Silbrig-göttliche Zwillinge an der Rheinoper. Foto: Gert Weigelt

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Rameaus »Castor et Pollux« an der Rheinoper

 

TEXT: REGINE MÜLLER

Göttliches Liebesspiel: Castor und Pollux sind Söhne der Leda, gezeugt von verschiedenen Vätern – in einer einzigen Nacht. Pollux stammt von Jupiter ab und ist unsterblich, Castor dagegen sterblich. Letzterer möchte Télaïre heiraten, wird jedoch auf dem Schlachtfeld getötet. Pollux will den Tod des Bruders rächen – begehrt aber dessen Braut, was wiederum Phébé (verliebt in Pollux) vor Eifersucht rasen lässt. Nach vielerlei Wirren siegt die Bruderliebe, die den Olympier derart rührt, dass er auch Castor ewiges Leben schenkt, und die Brüder als Sternbild der Zwillinge gemeinsam mit Télaïre in den Himmel entrückt.

Erstmals hat sich Martin Schläpfer, der als Ballettchef der Rheinoper schon kultische Verehrung genießt und kurz nach Amtsantritt 2010 bereits zum Choreografen des Jahres gekürt wurde, eine Opernregie zugetraut. Lange hat er es abgelehnt, doch Jean-Philippe Rameau bot ihm für ein Nein wenig Grund. Denn in der französischen Oper generell – und bei Rameau im Besonderen – ist der Tanz in den Opernverlauf organisch integriert.

Schläpfer und die Stuttgarter Künstlerin Rosalie (Bühne und Ausstattung) haben sich auf ein modernes Konzept geeinigt. Ein aus Röhren wabenartig montiertes Lichtobjekt beherrscht den Hintergrund der Bühne und leuchtet in changierenden Farben. Rosa Tüll-Gewölk etwa veranschaulicht paradiesische Traumlandschaften. Futuristisch, sportiv martialisch sind die Kostüme aufgedonnert: Die Götter stapfen auf Kothurnen, in knisternden Metallstoffen, rot verziert, und mit bizarrem Kopfschmuck umher; Gott Amor wachsen Flügel aus dem Rücken, die ausschauen wie fürs Drachensteigen. Die Tänzer bewegen sich in Adidas-Schuhen und sind gehüllt in silbrig graue, innen farbig gefütterte Kittelkleider, lachsrot oder zartgrün.

Schläpfer bleibt unverkennbar Choreograf in der prunkvoll kostbaren Aufführung, die zeremoniell höfische Auftritte und allegorische Arabesken mit einiger Ironie arrangiert. Den Sängern steht häufig ein tänzerisches Double zur Seite, das den inneren Bewegungen expressiv körperlichen Ausdruck verleiht. Vor allem das vorzügliche Tanzensemble beherrscht die Szenerie, die darüber schier überquillt. Wiederum fasziniert die phänomenale Bewegungsphantasie, mit der sich die barocke Partitur in hoch musikalische, vibrierende Bilder übersetzt, ohne die Konvention historischer Tänze auch nur zu zitieren. Das Spezialisten-Ensemble Neue Düsseldorfer Hofmusik stattet Rameaus filigrane Musik mit edelsten Farben und mitreißendem Drive aus. GMD Axel Kober, sonst eher abonniert auf das romantische Repertoire, findet sich souverän ein in das barocke Idiom, lässt sich und den Sängern allerdings in den Dialogstrecken allzu viel Zeit.

 

Bühne
03 / 2012

GOTTVOLL

Von: REGINE MÜLLER


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