Probenszene »Prometheus«. Foto: Mau Company

KEIN MANN AUS SAMOA

Der aus der Südsee stammende Performancekünstler Lemi Ponifasio und seine MAU-Company inszenieren Carl Orffs selten gespielte »Prometheus«-Oper.

 

TEXT: ANDREAS WILINK

Im Olymp hat sich der Machtwechsel vollzogen. Die alten Götter sind gestürzt. Als Folge-Dynastie repräsentieren Zeus und die Seinen eine  Zeitenwende. »Der neue Herrscher der Unsterblichen« kommt »mit frischen Gesetzen«, wie Heiner Müller es im »Prometheus« des Aischylos übersetzt. Ein Gesetz aber gilt ehern: Der Gegner wird der Willkür des Siegers unterworfen. Prometheus trifft es hart. Seine Strafe hat sich unserem Gedächtnis eingeschrieben: Gekettet an den Kaukasus, wird  ihm Tag für Tag von einem Adler – Zeus’ »geflügeltem Hund« – die Leber zerhackt, die nächtens stets nachwächst. Unendliche Pein. Das tragische Geschehen um die Revolte zwischen Himmel und Erde endet bei Aischylos mit dem Aufruhr der Elemente. Die Welt ist außer sich.

Für die Ruhrtriennale inszeniert der aus Samoa stammende Lemi Ponifasio mit seiner MAU-Company die »Prometheus«-Oper von Carl Orff. Intendant Heiner Goebbels – darin einig mit Ponifasio, der »das demokratische Recht des Zuschauers auf Fantasie« betont – begründet seine Entscheidung »mit dem Interesse, eine Oper zu zeigen, von der ich glaube, dass sie eine wahrhaft utopische Struktur hat«. Von ihr könne das Musiktheater des 21. Jahrhundert noch eine Menge lernen. Orff biete eine radikale Alternative zur psychologisch motivierten Literaturvertonung, nehme vieles der amerikanischen Minimalisten vorweg, setze auf die Kraft des – unverstandenen – Wortes und den Klang der Sprache und widersetze sich auf moderne Weise dem Sog des 19. Jahrhunderts und einer immer noch die Oper beherrschenden Dramatik. Orff passt also perfekt zu John Cage.

Im »Prometheus«-Libretto machen Besucher dem Gefesselten ihre Aufwartung: Gott Okeanos, der ihm zur Demut rät und »die eitle Zunge zu hüten«; die von Zeus sexuell begehrte, verfolgte und von Heras Eifersucht geschlagene und tierisch verwandelte Io; sodann Hermes, der ihm Botschaft vom Herrn bringt. Doch der Gemarterte reagiert auf Zeus’ Forderung mit dem Triumph des Verschweigens: Er lässt Zeus über dessen Zukunft im Dunkeln.

DIE AUGEN SIND DUNKLE LEUCHTFEUER

Ein heißer Nachmittag im Landschaftspark Duisburg. Ponifasio lacht gern, als sei dies die Ultima ratio. Vieles findet er »funny«, nicht zuletzt sich selbst und die Ansprüche, die an ihn herangetragen werden. Die Augen sind dunkle Leuchtfeuer – weit, warm und tief. Im Gespräch, währenddessen er mehrfach die Hände über der Brust in Höhe des Herzens kreuzt und mit ihnen die Schultern berührt, um eine wiegende Umarmung anzudeuten, bleibt die Diskrepanz zwischen seinem Seinsverständnis und westlichem Denken anwesend.

So, wie er redet, ist er ein Monument »against interpretation«. Über das Wort »Methode« amüsiert er sich. Begriffe scheitern und zerschellen. Vorbilder im Theater: Nein. »Kein Theater, das in Büchern steht«. Schließlich sei er »keine Puppe des Theaters«, sondern hole es in seine Dimension, sehe, was sich hinzufügen lasse an Eigenem. Ihm geht es nicht um Repräsentation, vielmehr um Präsentation, um Präsenz und ums Präsens. Hier und Jetzt. Um den dringlichen Moment. Darum, »die Titanen in sich zu kontrollieren«.

Orff, für den Griechisch Musik gewesen sei, hat den altgriechischen Text teils neu rhythmisiert, teils im Urklang des Versmaßes belassen. Der Wechsel von Gesang und Deklamation (wobei der Komponist für die Rezitative keine Tonhöhe, Tonfarbe, Tempi etc. vorschreibt) schafft die »gestische Versinnlichung von Sprache« (Orff). Für Ponifasio hat sich, seit das Drama verfasst wurde, nicht viel verändert in der Welt. Heiner Müller schreibt, dass ihn an Prometheus »der Widerspruch zwischen Leistung und Eitelkeit, Bewusstsein und Leiden, Unsterblichkeit und Todesangst des Protagonisten« interessiert habe.

Wer ist dieser Prometheus? Durchaus ein idealer Held für Ponifasio, der sein Theater als »Geburtsstunde der Gegenwart« betrachtet, von »emotionaler Therapie« spricht und davon, dass der Zuschauer  »Anschluss finden möge an sein größeres Selbst«. Vielleicht vage formuliert, beglaubigt er es mit seiner Person.

PROMETHEUS IST EINE CHRISTUS-FIGUR

Für uns ist Prometheus auch ein Intellektueller (»Vom Denken wird das Herz zerfressen«) und Vertreter der entthronten Mutterreligion. Er brachte den Menschen »das Gedächtnis der Dinge«, lehrte sie Lesen, Schreiben und Rechnen, Handwerk, Ackerbau und Viehzucht und Rohstoffe zu gewinnen. Kurzum: ihren Verstand zu benutzen. Er entzündet das Licht der Aufklärung, indem er ihnen das Feuer schenkt. Ein Brandstifter, Arzt der Menschheit und ihr Priester, was in diesen Vorzeiten zusammenfällt. Zeus sieht sich seiner Exklusivrechte beraubt.

Prometheus mit seiner Passionsgeschichte ist als Mittler zwischen Gottvater und Menschenkindern zudem eine Christus-Figur, sein Fels ein Golgatha. Handelt er nicht aus »Mitleid« wie Parsifal, ist listig wie Odysseus? Ein abendländischer Mythos.

Für Ponifasio meint Prometheus zunächst schlicht: »a human being«. In seinen Ketten erkennt er dessen Bedeutung: wie Jesus am Kreuz. Was ist Freiheit? »Prometheus ist nicht frei, sondern gefesselt. Wir sind frei, aber nicht zufrieden. Freiheit und Glück wurden zu  Markennamen und zu Feinden unseres innersten Wesens.«

Religiöse Riten sind dem Zögling eines katholischen Klosters in Neuseeland, der dann Philosophie und Politik studierte und sich in Asien und Europa umsah, vertraut. Überhaupt: »Stärkster kultureller Berater« sei die Religion. Aber, und sein Lachen weitet sich: »Nur die Europäer haben unsichtbare Götter. Und stellen Fragen wie: ›To be or not to be?‹. Bei ihm würde es heißen: ›To be and not to be‹. Keine Antagonismen. Integration! Hamlet war kein Mann aus Samoa. Allerdings, tief drinnen trügen wir alle einen »gemeinsamen moralischen Kompass«.

Prägend ist für Ponifasio die Erfahrung des Lebens mit und in der pazifischen Natur. Er beschreibt Momente des Übergangs wie den zyklischen Ablauf des Tages, das Aufgehen einer Blüte, den ersten Sonnenaufgang. Rites de passage? Das wäre nur wieder ein weiterer Begriff. Es geht einfacher: »Für Erleuchtung muss man nicht zwei Wochen unter einem Baum sitzen oder einen Berggipfel besteigen. Du kannst sie auch bei McDonald’s finden.«

»Kunst ist mein life report«, sagt er. Er denke nicht sehr über Kunst nach, sondern über »ordinary people«. Der Natur-Raum kreiert ein kosmologisches Ich- und Weltverhältnis. So sei auch sein Theater: wie wenn man stundenlang am Meer sitze oder in den Himmel schaue. »Aber in Duisburg gibt es keinen Strand, da gehen die Leute also ins Theater.«

PONIFASIO TRÄGT DEN TITEL EINES SPRITUELLEN FÜHRERS

Wie begegnet er der kathedralengroßen Kraftzentrale? »Die Politik der Architektur« könne er nicht ignorieren. Aber es gebe genügend Kontroversen für ihn, da brauche er nicht noch die der Fabriken und ihren einstigen Konflikt von Arm und Reich. Wer ist für ihn Zeus, der selbst nicht auftritt im Text? Sei unsere Welt nicht voll von anonymen Mächten? Darin seien wir alle Sklaven: »Sklaverei in ihrer höchsten Vollendung«. Und die gemarterte Io? Vielleicht »das Gesicht einer chinesischen oder pakistanischen Frau oder einer Rumänin unterwegs, sich zu prostituieren...«.

Ponifasio, eines von zehn Geschwistern, trägt als High Chief of Samoa den Titel eines »Sala«, eines spirituellen Führers. Jemand, der das kulturelle Gedächtnis wahrt, würde unsereiner sagen. Ponifasio wehrt ab: Das bedeute nichts. Scherzt mit dem Erbe.

Ponifasio verantwortet prometheisch Bühne, Choreografie, Regie, Sounddesign und dramaturgische Konzeption. Wobei der Tanz die Genres überwölbt: »Tanzen ist die Natur der Seele in Aktion.« Was wie ein Echo klingt auf die Idee von Goebbels’ Triennale.

MAU wurde 1995 in Auckland von Ponifasio nicht nur als Performance-Gruppe gegründet, sondern gerüstet zum Podium für Wissenschaft, Aktivisten und Intellektuelle. MAU nimmt namentlich Bezug auf Samoas Unabhängigkeits-Bewegung und fungiert als Schaltstelle für Veränderung, Revolte und Vision. Seit längerem ist MAU bei uns präsent mit Produktionen wie »Tempest: Without a Body« und »Birds with Skymirrors« über menschliche Zerstörungskräfte. Ponifasio prägten die 1980er Jahre der Reagan-Präsidentschaft, von Tschernobyl, Ölpest, Atom-Programmen, Aufrüstung und Computerisierung.

Herkunft und Ursprung seines Theaters liegen bei der Zeremonie, der rituellen Handlung, bei meditativer Versunkenheit und Traumbildern. Auch das: Versuche von Definition, von Zuordnung. Nicht sein Ding.

Gelten lässt er, dass es fokussiert sei auf den Körper und den Raum, den es zu aktivieren gelte. Die Kraftzentrale liegt ruhig wie ein schwarzes Meer der Stille mit dunkel glänzender, sich spiegelnder Bühnenfläche, begrenzt von einer Wandmauer, auf der die Musiker des Ensembles musikFabrik platziert sind. Vorn sitzt während der Probe Wolfgang Newerla als Prometheus, dahinter trippelt elegant, flink und vogelhaft schmal David Bennent als Hermes und rezitiert Aischylos’ Verse. An den Seiten liegen ein halbes Dutzend Tänzer. »Warten auf Zeugen«, würde es bei Rilke heißen.

Wenn es glückt, werden wir das Erlebnis von Aufbruch spüren, wofür es im Samoanischen das Wort »Le Savali« gibt. Es wurde zum Titel einer Produktion, die Ponifasio und MAU 2011 in, über und für Berlin als Stadt des Wandels, der Macht, ihrer imperialen Symbole und des Barbarischen der Zivilisation uraufführten. An der Bühnenwand erschienen dabei wie im Menetekel die berühmten Verse aus Rilkes Erster Duineser Elegie: »Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?«. Wer sagt, dass Engel nicht aus der Südsee kommen können, dass sie nicht am Kaukasus Station einlegen. Zeit für einen neuen »Angelus Novus«. Vielleicht dreht er sich sogar um und schaut uns an – im Präsens.

»Prometheus«: 16., 18., 21.,23., 25., 27. September 2012; Kraftzentrale, Landschaftspark Duisburg-Nord; Szenische Lesung von Heiner Müllers »Prometheus« mit David Bennent, Josef Bierbichler, Inga Busch, Dale Duesing und Judith Rosmair: 19. und 20. September, Gebläsehalle, Landschaftspark; www.ruhrtriennale.de

Bühne
09 / 2012

KEIN MANN AUS SAMOA

Von: ANDREAS WILINK


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