Foto: Heinrich Brinkmüller-Becker / Ruhrtriennale

"No President" bei der Ruhrtriennale

Bei der Ruhrtriennale zeigt das Nature Theatre of Oklahoma ein atemloses "Handlungsballett".

TEXT HONKE RAMBOW

Der Titel ist episch: „No President. A Story Ballet Of Enlightment In Two Immoral Acts“ hat das Nature Theater Of Oklahoma seine Uraufführung im Maschinenhaus der Zeche Zweckel bei der Ruhrtriennale genannt. Das meint das New Yorker Off-Theater durchaus ernst. Sehr ernst. Die Gruppe, die letztlich nur aus dem Regie-Team Kelly Copper und Pavel Liska besteht, zeigt mit 15 in New York und Düsseldorf (die Arbeit entstand als Ko-Produktion mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus, wo sie im Anschluss an die Triennale gezeigt wird) gecasteten Performern und Performerinnen ein sogenanntes "Handlungsballett".

Der Rückgriff auf ein tradiertes Genre ist für die Arbeit der New Yorker typisch. Die Geschichte des zweieinhalbstündigen pausenlosen Abends geht in etwa so: Ein Sicherheitsteam, das aus gescheiterten Schauspielerinnen und Schauspielern besteht, ist beauftragt, in einem heruntergekommenen Theater (Bühne: Ansgar Prüwer) einen Vorhang zu bewachen. Die Freunde Mikey und Georgie arbeiten in einer Schicht. Mikey ist in die verheiratete Aufseherin der Sicherheitsfirma verliebt, Georgie ist es auch. Es gibt eine rivalisierende Sicherheitsfirma, die sich aus ehemaligen Balletttänzerinnen und -tänzern zusammensetzt, der Teufel kommt hinzu und Mikey wird gelegentlich von seinen inneren Dämonen heimgesucht.

Eine Gruppe riesiger Pandabären und eine mexikaische Mariachi-Band spielen auch eine Rolle oder vielleicht auch nicht. Es gibt eine Menge Sex mit (ausschließlich männlichen) Plüschgenitalien und zwischendurch auch immer wieder exzessiven Kannibalismus. Und das alles vor diesem geheimnisvollen roten Samtvorhang, der nicht berührt werden darf und schon gar nicht geöffnet. 

Das Geheimnis des roten Vorhangs
Erzählt wird das alles in rasender Geschwindigkeit von einem Sprecher, der auch den Teufel und einen ominösen Investor spielt, und gleichzeitig vom Ensemble zu Tschaikowskys „Nussknacker“-Musik getanzt. Und just, wenn der Zuschauer von diesem ganzen scheinbar sinnlosen Tohuwabohu schon völlig erschöpft ist, kündigt der Sprecher den zweiten Akt an, der dann auch gnadenlos folgt. Nachdem die Aufseherin der Sicherheitsfirma verschwunden ist und ihr Mann, der Big Boss, aufgegessen wurde, ernennt Mikey sich zum Präsidenten der Firma. Ganz zuletzt wird dann doch noch das Geheimnis des roten Vorhangs gelüftet und Mikey und Georgie sind in einem herzzerreißenden Pas de deux wiedervereint.

 "No President" ist ein absurder Parforce-Ritt, der dem Zuschauer viel Durchhaltevermögen abverlangt, keinen Kalauer auslässt und ständig zwischen wahnsinnigem Humor und totaler Überforderung schwankt. Die Herausforderung liegt darin, in der irrwitzig dahinjagenden Erzählung nicht zu übersehen, dass es doch auch einen Sinn dahinter gibt. Spätestens, wenn die Begriffe „Method Acting“ und „Stanislawski“ fallen, ist klar, dass es in all diesem Wahnsinn auch um das Wesen des Theaters geht. Selbst im albernsten Kalauer steckt da dann plötzlich noch eine Erkenntnis – man muss sie nur finden. Getanzt wird übrigens vielleicht nicht immer technisch perfekt, aber dafür mit Hingabe und ehrlichem Schweiß. 

Termine bei der Ruhrtriennale: 15., 16., 19., 20. September, 19.30 Uhr, Zeche Zweckel, Gladbeck: www.ruhrtriennale.de

Premiere in Düsseldorf: 28.9., 20 Uhr, Cental

Bühne
09 / 2018

"No President" bei der Ruhrtriennale

Von: Honke Rambow


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