Christoph Marthaler. © Anna Viebrock

LIEBER NICHT ODER DIE HARMONIE DER PROTESTNOTE

Eine Begrüßung: Der Schweizer Christoph Marthaler inszeniert erstmals am Schauspiel Köln einen seiner Heimat-Abende. Verfasst hat ihn seine Frau Sasha Rau.

 

TEXT: ANDREAS WILINK

Zehn Jahre und mehr als 30 Inszenierungen nachdem er an Frank Castorfs Berliner Volksbühne mit »Murx den Europäer« vom schweizerischen Regisseur zum musikantischen Heilsbringer für deutsche Kunstbeschwernis und bald dann zum europäischen Theaterereignis geworden war, widmete Christoph Marthaler sich – ebenfalls am Rosa-Luxemburg-Platz – 2003 der Figur, die immer schon durch sein Werk der Verneinung und Ausdünnung, des Stille-Stehens und sanften Widerspruchs spukte: Bartleby. Dem Schreiber und Notargehilfen gab sein Autor Herman Melville die Formel »I would prefer not to« mit auf den kurzen Lebensweg. Mit »Lieber nicht« soll sich Marthaler gegen das Ansinnen gesperrt haben, aber nicht zu sehr. Er hat es getan und aus seinem gewohnten Gegensinn heraus eine theatrale Protestnote verfasst. Entsagung und Verkümmerung vollziehen sich bei seinem Bartleby aus freiem Geist heraus: Kraft der Negation. Tod, wo ist dein Stachel?

Marthaler wird am Schauspiel Köln einen Abend gestalten, für den seine Frau Sasha Rau den Text schrieb: »Oh, it’s like Home«. Ein Heimatabend also, wie so viele, die er inszeniert hat, ob sie »Die Schöne Müllerin« nach Franz Schubert heißen oder »Groundings« über Schweizer Höhenflüge und Abstürze der Luftfahrt und Politik; ob man einkehrt ins reale Hotel Waldhaus in Sils Maria, ins »Hotel Angst« oder in das »Zur schönen Aussicht« von Horváth; ob sie die Wurzel aus »Faust I und II« ziehen oder »Die Stunde Null« abzählen.  

ÄNGSTE UND ERINNERUNGEN

»Oh, it’s like Home« drückt die Irritation darüber aus, dass ein Ort, ein Geruch, ein Gefühl oder ein menschliches Wesen jenem Urvertrauten ähnelt, das wir sehnsuchtsvoll Zuhause nennen, ihm nicht gleich ist und insofern beklemmender als etwas gänzlich Fremdes. Die einsamen Seelen Egon, Ilse, Gunda und Hanna unterliegen der Verdunklungsgefahr und lassen sich von ihren Träumen, Ängsten und Erinnerungen treiben, die Speisesaal, Kinderheim, Schwimmbad und Schlachthof aufrufen. Ihre Ahnung sieht »chemisch gereinigte Menschen«, ihr Sprechen gleicht »Notstandsmitteilungen«, ihr Zustand heißt »Ohnmacht. Schlaf. Traum.«.

Marthaler hat es mit seinem Theater zum Begriff gebracht. Wenn es, mehr oder minder gelungen, irgendwo »marthalert« auf unseren Bühnen, meint das: Nur nichts überstürzen. Melancholie des Umsonst. Singen tut not – Loblieder der Freiheit und Schwanengesänge.

Leise flehen diese Lieder in den Wartsälen des Lebens, überdimensionierten Amtsstuben, geräumigen Abstellkammern, in den Turnhallen für die Ekstasen der Verrenkung, den geschlossenen Schaltern des Schicksals und Filialen der Verzweiflung. Anna Viebrock, sagt man, denke sie sich auf Spaziergängen aus, bevor sie Gestalt annehmen. Räume, die das Nichts und Verlassenheit atmen, von denen der Schauspieler Josef Bierbichler schreibt, dass in ihrem »Verlassen-Sein immer die Aussicht hause, sich zu finden«. Eine abblätternde Welt: braune Holzverschalungen, welke Tapeten, mürber Putz. Als würde in einer untergegangenen saumseligen Republik ein Volkshochschulkurs abgehalten. In diesen wohlgestalteten Provisorien wird Ordnung erledigt – und der Sinn und Zweck gleich mit.

DER WELT ABHANDEN

Es sind Behausungen für antriebsschwache, abgelegte Menschen: sanfte Zwangsneurotiker, stille Anarchisten, die sich der Logik des Handelns und der Normierung entziehen, die ihren Verrichtungen nachgehen, wegkippen, zusammenklappen, abdriften, sich niederlegen. Der Welt abhanden gekommen,  scheinen sie sich fort und fort zu verwundern über die Regungen ihrer Körper, deren Mechanik und deren Ausrutscher. Sie haben nicht viel: ein paar Verse, ein Aus-der-Reihe-Tanzen und das Ritual ihrer geisteshell klingenden Lieder, die ein Piano oder Harmonium begleitet, wenn nicht Schreibmaschinen Takt und Melodie vorgeben. So entsteht eine Welt. Die traurig ist und dabei grooven, witzig und sophisticated sein kann. Und immer den Fortschritt ins Taumeln und zur Kapitulation bringt.

Begriffe wie »Entfremdete« oder »Opfer der Moderne« scheut man zu benutzen und denkt: »Lieber nicht«. Man würde damit diesen altmodischen Störfällen zu nahe treten und sie kränken durch zu sehr Vertraulichkeit. Marthaler erklärt nichts. Dialog spielt kaum eine Rolle. Nistet da ein Widerspruch: Wie passen extreme Ich-Setzung und das kollektive Einerlei zusammen? Doch kommt der Einzelne  erst im Resonanzraum der Gruppe ganz zu sich. Jeder ein Sonderling, gemeinsam ein Club der Verirrten und Verwirrten: Schlafwandler und Tagträumer, Weltverlorene und Ichversunkene. Diese Randexistenzen stehen im Verdacht, lebenserhaltender Maßnahmen bedürftig zu sein. Die sie vermutlich verweigern würden. »Lieber nicht.«

DAS VERSCHROBENE IST DAS MENSCHLICHE

Nur das Skurrile und Kauzige zu sehen, hieße, Marthalers Theater zu verniedlichen. Das Verschrobene ist das Menschliche: Ausdruck des Gebrechens von Individualität. Beispielhaft dafür steht »Schutz vor der Zukunft«, 2005 uraufgeführt während der Wiener Festwochen in Otto Wagners Jugendstil-Spital »Am Spiegelgrund«, wo NS-Rassehygieniker zwischen 1940 und 1945 Experimente und Manipulationen an Patienten durchführten und das Taugliche vom Nicht-Lebenswerten selektierten. »Ein Kindertotenliederabend« sei das, urteilte die Jury des Berliner Theatertreffens, das Marthaler bislang 14 Mal mit einer Einladung auszeichnete.  

1951 geboren, hat Marthaler in Zürich Musik studiert, bevor er Ende der 1960er Jahre die Theaterschule von Jaques Lecoq in Paris besuchte (wie auch einer seiner Lieblings-Darsteller, Graham F. Valentine), dann als Theatermusiker und Komponist an verschiedenen Bühnen arbeitete und die experimentelle Theatergruppe »Tarot« gründete. Ab 1988 entwickelte er in Basel seine ersten Liederabende. Seitdem sind er, die Ausstatterin Anna Viebrock und die Dramaturgin Stefanie Carp ein Team. Marthaler, der, wie er sagt, sein Theater am liebsten nach Lissabon oder Neapel verlegen würde, genießt vielleicht nicht erst als Intendant in Zürich (2000 bis 2004) die »Erotik des Aufmischens«.

Einen »Sohn des Chaos« nennt ihn der Schauspieler André Jung. Marthaler selbst findet: »Theater ohne Chaos darf es nicht geben«. Der Mann mit dem wolligen Haupthaar, nunmehr vom flusigen Vollbart befreit, mit runder Brille, gern mit Hut und Schal, hält sich für einen »langsamen, entscheidungsschwachen Menschen«. Jemand, der schrullig seiner inneren Uhr folgt, zumal die Zeit schneller läuft, als sein Eigensinn sich wünscht, der aber wiederum gleichsam mit der Präzision eines Schweizer Uhrmachers auf der Bühne werkelt und tüftelt.

Ein Kind der Schweiz, auch wenn ihm der Heimatwechsel zur zweiten Natur wurde. Aufenthalte führten von Zürich, Basel, Berlin, Hamburg nach Paris. Was er zuhause wahrnahm, kehrt in den Stücken wieder: »Keiner schaut den anderen an, aber jeder ist der Polizist des anderen«, beschrieb er seine Landsleute, die abends in Kneipen sitzen, vertieft in Unterhaltungen und doch für sich allein, einander befragend, bis Antwort nach langem Schweigen erfolgt. So arretieren häufig auch seine Figuren.

Seldwyla ist immer noch die exakte Ortsbeschreibung. Der Schweizer lebe, so Marthaler, eingeklemmt zwischen den Bergen, in Tälern ohne Sonne, das Gebirge versperre die Sicht aufeinander, obwohl die Leute eigentlich nahe  beieinander sind. So erscheint diese Spezies als konserviertes Objekt aus dem Naturkundemuseum. Das Ostdeutsche der ehemaligen DDR, auf das Marthaler später an der Volksbühne traf, kam ihm bekannt vor.

TODESLUST ENTHEMMT

Zu seinen Helden der Schwäche – halb erloschene, beharrlich glimmende Artisten – gehören Olivia Grigolli, Barbra Nüsse, Bettina Stucky, Jean-Pierre Cornu, Ueli Jäggi, Matthias Matschke, Josef  Ostendorf , der wundersame Graham F. Valentine und der wuchtig zarte Sepp Bierbichler. Todesangst lähmt, Todeslust enthemmt diese Gemütsmenschen.  

Marthaler bleibt sein Creator mundi, auch wenn er sich mit kanonischer  Dramenliteratur beschäftigt. Horváth gewiss, das passt. Auch Büchners »Dantons Tod«, darin der Revolution ihr Blut entzogen wird – bei Marthaler in Zürich stimmten Stubenhocker im 68er-Look eine degenerierte Marseillaise an. Er hat Shakespeare, Tschechow, Canetti, dessen »Hochzeit« in den Totentanz abdriftet, und manches mehr inszeniert sowie an der Oper unter anderem Mozart, Verdi, Wagner, Offenbach, Debussy, Janáček und Alban Berg. Am schönsten aber sind die Stücke mit den seltsamen Nachnamen: »Ein Überlebenstanztee«, »Eine Ersatzpassion«, »Eine Urheberei« oder »Eine Dauerkolonie«. Das Provinzielle wird unter seiner Hand zum Welttheater, so wie die Schweizer Keller und Walser Weltliteratur sind: Verkleinerungskünstler, die sich selbst nahezu zum Verschwinden brachten.  

Marthalers verschmitzte kulturkritische Kunst, misstrauisch gegenüber den Tüchtigen und Erfolgssatten, firmiert als große Verlustanzeige. Wie in seinem neuen Händel-Abend »Sale« in Zürich, der davon erzählt, dass es »Love for sale« nicht gibt und dass Kaufkräfte, das »Paradies des Kredites« (Gottfried Keller in seiner Vorrede zur »Die Leute von Seldwyla«), Marktgesetz und Warencharakter der Kunst keine echte Währung darstellen. All das will er: »Lieber nicht«.

Premiere von »Oh, it’s like Home« am 19. Januar 2013 in der Halle Kalk. www.schauspielkoeln.de

 

Bühne
12 / 2012

LIEBER NICHT ODER DIE HARMONIE DER PROTESTNOTE

Von: ANDREAS WILINK


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