Elisabeth Stöppler. Foto: privat

»MAN MUSS AUCH MAL DEN STAUBSAUGER ANSTELLEN DÜRFEN«

Im Porträt: Die Regisseurin Elisabeth Stöppler, die am Musiktheater im Revier bislang fünf Inszenierungen gezeigt hat.

 

TEXT: MICHAEL STRUCK-SCHLOEN

An einem ruhigen Oktobertag diesen Jahres erhielt Elisabeth Stöppler einen Anruf vom Deutschen Nationaltheater in Weimar. Soeben hatte sie in der Klassikerstadt Mozarts »Entführung aus dem Serail« inszeniert: als Spiel von Liebe und Zufall unter jungen Leuten, so poetisch, kratzbürstig und frei von allen orientalischen Schnörkeln, dass sich Publikum und Presse sofort in die verfeindeten Lager der glühenden Enthusiasten und kopfschüttelnden Gegner teilten. Doch nicht um die jüngsten Reaktionen ging es bei dem Anruf, sondern darum, dass am zweiten Abend die Sängerin der Blonde wegen Krankheit ausfiel und Ersatz gefunden werden musste. Natürlich hat jeder lyrische Sopran die Partie im Portfolio – wie aber sollte man der Einspringerin die ausgefeilten Gänge und neuen Dialoge, die ständigen Kleiderwechsel und die Aufmüpfigkeit dieser Blonde über Nacht beibringen?

Die Lösung war verblüffend: Marie Friederike Schröder, vom Theater Halle herbeieilend, bekam einen Knopf ins Ohr, über den ihr die Regisseurin aus der Tonregie Anweisungen gab. »Ein absolutes Multitasking«, sagt Elisabeth Stöppler. »Man sitzt im Ohr einer Sängerin, schiebt sie über die Bühne, und wenn sie singt, muss man schon hineingeben, was als Nächstes kommt, die Dialoge vorsprechen – und alles permanent, denn in unserer Fassung ist Blonde immer auf der Szene. Das hatte etwas Rauschhaftes, aber ich muss es nicht immer haben.«

VERTRAUENSVORSCHUSS

Theater kann Rausch sein. Nicht nur beim Katastrophen-Manage­ment, sondern auch wenn ein sinniges Konzept, ein williges Ensemble, intensive Probenarbeit und der Esprit des Abends sich zu jenem Zaubertrank namens Oper mischen, nach dessen Genuss sich auch das Publikum bärenstark fühlt. Wenn man Augenzeugen- und Presseberichten glauben darf, war Stöpplers Lesart von Antonín Dvořáks »Rusalka« in Gelsenkirchen solch ein erfüllter Moment. Im Übrigen war es nicht ihre erste Arbeit für das Musiktheater im Revier. Der Inten­dant Michael Schulz glaubt an die 36-jährige Hannoveranerin und hat ihr seit 2009 gleich drei Stücke von Benjamin Britten – das düstere Außenseiterdrama »Peter Grimes«, die Krönungsoper »Gloriana« und das »War Requiem« – übertragen: eine Kontinuität, die Stöppler mag und schätzt: »ein riesiger Vertrauensvorschuss, auf dem man sich nicht ausruht, sondern der einem Sicherheit gibt – vor allem, wenn man als freie Regisseurin von einem zum nächsten Theater springen muss.«

Viel ist sie gesprungen seit Abschluss ihres Studiums der Musiktheater-Regie in Hamburg: von Oldenburg bis Dresden, von Linz bis Osnabrück, von Hannover bis Frankfurt. Seit zehn Jahren inszeniert Stöppler an großen und mittleren Häusern, hat den Sprung geschafft aus dem Assistentinnen-Dasein in die Selbstständigkeit des Arbeitens und Denkens über Musiktheater. Wobei ihr die Eigensinnigkeit von Kunst nicht im Studium verabreicht wurde. »Da wird man eher zum guten Assistenten ausgebildet. Bloß systemimmanent bleiben! Ein Regisseur sollte immer wissen, was er tut, immer eine Antwort haben, er darf keine Probenzeiten überschreiten usw. Dabei kommt es darauf an, couragiert und eigensinnig zu sein. Doch dazu braucht man Lehrer, die von sich selbst absehen können.«

ZU VIEL GEDACHT

Lehrer wie den ehemaligen Berliner Staatsopernchef Peter Mussbach, der vom Regisseur verlangt, dass er mehr weiß und sieht als seine Mitmenschen. Oder wie die langjährige Dortmunder Intendantin Christine Mielitz, die Stöppler viel beibrachte über Tempo und Informationsdichte auf der Bühne. »Früher habe ich die Motive und Symbole nur so angehäuft. Dann hat Mielitz mir den Faden durchgeschnitten und gesagt: zu schnell, zu viel gedacht – aber man sieht es leider nicht.«

Dabei denkt sie immer noch viel, das beweist auch die aktuelle Produktion von Jules Massenets letzter Oper »Don Quichotte« in Gelsenkirchen. Die Geschichte des alten Mannes, der (frei nach Cervantes) am Materialismus der Gesellschaft und an seinen eigenen Liebesträumen zerbricht, haben Stöppler und ihr Inszenierungsteam in das bürgerliche Format einer Pariser Wohnung eingezwängt. Hier durchlebt Quichotte noch einmal ein Leben voller familiärer Spannungen, Kriege und enttäuschter Liebe. Zuweilen nehmen die Rollenspiele vor den Augen des Sterbenden groteske Züge an, etwa wenn Quichotte seine staubsaugende Haushälterin mit der Edelkurtisane Dulcinée identifiziert. »Der Wunsch wäre, dass am Ende ein Godard-Film mit einer extrem harten familiären Atmosphäre dabei herauskommt und sich mit den bedrohlichen Bewusstseinsverwischungen bei David Lynch mischt.«

»Don Quichotte« ist Elisabeth Stöpplers fünfte Inszenierung am MIR – einem Haus, das sie für sein interessiertes Ensemble, die großzügigen Arbeitsbedingungen und die Kommunikation mit dem Intendanten mag. Ein Plädoyer für die mittelgroßen Stadttheater im Lande? »Könnte man sagen. Wenn Sie an großen Häusern wie Dresden oder Frankfurt arbeiten, ist alles viel enger gestrickt: Vorbereitung, Proben, Beleuchtungstermine. Wichtig ist aber in jedem Fall ein Dirigent, der offen ist, den man früh in Prozesse einbinden kann – und der weiß, dass wir Theater machen. Er darf nicht irritiert darüber sein, dass szenische Dinge ausprobiert werden. Man muss auch mal den Staubsauger anmachen dürfen. Wenn es mit dem Dirigenten nicht funktioniert, können Sie die Produktion eigentlich vergessen.«

MIT DEM TEAM AUF REISEN

Dass Stöppler heute so genau weiß, was sie von einem Haus verlangen kann, hat mit praktischer Erfahrung zu tun – und mit Psychologie. »Ich bin nicht mehr so sehr wie früher darauf angewiesen, dass man mich mag. Am Anfang möchte man alle mitreißen, ringt um jede Konzentration und jeden Einzelnen. Mittlerweile ziehe ich zusammen mit dem Team das durch, was wir erzählen wollen. Es gibt ja kaum eine Arbeit, wo man sich so nahe kommt wie im Theater. Das ist immer Kommunikation und Körperlichkeit; man ist immer zusammen, ständig unter Zeitdruck; die Musik potenziert noch Emotionalität und Nerven. Darunter habe ich früher mehr gelitten.«

Sie sieht ein wenig müde aus an diesem Mittag im glasbewehrten Foyer des Gelsenkirchener Opernhauses, nach einem Durchlauf von Massenets »Don Quichotte«. Die Proben kamen eigentlich zu früh nach ihrem letzten Mozart in Weimar; zwei Wochen reichen nicht zum Auftanken. »Es ist quälend, wenn ich zwei Produktionen direkt hintereinander mache. Zum Glück habe ich sehr starke Teams und enge freundschaftliche Beziehungen zu meinen Bühnenbildnern. Wir gehen dann manchmal zusammen auf Reisen, machen Recherche. Und ich will in Zukunft mehr meine Beziehung pflegen, zu meinen Eltern oder meiner eigenen kleine Familie.«

Und dann gibt es bei ihr noch die Sehnsucht, an einem Haus mit festem Ensemble über eine bestimmte Zeit gestalterisch zu arbeiten. Vielleicht wird sie erfüllt, wenn Elisabeth Stöppler zur kommenden Spielzeit ihre Stelle als Hausregisseurin am Staatstheater Mainz antritt. »Das ist neu für mich. Früher bin ich von einem zum anderen Theater geflippt, jetzt möchte ich Spielpläne machen, einen Ort sozialpolitisch beobachten.« In Mainz wird sie pro Saison je einmal Oper und Schauspiel inszenieren, eine Gesprächsreihe mit Regisseuren einrichten, offensiv den Kontakt zum Publikum suchen. Das Vorgefühl, das sie dazu treibt, umschreibt sie mit einem Wort, das typisch für Elisabeth Stöppler ist: »konstituierende Lust«.

www.musiktheater-im-revier.de

 

Bühne, Köpfe in NRW
01 / 2014

»MAN MUSS AUCH MAL DEN STAUBSAUGER ANSTELLEN DÜRFEN«

Von: MICHAEL STRUCK-SCHLOEN