Die drohende Zukunft der Stadt und ihres Theaters: Puppenspiel vor scheinurbaner Pappe. © Alexander Hauk / PIXELIO.DE

»NUR WAS ERHALTEN BLEIBT, KANN SICH VERÄNDERN«

Die Finanznot trifft am heftigsten die Kommunen, und hier am stärksten die Theater, weil sie von allen Kultureinrichtungen die teuersten sind. Die Angst vor dem Aus grassiert. Ein Krisengespräch mit dem Direktor des NRW KulturSekretariats, Christian Esch, und dem Intendanten des Schauspiels Wuppertal, Christian von Treskow, dessen Spielstätte die bankrotte Stadt schließen will. 


INTERVIEW: ULRICH DEUTER

K.WEST: Kurz vor der Wahl haben CDU, Grüne, SPD signalisiert, den Zuschuss des Landes für die Stadttheater von nominell 10 auf 20 Prozent erhöhen zu wollen. Dem Theater Wuppertal geht es mit am schlechtesten. Ist es jetzt gerettet?

VON TRESKOW: Wir – das Schauspiel – sind zwar gefährdet, aber zunächst einmal ist diese Gefährdung nur hypothetisch. Wir spielen nach wie vor. Wir sind quicklebendig. Der ge-samte Bereich Kultur soll jetzt aus dem Haushaltssicherungskonzept der Stadt herausgelöst werden, und erst nach einer kulturpolitischen Grundsatzdebatte soll darüber abgestimmt werden; lange nach der Sommerpause. So lautet die Sprach-regelung, die wir mit der Stadt getroffen haben.

K.WEST: Nochmals gefragt: Ist die Erhöhung der Landes-zuschüsse der Weg aus der Krise?

VON TRESKOW: Wenn sie wirklich kommt, könnte dies ein Teil der Lösung des Problems sein. Ein anderer Teil müsste sein, aus dem gedeckelten Etat herauszukommen. Denn das ist das wirkliche große Problem der Wuppertaler Bühnen, und wahrscheinlich nicht nur deren, dass alles, was an Inflation und Lohnkostensteigerungen passiert, nicht ausge-glichen, sondern von uns selbst erwirtschaftet werden muss. Das können wir aber nicht, wir hätten sonst immer wieder eine Schließungsdebatte. Das wäre das erste: Dass man sich zu einem Schauspiel in Wuppertal, zu einem Mehrspartentheater bekennt.

K.WEST: Dieses Bekenntnis vermissen Sie?

VON TRESKOW: Das vermisse ich sehr. Es gibt die letztgültige Äußerung des Oberbürgermeisters, dass er sich vorstellen könnte, die Schauspiel-Sparte zu schließen. Das hat er bislang nicht revidiert. Es ist eine Grundsatzfrage: Will man ein Stadttheater mit Haus, Ensemble und mehreren Sparten. Oder will man es nicht. Dieses System des Stadttheaters wie in Deutschland gibt es nirgendwo sonst. Man kann es durchkneten und auf andere Füße stellen. Wenn man es aber kaputtmacht, macht man sich ein Alleinstellungsmerkmal dieses Landes kaputt.

K.WEST: Kurz vor der Landtagswahl hat die Ständige Konferenz der Intendanten in NRW Forderungen an die Politik gestellt, darunter die erwähnte Erhöhung der Landeszuschüsse, einen Bestandspakt für die Bühnen zwischen Städten und Land und anderes. Selbstverpflichtungen der Theater erkennt man in diesem Papier nicht. Herr Esch, haben die Theater bereits alles Nötige getan?

ESCH: Das NRW KulturSekretariat fordert diesen Theaterpakt schon seit längerem, aber wir verbinden diese Forderung mit der Anregung an die Vertretung der Theater, sich noch mehr zu bewegen. Darüber muss man nachdenken, sprechen, auch laut sprechen. Die Theater brauchen nicht einfach nur das notwendige Geld, so berechtigt diese Forderung ist, denn es wurde schon viel zu viel gespart, was manchmal die künstlerische Qualität mit beschädigt hat. Sondern gleichzeitig müssen wir auch fragen, wo gibt es Möglichkeiten der Veränderung. Stimmt beispielsweise das Verhältnis zwischen Verwaltung/Technik und dem künstlerischen Bereich?

K.WEST: Herr von Treskow: ist der Anteil der Verwaltung in Ihrem Haus zu groß?

VON TRESKOW: Nein. Man muss immer daran denken, das Produkt, das da am Abend auf der Bühne steht, ist nicht nur das Resultat von Künstlern, sondern jemand muss auch auf den Knopf drücken, damit der Vorhang hoch geht, an der Kasse sitzen, hinterher die verschwitzten Klamotten waschen usw. Jeder Arbeitsplatz im Theater dient der Sache.

K.WEST: Herr Esch, eine Ihrer Forderungen, die Sie immer wieder mit Blick auf die Theater erheben, ist die nach Kooperation und Koproduktion. Der Deutsche Bühnenverein etwa bestreitet, dass dies nennenswerte Einsparungen zeitigt. Warum sollten die Bühnen also kooperieren?

ESCH: Weil Kooperation und Koproduktion in jedem Fall dazu geeignet sind, Apparate der Häuser in einen Dialog zu bringen. Voraussetzung ist aber der künstlerische Mehrwert – zwei Häuser zusammenzuzwingen, die sich auf der künstlerischen Ebene nicht verständigen können, macht keinen Sinn. Wenn es aber künstlerisch stimmt, dann kann beispielsweise eine Koproduktion auch einen finanziellen Effekt erzielen. Nehmen Sie »Die Kontrakte des  Kaufmanns«, die jetzt zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurden, übrigens auch mit der Begründung, dass sie eine Koproduktion darstellen. Die sind vom Schauspiel Köln und dem Thalia-Theater Hamburg gemeinsam erarbei-tet worden. Das bedeutet, beide Bühnen müssen den halben Aufwand einer Premiere stemmen, haben aber künstlerischen Einfluss auf das Resultat. Oder sehen Sie das anders?

VON TRESKOW: Das ist das, was wir auf ganz niedrigem Level mit Remscheid und Solingen praktizieren. Wir können ja unseren Spielplan überhaupt nur dadurch aufrechterhalten, dass wir in den beiden Städten zwei oder drei Premieren herausbringen, also dort Endproben abhalten, damit nicht währenddessen in Wuppertal der Betrieb lahmgelegt ist. Und dann als Kompensation Vorstellungen in Remscheid und Solingen geben. Die Bergische Kooperation, die jetzt immer eingefordert wird, die ist also schon sehr weitgehend da.

K.WEST: …eingefordert vom Kulturstaatssekretär. Könnten Sie sich eine Vertiefung dieser Kooperation vorstellen?

VON TRESKOW: Es müsste erst mal die Fortführung der bestehenden gesichert sein. In Remscheid und Solingen wird man auch die Mittel für Kultur kürzen. Und was dann? Am Ende habe ich ein Mini-Ensemble von acht Leuten und soll damit drei Städte bespielen? Bislang kann ein Schauspieler immer nur an einem Ort gleichzeitig sein.

ESCH: Die Kooperation im Bergischen Dreieck ist ja ein besonderer Fall, weil Remscheid und Solingen keine Ensembles besitzen. Wenn ich von Koproduktionen oder überhaupt von Zusammenarbeit spreche, dann meine ich besonders die Bühnen in einem so verdichteten Raum wie dem Ruhrgebiet. Vor allem dort könnte man Modelle wie den Ringtausch umsetzen: Das Theater X gibt dem Theater Y eine Produktion und spielt sie dort für eine Zeit und umgekehrt. Dort könnte man auch die Abo-Systeme der einzelnen Häuser miteinander verbinden. Eine Holding für mehrere – weiter eigenständige – Häuser prüfen. Und, und. Deswegen meine ich, wir sollten hier möglichst wenig Statik und möglichst viel Bewegung signalisieren.

K.WEST: Fürchten Sie mit der Forderung nach Kooperation und Koproduktion einen Angriff auf das bestehende Theatersystem, Herr von Treskow?

VON TRESKOW: Das nicht. Das Stichwort Kooperation, dagegen richte ich mich, darf nur nicht zum Einfallstor für Sparmaßnahmen werden. Es besteht die Gefahr des Substanzverlustes. In den letzten 15 Jahren sind 7.000 Arbeitsplätze im deutschen Theater abgebaut worden. Wir sind jetzt an einem Punkt angekommen, wo es so nicht mehr weitergeht. Die einschneidenden Veränderungen, die jetzt noch kommen können, werden nicht in Richtung Kooperationen gehen, denn die gibt es schon längst.

K.WEST: Sondern?

VON TRESKOW: Dass Theater einfach zugemacht werden. Dagegen müssen wir uns zur Wehr setzen.

ESCH: Daher unsere Forderung – die des NRW KulturSekretariats, der Intendantenkonferenz – nach einem Bestandspakt. Die Bühnen müssen erhalten bleiben. Nur wenn sie erhalten bleiben, können sie sich verändern. Es ist leider auch eine Frage der Kommunikationsstrategie – ein ganz perfides Wort, weil das nach Oberfläche klingt und nicht nach Inhalt. Aber wir müssen lernen, mit der immer kulturferneren Bevölkerung, mit den immer kulturferneren Entscheidungsträgern in den Städten in einen Dialog zu kommen, der auf Augenhöhe stattfindet. Also nicht so wirkt, als erfolge er vom Parnass des Theaters herunter.

K.WEST: Fordern Sie nicht von einem nackten Mann, den die andern bereits ausgezogen haben, dass es sich jetzt auch noch die Haut abzieht, um zu sparen?

ESCH: Deswegen bin ich der Meinung, es gibt einen Punkt, an dem man klar sagen muss: Jetzt ist sparen nicht mehr möglich. Das halte ich für absolut zwingend. Das heißt aber nicht zu sagen, alles bleibt so, wie es ist. Sondern darüber nachzudenken, wie trotz des wenigen Geldes, das nicht noch weniger werden darf, künstlerische Qualität möglich bleibt.     

Bühne
06 / 2010

»NUR WAS ERHALTEN BLEIBT, KANN SICH VERÄNDERN«


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