sozialen Sprengstoff, sondern auch eine Sinn-Ressource sieht. Zumal in einer Zeit, in der die Nachfrage nach Transzendenz steigt. Er komme gerade extrem ins Schwanken, sagt Calis selbst. Aus der Perspektive des nüchternen Aufklärers, der sich in der entzauberten Welt komfortabel eingerichtet hat, schaut er nicht auf sein Thema. Sein Verunsicherungstheater hinterfragt Gewissheiten. Wenn es sein muss, auch mal die des Regisseurs.

Bühne
02 / 2016

Gott ist nochmal was?


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