Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Adam, Licht, Gerichtsrat Walter sowie Eve und ihre Mutter. Foto: Hans Jürgen Landes

Judas-Kuss

Kleists »Der zerbrochne Krug« in Bochum - eine Premierenbesprechung.

Text Andreas Wilink

Kleists »Der zerbrochne Krug« weniger als Höllensturz und Sündenfall des alten Adam, sondern als Evchen-Tragödie. Ihr allein gehört zunächst die Bühne in den Bochumer Kammerspielen, ihrer seelischen Not, die alles aussagen könnte, aber nichts sagen darf. Sarah Grunert ist – schlicht, quellklar, ganz bei sich und in gesammelter Wut  – die in ihrem Gefühl und ihrem Sein Betrogene, um den Atem gebracht von der Pression, die auf sie ausgeübt wird. Das könnte mehr sein als Vorspiel und Enthüllungs-Dramaturgie. Vielmehr eine Perspektivverschiebung, zumal durch den von Anselm Weber eigenwillig an den Beginn platzierten Monolog. In dieser Stück-Variante obsiegt Eves Skepsis in den Staat, dessen Versprechungen und Repräsentanten. 

Wenn sich dann der angeschlagene Dorfrichter aus seiner dumpfen Nacht erhebt, sieht man eine Zettelwirtschaft. Nun setzen sich die Versatzstücke für die bauerntheaterhaft getäfelte Bühne (Raimund Bauer) zusammen, übersät mit zerknüllten weißen Blättern – Aktenseiten unerledigter Fälle der schlampig geführten Huisumer Amtsstube. Oder Entwürfe des Briefes, der Ruprechts Einberufung als Rekrut und seine Verschiffung nach Batavia als Kanonenfutter fürs fremde Vaterland behaupten soll? Also wird emsig gefegt, geräumt, gegafft, der Prozess durchgepaukt und der Biedersinn der Parteien wie auf dem Präsentierteller mit Delfter Dekor serviert, indes Roland Riebeling es sich als Schreiber Licht in der Strickwesten-Natur des vorwitzig beflissenen, treuherzig unterwürfigen Charakters bequem macht. Es wienert die (bei Xenia Snagowski zur beredt stummen, blitzgescheiten Komödiantin aufgewertete) Magd am Gerichtsrat Walter herum und himmelt diesen gestriegelt schnieken Dunkelmann an. Nicht der polternd täppische Adam-Klotz, der seinen Pferdefuß kaum mehr entblößen muss, weil seiner Umgebung und uns Lug und Trug fix kenntlich sind, und dem Dietmar Bär als sich um Kopf und Kragen Justizierender kaum Zwischentöne abgewinnt, ist hier Eves wahrer Gegner. Vielmehr der gewandte, vornehm lackierte Vorgesetzte aus Utrecht (Marco Massafra), dessen Rede nicht zu trauen ist. Der Kuss, den er Eve abtrotzt und der seine Versicherung, dass ihrem braven Ruprecht (Nils Kreutinger) nichts geschehen werde, besiegeln soll, ist ein Judas-Kuss.

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Bühne
02 / 2016

Judas-Kuss


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